neandertalerin

   Kurz nach eins marschierte er die Mecklenburgstraße hinunter in Richtung Pfaffenteich. Vielleicht lag es an seinem grimmigen Gesichtsausdruck, dass ihm die entgegenkommenden Passanten auswichen, doch wahrscheinlicher war es die innere Kraft, die er mit jedem seiner Schritte ausstrahlte. Jeder Sieg, den er erkämpfte, füllte seine Energierreserven und diese Power war es, mit der er alles niedertrampelte und die die Leute veranlasste, ihm instinktiv aus dem Weg zu gehen.
   Gerade eben hatte er sie einem bebrillten Oberamtsrat im Bauamt mitten in seine wichtigtuerische Fresse mit dem lächerlichen Zickenbart am Kinn springen lassen. Der Mann war einer von den Typen, die man zusammen mit einer Buschzulage den Neandertalern hier aufs Auge gedrückt hatte, wo sie nichts mehr kaputtmachen, sich bedeutend fühlen und den dicken Max markieren konnten.
   Nur eine Stunde hatte der Kampf gedauert, dessen Ausgang bereits vorher festgestanden hatte, dann waren alle Verträge für den Bau der neuen Villensiedlung unterschrieben gewesen.
   Wie immer, wenn Malte Hansen diesem Provinznest Schwerin einen Besuch abstattete, begann er nach getaner Arbeit seine Erinnerungstour im „Friedrichs“. Er wählte einen Platz im Freien mit einer schönen Aussicht auf die Häuser aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert rund um den Pfaffenteich und setzte sich so, dass er die anderen Tische auf der Terrasse im Blick behalten konnte, ohne dazu den Kopf drehen zu müssen.
   Wie immer bestellte er geschmorte irische Ochsenbäckchen mit Karottenbündchen und Kartoffel-Sellerie-Stampf, die selbst der Sternekoch in seinem Hamburger Lieblingsrestaurant nicht so schmackhaft zubereiten konnte, wie man es hier fertigbrachte und wie immer orderte er eine Flasche Champagner dazu.
   Er ließ seinen Blick über die restaurierten Fassaden der alten Fachwerkhäuser am jenseitigen Ufer des Pfaffenteichs schweifen. Bald würde eine weitere Wiederhergestellte hinzukommen, seine in Mörtel gegossene und in Stein geformte Energie und wie bei so vielen anderen Bauten in dieser Stadt würde das bleiben von ihm.
   Er hatte es richtig gemacht damals, als er, wie so viele andere, auf den Osten gesetzt hatte. Sie hatten es richtig gemacht damals, als sie denen hier im Osten den Soli verpasst hatten, obwohl die weder die Infrastruktur noch die Technologie gehabt hatten, um etwas aus der Kohle aus dem Westen machen zu können. Die Buschzulagenhansel hatten es ebenfalls richtig gemacht, als sie das Kapital in Form von Aufträgen in den Westen und in die großen Firmen zurückgelenkt hatten, statt nur die maroden Ämter aufzubauen und die Betriebe hier auszuschlachten.
   Er hatte sich nie für Politik interessiert, doch als die Grenze gefallen und Kohl etwas von „blühenden Landschaften“ im Osten gefaselt hatte, war das eine mehr als deutliche Einladung gewesen. Zumal der Bundeskanzler tunlichst vermieden hatte, zu erzählen, dass diese blühenden Landschaften ihren Preis hatten, den die Neandertaler schön selbst bezahlen sollten. Wie viele tausend Andere war Malte Hansen losgezogen, das Paradies zu erobern und sich dabei vorgekommen wie ein Weißer, der den Indianern Glasperlen verkauft.
   Es war ein Heidenspaß gewesen, den Ossis, die zwar nicht dumm, aber gutgläubig und unerfahren wie Neugeborene gewesen waren, den Westschund zu verscherbeln. Sie hatten ihnen alles andrehen können, Versicherungen, die sie nicht gebraucht hatten, schrottreife Autos, überteuerte Lammfellheizdecken und Politiker, für die sich im Westen wegen ihrer Blödheit kein Schwein mehr interessiert hatte.