neandertalerin

   Kaum war Scheidler aus der Tür, verstaute Hansen das leere Notizbuch wieder in einer seiner Sakkotaschen. Manche Legenden waren nützlich und er kannte viele Möglichkeiten, Menschen Angst zu machen. Der Schnüffler hatte gesehen, was er hatte sehen sollen, er würde ab jetzt denken, was er, Hansen, gewollt hatte, das er dachte und würde schon aus Angst um seine Knochen den Mund halten. Damit war ein Problem vom Tisch.
   Das zweite Problem hieß Andrea und das machte ihn rasend vor Wut. Doch er hätte es aus der Gosse nicht bis dahin geschafft, wo er jetzt war, wenn er sich diesem Gefühl ergeben hätte.
   Er war kein Idiot, ewige Liebe war etwas für Prolls und Habenichtse, die keine anderen Ziele im Leben hatten als sich einer am anderen festzuklammern. Das war nicht der Grund gewesen, warum er sie geheiratet hatte, sondern seine erste Frau.
   Sie war eine „von“ gewesen und doch nichts weiter als ein Hohlkörper. Er hatte auf seinem Weg nach oben davon geträumt, einmal eine von diesen gepflegt aussehenden, gut riechenden und keine Party auslassenden Schicksen der oberen Zehntausend flachzulegen. Seine Bulldozermentalität und das Geld, das er gescheffelt hatte, hatten ihm irgendwann den Zugang zu ihren Kreisen verschafft und so hatte er eine von ihnen geheiratet. Doch der Traum war zum Albtraum geworden, als sich herausgestellt hatte, was für ein Dummbatzen sie gewesen war.
   Danach hatte er die ewig kopfschmerzgeplagten, nur auf Publicity geilen und alles besser wissenden, aber in Wirklichkeit zu nichts zu gebrauchenden Weiber der High Society sattgehabt. Nicht einmal richtig ficken konnten sie und so hatte er sich eine junge und frische Schönheit aus dem Osten genehmigt, die sich nicht daran gestört hatte, dass er deftiges Deutsch sprach und einen Apfel nicht mit Messer und Gabel aß. Sie hatte das in ihm gesehen, was er war – ein Mann!
   Doch nachdem ihre Mutter in die Kiste gehüpft war, hatte sie sich plötzlich verändert und immer häufiger Kopfschmerzen vorgeschoben, wenn er Bock auf sie gehabt hatte. Da hatte er ihr dann tatsächlich welche verschafft inklusive eines veilchenblauen Auges. Sie hatte ihn voller Hass angesehen, und er hatte ihr auch noch das zweite Auge blau geprügelt – hinterher, nachdem er es ihr richtig besorgt hatte. Seitdem hatten sie sich auseinandergelebt, jeder war seiner Wege gegangen und nur zu diversen Veranstaltungen, bei denen eine gut aussehende Ehefrau wichtig war, um Kontakte zu knüpfen, waren sie noch gemeinsam erschienen.
   Seinetwegen hätte sie auf ihrem Tennislehrer bis nach Jerusalem reiten können – er hätte ihr noch eine gute Reise gewünscht. Sie hätte ihrem Golftrainer den Verstand aus dem Leib vögeln können, er hätte kein Aufheben darum gemacht.
   Doch mit einer anderen Frau? Das war vollkommen daneben. Wenn herauskam, dass eine Lesbe sich von ihm heiraten lassen hatte, um an sein Vermögen zu kommen, würde man sich totlachen über ihn. In seinen Kreisen wurde nichts so ernst genommen wie der Anschein von Macht und jede Schwäche gnadenlos ausgenutzt. Sie machte ihn zum Gespött der Hunde, die alle nach seinen Hacken bissen und das würde er ihr nicht durchgehen lassen.
   Er würde ihr den Geldhahn abdrehen. Das würde ihr viel mehr weh tun als jede Prügel, die er ihr verpassen konnte. Wenn das nicht reichte, um sie zur Vernunft zu bringen, würde er die Modeboutique ihrer Schickse kaufen, und falls die rumzickte dagegen, ein paar Freunde vorbeischicken. Die würden Ordnung schaffen in ihrem Laden und sie würde aufpassen müssen, dass sie nicht einen umfallenden Kleiderständer auf den Kopf bekam. Hier im wilden Osten ging so etwas noch.
   Er blickte auf seine Uhr, sprang von seinem Sessel auf und ließ sich ein Taxi rufen. In zwanzig Minuten begann der Termin, um dessentwillen er nach Schwerin gekommen war. Und danach wurde es Zeit für eine neue Erinnerung.