neandertalerin

   Andrea wusste, dass sie der Mut verlassen würde, wenn sie noch länger zögerte, schließlich hatten sie alles vorher besprochen. Sie würde das Geld verlieren, aber das war ihr nicht so wichtig, denn es hatte sie nicht glücklich gemacht. Sie war es sich selbst schuldig, ihre Ehe hier und heute zu Ende zu bringen und nicht einfach so davon zu laufen. Außerdem würde ihr Mann sie sowieso aufstöbern, egal, wo sie sich auch verbarg. Nein, es musste hier und heute enden, ein für alle Mal.
   Sie ließ die Stola von den Schultern gleiten, schritt zum Ausgang, setzte ihre Sonnenbrille auf, holte tief Luft, und stieß die Tür auf.
   Trotz der dunklen Gläser vor ihren Augen blendete sie die Sonne, unsicher griff sie mit beiden Händen nach dem Geländer und blieb für einen Moment stehen. Die Gäste schauten zu ihr hoch, ihr Mann ebenfalls, doch sie war sich sicher, dass er sie nicht erkannt hatte. Er war kurzsichtig, aber viel zu eitel, um in der Öffentlichkeit eine Brille zu tragen. Wahrscheinlich überlegte er jetzt bereits, wie er sie auf irgendeinem Hotelbett zu einer seiner Erinnerungen machen konnte und es war dieser Gedanke, der sie schließlich ruhig werden ließ und auch das Zittern aus ihren Knien vertrieb.
   Sie löste beide Hände ganz bewusst vom Treppengeländer und nahm die Sonnenbrille ab. Ihren erbleichenden Mann keinen Moment aus den Augen lassend, schritt sie die zehn Stufen der Treppe herab, Sieglindes Blicke waren dabei wie ein Rettungsseil für sie und an ihm hangelte Andrea sich entlang bis neben den Stuhl, der Malte Hansen am Tisch gegenüberstand.
   In seinem Gesicht erschienen rötliche Flecke und seine Blicke flogen zwischen ihr und Sieglinde hin und her. Schließlich kreuzte er die Arme vor der Brust und zischte: „Klemm deinen Hintern auf den Stuhl und sag mir, was ihr beiden hier abzieht.“
   Ein breitschultriger Mann, der mit seiner Frau am Nachbartisch saß, stand auf und zog für Andrea den Korbsessel zurück. „Es gibt noch Männer, die Manieren haben!“, sagte er dabei und warf einen Blick auf Malte Hansen.
   Der beäugte ihn mit schräggelegtem Kopf und sagte kalt: „Hau ab!“
   „Wie meinen?“
   Malte Hansen holte Luft und sagte so laut, dass jeder an den Nachbartischen es hören musste: „Ich meinte, dass du verschwinden sollst! Wenn du keine Lust mehr auf die fette Kuh an deinem Tisch hast, dann geh in den Puff. Aber lass deine Pfoten von MEINER Frau!“
   Alle Gespräche verstummten, der Mann fixierte Malte Hansen mit seinem Blick und die Luft schien zu knistern zwischen ihnen.
   Andrea nickte ihm zu und sagte leise: „Dankeschön. Aber ich will mich gar nicht an diesen Tisch setzen.“
   „Das kann ich verstehen.“ Der Mann machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand in Richtung Hansen und ging wieder zu seinem Platz.