out_of_the_dark

   Die plötzliche Wucht der Gitarrenriffs von AC/DC überdeckte jedes andere Geräusch. Er rollte die Ölmaschine an die Bahnen und dachte an die Gäste von heute. Für Einige war er nichts weiter gewesen als ein Hanswurst und gesprungen, wenn sie mit dem Finger geschnippt hatten. Stundenlang würde die Erinnerung an die Demütigung in ihm weiterbohren und dafür sorgen, dass er nicht gleich nach dem Ende der Spätschicht ins Bett gehen konnte. Selbst dann würde ihn die Wut noch eine Weile wach halten. Wie immer. Scheißnächte, trotz Maja.
   Die ersten Takte von „Fools“ begleiteten ihn in den Maschinenraum. Grimmig verzog er die Lippen. Acht Minuten und sechsundzwanzig Sekunden – vielleicht schaffte er es heute, alle Lappen an den Maschinen zu wechseln und die Pins zu zählen, bis Deep Purple mit ihren „Narren“ durch waren. Die vierzehn übermannsgroßen Zicken aus Stahl und Plastik hier hinten wollten gepflegt werden. Wenn Maja mit ihm abhob, hinterließ sie nur ein paar Kratzer auf seinem Rücken, die Tussis hier im Maschinenraum hingegen waren brutal. Sie kratzten, bissen und spuckten, wenn er ihnen nicht gab, was sie wollten. Da verstanden sie keinen Spaß.
   Maja schon. Sie liebte es, mit ihm auf dem Bike unterwegs zu sein. Selten genug, dass sie die Zeit dafür fanden. Manchmal, wenn sie an einer Ampelkreuzung warten mussten, lüftete sie ihr Helmvisier und blies ihm ihren warmen Atem in den Nacken. Genau in den Spalt zwischen Helmrand und Jackenkragen. Dann lachte sie, wie nur sie es konnte…
   Ian Gillan verstummte für das, was aus „Fools“ Musik aus einer anderen, einer dunkleren Welt machte; diesen einen immer wiederholten Akkord des Synthesizers. Immer wieder, immer lauter.
   Der letzte Lappen verfing sich in einem Treibriemen, Hartwig fluchte flüsternd: „Halt still, du blöde Kuh!“, doch die Maschine tanzte weiter auf ihrem Fundament im Takt der Musik. Oder schien es ihm nur so?
   Tarja Turunens göttliche Stimme flutete die Halle und er rannte fast in die Umkleide, den Kopf voller wirrer Gedanken. Die Jungs von „Nightwish“ waren dämlich gewesen, wie hatten sie diese Frau nur gehen lassen können? Morgen musste er wieder auf Knien die schwarzen Streifen auf dem Anlauf beseitigen. Ein Kinderball fehlte, wahrscheinlich lag er unter einer Bahn. Hose, Stiefel – wo war der Nierengurt? Maja hatte ihn gestern geflickt und auch noch eine wärmende Watteschicht eingearbeitet, ohne dass er es ihr gesagt hatte.
   Eilig griff er nach der Jacke und löschte das Licht im Personalraum. Am Counter zögerte er einen Moment. Dann hielt er die Luft an und schaltete die Anlage und das letzte Licht aus.
   Die riesige Halle versank in Dunkelheit und Stille. Doch nur für einen Moment, dann knackte etwas in der Decke und Füße tappten schmatzend durch das Öl auf den Bahnen. Nackte Füße.
   Hartwig begann zu zittern. Jemand war hier, er wusste es.
   Ein warmer Hauch traf ihn den Nacken. Er zuckte zusammen, stieß sich den Ellenbogen an einem Schrank und ließ den Helm zu Boden poltern. Mit hämmerndem Herz klaubte er ihn hastig vom Boden, rieb sich den schmerzenden Arm und hetzte zur Tür.
   Er knallte sie von außen zu, lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen und tastete mit zitternden Händen nach dem Schlüssel in seiner Jackentasche; jeden Moment darauf gefasst, dass eine gigantische Kraft die Stahltür aus dem Rahmen reißen und ihn unter sich begraben würde.
   Doch nichts geschah und nach einigen, ihm endlos erscheinenden Sekunden stieg er die Treppe hinab. Er ließ sich auf die letzte Stufe sinken, atmete tief die eisige Nachtluft ein, versuchte, sich zu beruhigen und fragte sich dann, was die Luft bewegt haben mochte in der leeren Halle. Die Belüftung hatte er vorhin ausgeschaltet und hier, unter dem nächtlichen Sternenhimmel, war ihm sein Angstanfall selbst peinlich.
   Es waren nur seine überreizten Nerven, der verdammte Stress und die Müdigkeit gewesen, die ihn hatten glauben lassen, jemand würde hinter ihm stehen und ihm in den Nacken atmen. Nichts davon war real. Vielleicht hatte Maja doch Recht und er tanzte gerade auf einer Linie, die er besser nicht übertrat. Irgendetwas in ihm sendete Signale und er war eigentlich erfahren genug, sie zu verstehen. Aber hatte er denn eine Wahl?
   Todmüde stemmte er sich von der Treppenstufe hoch. Das Tier seiner Träume lauerte ein paar Schritte weiter. Die schwellenden Muskeln unter einer unscheinbaren, samtschwarzen Vollverkleidung versteckt, kauerte es im Schatten und wartete auf ihn. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn einmal herum und ein sattes Brummen zerriss die Stille der Nacht. Der Dämon war erwacht. Ein winziges Zucken in Hartwigs rechter Hand würde genügen, die unbändige Kraft des Vierzylinders freizugeben und aus dem Brummen des Untiers ein jubilierendes Kreischen zu machen. Doch Hartwig hatte keine Angst. Nicht vor ihm.
   Drei Rechtskurven, dann könnte er auf der Umgehungsstraße sein, nach drei Sekunden bei Tempo einhundert, neun Sekunden später bei zweihundert und kurz darauf wäre der Drehzahlmesser im roten Bereich. Die Welt würde auf einen dunklen Tunnel zusammenschrumpfen, in dem nur noch dieses Tier unter ihm und er selbst, bis zur Halskrause zugedröhnt mit Adrenalin, existierten. Er würde Falco in seinem Kopf mit seinem „Out of the Dark“ hören und wenn das tote Genie bei seinem letzten „muss ich denn sterben, um zu leben“ angekommen war, würde er endlich schlafen können. Der Stress wäre vorbei, der Mahlstrom der niemals endenden Gedanken in seinem Kopf würde versiegen und er würde frei sein. Für immer.
   Einmal noch fliegen…