neandertalerin

   Vor zehn Jahren hatte er den ersten Auftrag für ihn erledigen müssen und schon damals gehofft, dass es der Letzte gewesen wäre. Malte Hansen besaß mehr als genug Geld und hätte sich damit längst das mehrmals gebrochene und darum schiefe Nasenbein richten und auch die helle Narbe an seinem kantigen Kinn verschwinden lassen können, doch stattdessen trug er diese Zeichen seiner Vergangenheit wie andere eine Siegesmedaille.
   Er trug Anzüge, für deren Preis sich normale Leute einen Kleinwagen kauften, ließ seine spatenblattförmigen Fingernägel zweimal die Woche von einer Schwuchtel maniküren, spendete jeden Monat möglichst öffentlichkeitswirksam für das Kinderhilfswerk und ließ seinen Grips von einem persönlichen Mentaltrainer fit halten. Doch unter seiner Schickeriaschale lauerte noch immer das Ego eines in die Jahre gekommenen Elefantenbullen und Leute, die ihm ihn die Quere kamen, walzte er platt.
   Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er seine Geschäfte schon lange nicht mehr auf dem Hamburger Kiez als Boss von Schlägern und Geldeintreibern machte, sondern mit einem undurchsichtigen Geflecht dubioser Firmen im Osten Deutschlands, die alle ihren Sitz in einem unscheinbaren Briefkasten in Holland hatten. Er hatte zwar seine Methoden geändert und benutzte jetzt statt Baseballschlägern ein Heer von Anwälten und Politikern, doch das Ergebnis blieb das Gleiche. Nicht einmal seinen Gossenslang hatte er abgelegt, sondern pflegte ihn geradezu und stieß damit jeden vor den Kopf. Und er besaß noch immer das abgegriffene schwarze Notizbuch, in dem nicht nur die Nummer eines gewissen Hamburger Detektivs stand, der es mit der Privatsphäre anderer nicht so genau nahm, sondern auch die von schweren Jungs, gegen die Jack the Ripper ein Waisenknabe war.
   Mit einem Papiertaschentuch trocknete Hansen den Schweiß auf seiner Glatze und fragte: „Wer ist die Tussi, die es meiner Frau besorgt?“
   „Ist das wichtig?“
   Hansen fixierte mit seinem Blick die Augen des Privatdetektivs und die Lufttemperatur in der Lounge schien schlagartig auf arktische Temperaturen zu sinken. „Wer ist die andere Frau?“ wiederholte er. Er hatte nicht lauter gesprochen, nur seine Stimme hatte etwas heiserer geklungen als sonst.
   Scheidler legte einen gelben Umschlag auf das Tischchen zwischen ihnen. „Sieglinde Sommer, sechsunddreißig, ledig, besitzt eine kleine Modeboutique hier in Schwerin im Schlossparkcenter. Alles andere, der Speicherchip mit den Originalen der Fotos und meine Rechnung sind hier.“
   Er zog den Reißverschluss seines schwarzen Seidenblousons hoch und stand auf.
   Langsam griff Hansen nach dem Umschlag, hielt ihn einen Moment in der Hand und verstaute ihn dann sorgsam in der rechten Innentasche seines grauen Maßanzuges von Kilgour, French & Stanbury aus der Londoner Savile Row. Scheinbar ruhig fragte er: „Ist das alles?“
   Für einen Moment war Scheidler versucht, ihm auch noch den Rest zu erzählen. Andrea Hansen hatte für ihre Liebestreffen immer Zimmer in den oberen Etagen des Hotels genommen und penibel darauf geachtet, die Vorhänge zuzuziehen. Doch gestern hatte sie in der ersten Etage gebucht, in deren Zimmer man fast aus den vorbeifahrenden Autos hineinschauen konnte. Mehr noch, sie hatte sogar das Fenster weit geöffnet.