out_of_the_dark

Schutzengel: out of the dark
   
Alte Biker sind entweder harte Hunde oder tot. Es gibt nichts dazwischen. Hartwig hatte in den letzten fünfzig Jahren immer rechtzeitig genug seinen Kopf eingezogen, wenn der Sensenmann nach Beute Ausschau gehalten hatte. Drei Unfälle hatte er überlebt, seine Maschinen nicht.
   In Gedanken saß er bereits wieder auf dem Tier seiner Träume. Seine Super Blackbird, war schwarz wie das Herz eines Kredithais, sauschnell und das Leben wurde erst schön, wenn ihm der Schwarze Mann bei einem Ritt auf dem Bike seinen eisigen Atem in den Nacken blies. Nichts Vergleichbares existierte in der Welt, außer vielleicht die Nächte, in denen Maja ihn fliegen ließ und sein Universum bis zum Rand mit Lust und dem Duft ihrer schweißüberströmten Samthaut füllte.
   Sie stellte einen Halbliterpott mit Kaffee vor ihn auf den Küchentisch. Verführerisch stieg ihm der Geruch der schwarzen Brühe in die Nase. Mit einer Hand langte er nach dem Pott und hob ihn an. Einen Sekundenbruchteil später griff er auch mit der zweiten Hand zu.
   Maja verzog die Lippen. „So eine Kaffeetasse kann ganz schön schwer sein für einen Zweizentnermann wie dich, was?“
   Die Uhr an der Küchenwand zeigte halb elf. Um diese Zeit war noch nicht viel in ihm wach. Er schlürfte den Kaffee in sich hinein und blickte Maja über den Rand der Edelstahltasse an. Halbvoll stellte er sie so vorsichtig, als wäre sie höchstzerbrechlich, wieder auf den Küchentisch, warf ihr einen bedauernden Blick zu und schob sie mit einer endgültigen Bewegung zur Seite. „Ich muss los!“
   Majas Augen wurden schmal. „Denkst du, ich sehe nicht, dass du beide Hände brauchst, um die Kaffeetasse zu halten, weil du so müde bist? Und dann willst du noch mit der Maschine fahren? Wir haben Winter!“
   „Du brauchst das Auto heute.“
   „Ich kann auch zu Hause bleiben!“
   „Nein!“
   Alle Antworten dazu hatte er ihr bereits gegeben und nicht nur einmal. Sie konnten sich keine zwei Autos und die Super Blackbird leisten, von irgendetwas mussten sie auch noch leben und lieber hätte er sich den Arm abgehackt, als auf die Maschine zu verzichten. Aber Maja sollte auch nichts aufgeben müssen und ihre Freiheit haben.
   Er griff nach seinem Integralhelm, drehte sich zur Tür und ging, wortlos und ohne Abschiedskuss. Zusammen mit dem ersten Aufheulen des Motors kam der Adrenalinschwall und er spülte alle Sorgen, die Müdigkeit und selbst die Erinnerung an die schönsten braunen Augen dieser Erde aus seinem Kopf, als würde nichts davon existieren.
   Lange saß Maja noch am Küchentisch. „Fahr nicht so schnell!“ hatte sie ihm hinterhergerufen, doch er hatte es nicht mehr gehört. Schließlich riss sie sich zusammen, wischte sich die Nässe aus den Augenwinkeln, und begann, die Küche aufzuräumen.
   Dreizehn Stunden später kam für Hartwig die Angst. Die große Digitaluhr über dem Eingang hatte schon vor einer ganzen Weile auf den neuen Tag umgeschaltet und zeigte das Datum des zehnten Januar 2016. Die Mädels hatten Feierabend gemacht, er hatte penibel überprüft, ob alle Türen abgeschlossen waren und dann die Einnahmen des Tages gezählt.
   Mehr als dreihundert Gäste hatten ihren Spaß gehabt und ihm dabei jedes Quäntchen Kraft aus den Knochen gesaugt, wie auch schon in den Tagen und Wochen davor. Die Arbeitsbelastung im Bowlingcenter war saisonabhängig. Im Sommer herrschte oft gähnende Leere in der großen Halle, im Winter brannte die Hütte, der Dauerlärm war kaum auszuhalten und das Personal schob Stunden ohne Ende.
   Niemals hätte er zugegeben, dass sein Körper längst über die Grenze hinaus war, an der Schmerz noch irgendeine Bedeutung hatte. Er funktionierte nur noch, mehr nicht. Doch er war ein harter Hund, ein Biker, er fürchtete weder Tod noch Teufel und niemals hätte Hartwig jemandem erzählt, dass es die Ruhe nach dem stundenlangen Lärm in der riesigen Halle war, die ihn innerlich zittern ließ. Denn diese Stille war trügerisch. Das Baumaterial glich Temperaturunterschiede aus und erzeugte dabei Töne, die ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagten.
   Er überprüfte noch einmal die Eingangstür, zögerte unmerklich, löschte dann das Licht im Bowlingcenter bis auf die Lampen über den mittleren Bahnen und tat etwas, was er nie zuvor um diese Zeit gemacht hatte: er drehte die Anlage voll auf.