out_of_the_dark

   Er holte tief Luft, schloss den Helm und stieg auf. Der erste Gang zierte sich, als er dann doch einrastete, klang es wie ein böses Lachen. Ein Schatten schwang sich hinter Hartwig auf die Maschine und blies ihm den gleichen warmen Atem in den Nacken, den er auch in der Halle gespürt hatte. Hartwig erschauerte, ließ die Kupplung springen und raste los.
   Trotz der eisigen Nacht war die Straße trocken. Nach zwei Ampeln, deren Farbe ihn nicht interessiert hatte und drei Rechtskurven bog er auf die Umgehungsstraße ein. Mit einem wölfischen Grinsen riss er den Gasgriff auf; der Hinterreifen brannte einen schwarzen Streifen auf den Asphalt und der aufkreischende Motor katapultierte mit brachialer Gewalt das Vorderrad in die Luft. Hartwig kämpfte, um den Dämon im Griff zu behalten und genau so hatte er es gewollt. Der Scheinwerfer der Super Blackbird fetzte einen Tunnel aus Licht aus der Dunkelheit und es war für ihn die Startbahn zu seinem letzten Flug.
   Er wollte in den nächsten Gang schalten, doch plötzlich färbte sich der Tunnel vor ihm blutrot und der Schatten in seinem Rücken verbrannte ihm mit seinem Atem den Nacken. Hartwig ging mit allem, was er hatte, in die Eisen, mitten auf der Umgehungsstraße. Er schaffte es gerade noch, den Seitenständer aus und das Visier hochzuklappen, dann erbrach er sich, noch immer auf dem Bike sitzend.
   Minutenlang kotzte er sich die Seele aus dem Leib, immer wieder, und wenn er glaubte, es sei endlich vorbei, kam die nächste Welle, bis er schließlich vor Entkräftung von der Maschine fiel.
   Es dauerte Minuten, bis er sich stöhnend wieder aufrichtete. Mit zitternden Händen tastete er nach einer Zigarette, nahm einen Zug und ließ sie mit einem inbrünstig gemurmelten „Scheiße“ wieder fallen. Sie hatte gallebitter geschmeckt. Was war er doch für ein harter Hund – ausgeknockt von einem Schatten. Einfach so.
   Eine halbe Stunde später kam er zu Hause an. Er reinigte noch notdürftig die Maschine im Mondlicht, duschte danach und legte sich dann leise zu Maja.
   „Alles gut?“, fragte sie. Sie schlief nie sehr fest, wenn er Spätschicht hatte und mit der Maschine unterwegs war.
   „Aber natürlich!“, brummte er und drehte sich sofort zur Seite. Er konnte Maja jetzt nicht küssen, noch immer hatte er den Geschmack von Galle im Mund und es war schon schlimm genug, dass sie am Morgen die vollgekotzten Klamotten sehen würde.
   Sie wartete noch, bis seine Atemzüge lang und tief wurden. Dann stand sie leise auf, ging ins Badezimmer und wusch seine Sachen mit ihren Händen, damit der Gestank sich nicht in der Wohnung festsetzte. Schließlich nahm sie noch die Schlüssel für sein Bike und versteckte sie so, dass Hartwig sie nicht finden konnte. Morgen würde sie ihn zur Arbeit fahren und auch wieder abholen.
   Danach legte sie sich still wieder zu ihm, stützte den Kopf in die Hand und blickte ihn nachdenklich an. Er würde nie Gedichte für sie schreiben und ein fremder Mann, der sie zu lange ansah, hatte gute Aussichten, sehr schnell im Krankenhaus zu landen, wenn Hartwig das mitbekam. Doch seine Lippen waren auch die zärtlichsten, die sie je geküsst hatten und wenn er seine Arme um sie schlang, wusste sie, dass ihr nichts Böses in dieser Welt etwas anhaben konnte. Weil er es niemals zulassen würde.
   Sie seufzte leise, schlang die Arme um ihn und wie jede Nacht strich ihr warmer Atem dabei gleich einem gehauchten Kuss über seinen Nacken.
   Hartwig dachte an den Schatten, der sich am Bowlingcenter hinter ihm auf die Maschine geschwungen hatte. Er schluckte. Und niemals würde er zugeben, dass das, was da plötzlich aus seinem linken Augenwinkel rann, eine Träne war. Schließlich war er ein harter Hund.