neandertalerin

   Sie wird gegen zwanzig Uhr nach Hause kommen, ihn flüchtig auf die Wange küssen, sagen, dass sie von ihren Freundinnen kommt und das war es. Eine ganz normale Ehe, in der er die Kohle ranschafft, sie sie wieder aus dem Fenster schmeißt und ihm dafür das Gefühl gibt, alles sei in Ordnung.
   Doch es war einmal anders gewesen und das ist der Grund, warum sie am frühen Nachmittag in ihrem besten Kostüm hier im „Friedrichs“ sitzt. Sie war einmal eine heiße Braut und etwas in ihr kann sich nicht damit abfinden, dass es für immer vorbei sein soll. Sie will Leidenschaft in den Augen eines Mannes sehen, die sie entzündet hat, und bestätigt bekommen, dass sie noch immer schön und begehrenswert genug ist, einen Mann scharf auf sich zu machen. Sie will Hände auf ihrem nackten Körper spüren, starke Hände mit Haaren auf dem Rücken, die sie auch tragen können. Sie will Selbstbestätigung als Frau und dafür ist sie bereit, so gut wie jeden Preis zu bezahlen. Doch sie will einen Mann, der sie auch wert ist und nicht so einen Looser wie ihren Ehekrüppel, einen, bei dem sie sich geborgen fühlen kann, der Stil und Power hat wie ein Malte Hansen.
   Sein perfekt gewählter Platz mit dem hüfthohen Zaun im Rücken und neben dem Durchgang für das Personal wird sie bald zwingen, einen zweiten Blick auf ihn zu werfen. Das wird sie über eine mit einer zierlichen Hand halb erhobenen Kaffeetasse hinweg tun, vielleicht auch über den Rand eines Cocktailglases. Sie wird es verstohlen tun, in der Hoffnung, dass er ihn nicht bemerken wird. Doch in Wirklichkeit wird ihr Unterbewusstsein nichts sehnlicher wünschen, als das er genau das tun wird – sie bemerken und ihr zeigen, dass sie wichtig genug für ihn ist.
   Was er natürlich nicht machen wird, schließlich ist er kein Idiot. Im Gegenteil, er wird einen Sekundenbruchteil ihre Augen fixieren, seinen Blick über ihren Körper gleiten lassen und dann, als wäre sie eine Kuh von vielen anderen auf seiner Weide, die keinen zweiten Blick wert ist, über den Pfaffenteich schauen.
   Bei ihrem Aussehen wird sie eine solche Ablehnung verunsichern. Sie wird rot werden, sich fragen, ob sie nicht mehr attraktiv genug ist für einen Mann wie ihn, über die anderen Tische blicken und dann in ihrer Handtasche herumfummeln.
   Doch ihr Unterbewusstsein wird nicht aufgeben und schon wenige Minuten später wird es zusammen mit dem Alkohol ihres Drinks einen Weg gefunden haben. Sie wird ihm einen dritten Blick zuwerfen, direkter diesmal und zuvor wird sie ihre Sitzposition verändert haben. Entweder wird sie die strammen braunen Beine übereinanderschlagen oder sie wird sich ein Stück weit zu ihm drehen. Nicht so, dass es jemandem auffallen würde, aber deutlich genug für ihn, der weiß, auf was er zu achten hat.
   Dann wird er aufstehen, an ihren Tisch gehen, an dem sie ihn schon sehnsüchtig erwartet und sie wird dankbar dafür sein, dass er die Initiative ergriffen und das getan hat, wozu ihr der Mut fehlte. Alles Weitere wird sehr schnell und direkt passieren, denn sie ist nicht zum Reden hierhergekommen und mit ein bisschen Glück kann er heute Abend noch nach Hamburg zurückfahren. Nicht, dass es wichtig ist – nur einfacher und er müsste nicht noch eine ganze Nacht in einem fremden Hotelbett verbringen.
   „Kann ich noch etwas für Sie tun?“
   Die Bedienung riss ihn aus seinen Gedanken und am Rande seines Gesichtsfeldes sah er, wie die Frau am Nebentisch sie beobachtete. Er musterte die Kellnerin von Kopf bis Fuß, länger, als es höflich war. Sie dürfte kaum zwanzig sein und sah auch nicht wirklich hässlich aus, aber für junges Gemüse ohne Klasse hatte er noch nie etwas übrig gehabt. Eigentlich war schon ihre Frage eine Frechheit.