neandertalerin

   Er hatte seine Finger überall hineingesteckt, sich eine goldene Nase verdient und irgendwann war unter seinen Neuerwerbungen auch eine marode Baufirma gewesen. Eigentlich hatte er sie ausschlachten wollen, doch die Leute, die da gearbeitet hatten, waren gutes Material gewesen. Sie waren bescheiden bis anspruchslos, zuverlässig, fleißig und vor allem hatten sie keinen Bock mehr auf Gewerkschaft. Gute Arbeiter, die nicht rumzickten, wenn sie Westgeld in der Lohntüte hatten. Und es waren schöne, vor allem aber unverklemmte Frauen darunter gewesen, die noch lernwillig waren und ihm so manche schöne Erinnerung beschert hatten. Wie Andrea.
   Fünfundzwanzig Jahre hatte sie in der muffigen DDR im Stillen geblüht, drei Jahre waren es bis zur Chefsekretärin bei ihm gewesen, drei Monate, um ihm aufzufallen und nur drei Tage, bis sie nach der Hochzeit begriffen hatte, dass Dienstboten viel besser Waschen und Saubermachen konnten als sie und das Tennis und Golf deshalb so viel Spaß machten, weil die fetten Clubbeiträge die Prolls draußen hielten und man hier unter sich war.
   Sie hatte sich schnell eingefunden in die Rolle als Frau des Chefs und in vollen Zügen ihre Freiheit und seine Kohle genossen. Bis vor einigen Stunden hatte er noch geglaubt, dass sie es sich auch verdient hatte, genau so wie er sich ihr Mona-Lisa-Lächeln, wenn er nach Hause kam. Doch offenbar hatte das Miststück noch schneller und vor allem mehr gelernt, als er gedacht hatte. Er würde ihr eine vor den Latz ballern, dass sie sich hinterher selbst nicht mehr im Spiegel anschauen mochte und dann konnte sie sich seinetwegen hier im Osten bei ihrer lesbischen Modetussi verkriechen. Wenn es die dann noch gab.
   Doch nicht heute. Heute war wieder sein „Schwerin-Tag“. Es war kurz vor zwei und langsam füllte sich die Außenterrasse mit Gästen. Eine Frau mit einem beeindruckenden Fahrgestell stand unschlüssig am Eingang zur Terrasse. Sie trug ein taubenblaues Kostüm, das gut genug geschnitten war, um eine Figur, die einmal atemberaubend gewesen sein musste, zur Geltung zu bringen. Ihr schmales Gesicht mit den hohen Jochbögen rahmten auffallend lange schwarze Locken mit einer roten Strähne darin. Sie gab Ihr etwas Wildes, das jedoch von den Grübchen in den Wangen und der etwas zu kleinen Nase wieder gemildert wurde.
   Sie gab sich sichtbar einen Ruck, begann sich zwischen den Tischen hindurchzuschlängeln und die Art, wie sie das tat und wie sie ihre Hüften dabei schwang, sagte ihm, warum sie hier war und dass sie seine heutige Erinnerung werden würde.
   Mit beiden Händen hielt sie ihre Handtasche vor den Körper und er wusste, warum sie das tat. Es war eine Schutzgeste, tief aus ihrem Unterbewusstsein, mit dem sie ihre Unsicherheit kaschieren wollte. Wie er auch wusste, was als Nächstes geschehen würde und richtig – sie ließ ihren Blick unter gesenkten Wimpern über die Gesichter der Gäste wandern, an denen sie vorbeiging, ließ ihn eine Zehntelsekunde zu lange auf ihm ruhen, stockte fast unmerklich in ihrem Schritt und nahm dann den freien Tisch neben seinem. Es war keine Überraschung für ihn, dass sie sich dabei so setzte, dass sie ihn beobachten konnte, auch wenn ihr dabei die Nachmittagssonne voll in die Augen brannte.
   Frauen wie sie gab es im Osten wie Bernstein am Strand und man musste sich nur nach ihnen bücken, um eine schöne Erinnerung zu haben. Es war der Grund, warum er hier saß, immer, wenn ihn seine Geschäfte nach Schwerin führten – wie auch in jede andere Stadt der Neandertaler. Er sammelte solche Erinnerungen, weil sie ihm zustanden.
   Sie weiß es noch nicht, aber sie ist wegen einem Mann wie ihm hier. Deswegen hat sie ihr bestes Kostüm angezogen und ihr teuerstes Parfüm aufgelegt. Ihr Alter wird seinen fetten Arsch gegen siebzehn Uhr aus seinem Chefsessel im Amt, einem Büro oder sonst wo hieven, dann wird er Tennis spielen oder im Fitnesscenter versuchen, seinen schwabbeligen Körper in Form zu bringen, was ihm natürlich nicht gelingen wird. Er tut es nicht mehr für sie – die Zeit, in der ihn interessiert hat, was sie über ihn denkt, ist längst vorbei und so weiß er eigentlich nicht, warum er es überhaupt tut.