neandertalerin

   Fast ohne es zu bemerken, leckte er sich über die Lippen und ging mit seiner Antwort den direktesten Weg: „Das sind Sie, falls Sie nicht vorhaben, den Rest des Nachmittages an diesem Tisch zu verbringen.“
   Ihr Lachen klang irgendwie genauso falsch wie ihre Antwort: „Sie haben aber Dampf drauf. Wo würden Sie denn den Rest des Nachmittags verbringen wollen? Mit mir natürlich, nehme ich an.“
   „In einer Hotelsuite, wo sonst?“
   Ihr Handy klingelte, sie blickte stirnrunzelnd auf das Display, hob das Gerät ans Ohr und sagte: „Ja?“
   Das passte ihm gar nicht und er zeigte es ihr deutlich mit seinem Gesichtsausdruck. Sie hob einen Zeigefinger an ihre perlmuttfarben geschminkten Lippen und nickte ihm verschwörerisch zu. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, sagte sie ins Telefon: „Natürlich hast du Angst. Das hätte ich auch. Es ist etwas anderes, im Geheimen alle Brücken hinter sich abzubrechen, als ihm dann gegenüberzutreten. Ich verstehe dich. Aber vertrau mir, ich pass schon auf, dass dir nichts passiert. Und jetzt mach!“
   Sie trennte die Verbindung, seufzte wieder, ließ das Handy in die Tasche fallen und sagte zu ihm: „Das war meine Freundin. Sie hat ein paar Probleme mit ihrem Mann.“
   „Ach ja?“ Es interessierte ihn nicht die Bohne.
   Doch sie schien auf einmal das Mitteilungsbedürfnis gepackt zu haben. „Oh ja. Sie hat vor ein paar Jahren einen kranken Brutalo geheiratet, der sie verprügelt hat und der mit jeder Frau ins Bett geht, die er bekommen kann. Jetzt hält sie es nicht mehr aus mit ihm und will ihn los werden, weiß aber nicht wie. Ich helfe ihr da ein bisschen.“
   Er schnaubte: „Für so etwas gibt es Anwälte!“
   „Nur, wenn sie Geld hat. Das hat aber alles er und außerdem gibt es einen Ehevertrag, der im Falle einer Scheidung dafür sorgt, dass sie keinen Cent bekommt.“
   „Dann soll sie ihn abknallen. Notwehr oder so etwas.“ Er wurde langsam wütend.
   Sie lächelte mit schmalen Lippen: „Doch nicht so eine einfache Männerlösung. Frauen machen so etwas eleganter. Es muss ihm ja schließlich richtig weh tun, finden Sie nicht auch?“
   Ihre Stimme hatte geklungen, als nähme sie das, was ihrer Freundin widerfahren war, sehr persönlich.
   Sie sagte ruhig: „Ich sehe schon, das interessiert sie nicht. Sie würden mich viel lieber ohne viel Worte flachlegen, oder?“
   „Wozu sind Sie denn sonst hier? Ihr Gefühl weiß das besser als Sie. Es hat Sie an meinen Tisch geführt. Vertrauen Sie ihm!“