21 Juli 2022

Plaedoyer: Sourcecode

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Ein Handy summte. Max warf einen Blick auf das Display, scrollte herunter, dann legte er es wieder zur Seite.

„Das mit den Kameras gefällt mir nicht. Ich fühle mich nackt.“ Viktorias Stimme klang müde. Sie hatte zu viel geredet, zu viel geraucht und zu viel Wein getrunken.

„Besser nackt als tot,“ brummte er. „Wenn der nächste Schub kommt, du bist alleine …“ Er schüttelte den Kopf. „Nee, kleine Schwester, ich weiß, wovon ich rede. Ein Notrufknopf hilft dir nicht, wenn du dich nicht bewegen kannst.“

Wieder meldete sich sein Handy, wieder scrollte er eine Weile durch das Display, bis er es zur Seite legte.

„Es nervt!“

Er grinste. „Ist nun mal mein Job. Muss doch ab und zu mal gucken, was die Kids in Hamburg treiben. Wieso hat Hartwig nichts mitbekommen?“

„Weil ich es nicht wollte!“ Immer noch klang Aggressivität in ihrer Stimme.

Max sah sie nur an. Sie zuckte die Schultern. „Entschuldige, war wohl ein bisschen viel, die letzten Wochen. Der Schub kam zwei Tage, bevor er im Hotel eintraf. Ich war fast verrückt vor Angst und hatte mich mit Medikamenten zugedröhnt, auch die Woche, die er noch bei mir war. Jeden Tag habe ich gebetet, dass er nichts merkt und wenn ich es vor Schmerzen nicht mehr ausgehalten habe, hat mich Sabrina ins Institut gefahren.“ Sie strich sich mit der Hand über den Kopf, massierte sich kurz den Nacken, dann ließ sie den Kopf gegen die Lehne des Sessels sinken. „Vielleicht ist es gut, dass er weg ist. Ich will nicht …“

„Hör auf mit dem Scheiß!“

„Wie bitte?“

„Du jammerst!“

„Echt?“

„Ja!“

Sie lachte, es klang zwar müde, aber irgendwie ein wenig fröhlicher. „Danke.“

„Ist schon gut, kleine Schwester. Dafür hat man einen Bruder und der sagt dir, dass man auch in einem Rollstuhl leben kann. Wir müssen nur eine Aufgabe für dich finden.“ Er legte ihr wieder die Hand auf den Arm, da summte sein Handy erneut.

„Max, bitte! Schalte es ab oder geh ins Bett.“

„Moment.“ Er scrollte, las, dann lachte er herzhaft. „Das glaub ich jetzt nicht! Moment, da kommt noch etwas. Wird dich interessieren.“

„Heute nicht. Ich bin schrecklich müde.“

„Ich glaube, das macht dich munter.“

Sie stöhnte. „Dann mach es kurz.“

Er hustete und es hörte sich so an, als müsste er sich das Lachen verkneifen. „Also, wie es aussieht, ist in Luxemburg genau das gleiche passiert wie vor zwanzig Jahren, sogar in der gleichen Bank. Man hatte nur den Deckel drauf gelassen, bis man einen gewissen Jean-Louis Danglar verhaftet hatte.“

„Was?“ Jede Müdigkeit verschwand aus Viktorias Gesicht. „Was?“

Er scrollte durch sein Handy. „Also erst hat wohl jemand seine ganzen Nachrichten gehackt und Kopien davon an alle Frauen geschickt, die er im Bett gehabt hatte. Einige von ihnen wollen wohl Anzeige erstatten.“

„Ich denke, die Bank …“

Max winkte ab. „Pass auf, jetzt kommt es. Dann hat jemand die Bankzugänge von außen gehackt, ist eingedrungen und hat ein paar hundert Konten durcheinandergewirbelt. Wie es aussah, geschah das, um den Transfer von zwei Millionen Dollar auf ein Off-Shore-Konto auf den Cayman-Inseln zu verschleiern. Sie haben drei Wochen gebraucht, um das herauszufinden und noch einmal eine Woche, um den Besitzer des Kontos ausfindig zu machen. Rate mal?“

Ihre Augen glänzten. „Danglar?“

Er nickte nur und seine Augen glänzten genau so wie ihre.

„Dieser Schweinehund,“ flüsterte sie.

„Dass er das ist, weißt du doch schon seit zwanzig Jahren. Jetzt ist er nur endlich aufgeflogen damit.“

„Ich meinte nicht ihn.“

Bevor er darauf etwas erwidern konnte, meldete sich sein Handy erneut. Er nahm es auf, scrollte durch den Bildschirm, murmelte: „Das ist nicht wahr,“ und scrollte weiter.

„Was? Max!“

„Sie haben …“ Er tippte etwas ein, dann sprach er weiter. „Sie hätten es überhaupt nicht bemerkt, wenn sie – auch wie vor zwanzig Jahren – nicht ein vergessenes Codefragment gefunden hätten. Ich habe meinen Leuten gerade gesagt, sie sollen es mir schicken.“

Viktor schloss die Augen, ballte die Fäuste und murmelte wieder: „Du Schweinehund!“

Dann kam die Nachricht, Max entsperrte das Handy und wollte vorlesen. Viktoria riss es ihm aus der Hand, suchte nach der Nachricht und erstarrte, als sie sie gefunden hatte. Fassungslos starrte sie darauf. „Das … das … du Schweinepriester!“ Sie lies das Handy sinken, hob es fast im gleichen Moment wieder vor die Augen und Tränen fielen auf das Display. Sie wischte sie weg. „Das ist mein Code,“ stellte sie unter Lachen und Weinen gleichzeitig fest. „Der Mistkerl hat meinen Code benutzt, um die Bank zu hacken!“

„Von wem reden wir genau?“

„Du …“ Sie stieß ihn vor die Brust. „Du weißt genau, von wem ich rede! Oh, ich werde ihn finden! Ich bringe ihn zur Strecke! Ich reiß ihm den Arsch auf, dass er sich wünscht, nie geboren worden zu sein! Max! Sag was!“

Er hatte nichts weiter als ein stilles, glückliches Lächeln im Gesicht.

„Max!“

„Ähm, ja bitte?“

„Wir finden ihn. Wir müssen ihn finden!“

„Und dann?“

„Ja, und dann …“ Sie verstummte. Lange Zeit sagte sie gar nichts mehr. Verträumt blickte sie auf das Bild auf ihrem Kaminsims.
Dann flüsterte sie: „Max? Ist Sex im Rollstuhl eigentlich sehr schwierig?“

*** ENDE ***

 

Ebenso wenig, wie ich wissen kann,
was Sie beim Lesen dieser Zeilen empfanden,
kann es Ihnen gelingen, nachzufühlen,
was ich empfand, als ich sie schrieb.
Nur eines ist sicher: Wir fühlen,
daran kann unmöglich ein Zweifel bestehen.
So existiert bei allem, was uns scheinbar trennt,
doch etwas, das uns verbindet.
Sollten wir uns daran nicht aufrichten?
RHCSo


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt

10. Fessle mich!

11. Sourcecode