20 Juli 2022

Plaedoyer: Absturz

Der Absturz

Sie wartete nicht, dass ich ihr den Arm hinhielt, sondern ging einfach los. Vielleicht war es auch ganz gut so. Es passte zu diesem Abend, dass ich mir gerade selbst eine reingehauen hatte. Sie hätte es bemerkt, hätte sie mir ins Gesicht gesehen und wahrscheinlich auf sich bezogen. Was es aber nicht gewesen war. Genau diesen Satz hatte ich schon einmal gesagt, vor vielen, vielen Jahren. Damals war es ein Abschied gewesen und was danach gekommen war in meinem Leben, hatte seinen Anfang mit diesem Fehler genommen.

Sie war so lang und dürr gewesen wie eine Bohnenstange. Nie hatte jemand außer mir sie in einem anderen Kleidungsstück als Röhrenjeans gesehen und sie hatte mehr übers Coden vergessen, als ich je wissen würde. Sie war zwei Semester über mir gewesen in Dresden an der Uni, irgendwann hatte sie sich an unsere alten Zeiten erinnert oder Mitleid mit mir gehabt und mir an einem Wochenende die Grundsätze dessen eingeprügelt, nach denen ich bis heute meine Programme schrieb. Bei jedem Fehler hatte sie mir eins auf die Nuss gegeben, irgendwann hatte ich ihren Arm festgehalten und es war gekommen, wie es kommen musste. Das Wochenende hatte nur aus coden, ihren Kopfnüssen und, wenn sie merkte, dass mein Kopf eine Pause brauchte, aus Sex bestanden. In ihr hatte ein unglaubliches Feuer gelodert und sie hatte es in mir entflammt, so sehr, dass ich in jeden Code, den ich schrieb, ihr Denkmal einbrannte. Dann, kurz vor Ende des Studiums, war ihr Bruder an Multipler Sklerose schwer erkrankt. Sie hatte eine Entscheidung treffen müssen, ich auch und meine war die Falsche gewesen. Die Welt, in die ich mich danach aufgemacht hatte, war eine ohne sie gewesen.

Es waren vielleicht zwanzig Schritte bis zum Lift. Als wir ihn erreichten, sagte ich: „Es ist gleich die erste Etage.“

Sie warf mir einen nachdenklichen Blick zu, ging zur Seite und setzte einen Fuß auf die erste Treppenstufe, direkt neben dem Aufzug. Sie raffte den langen Rock, nur ein paar Zentimeter, kein bisschen anzüglich, fast wie ein Mädchen, dass seinen ersten Knicks übt. Die erste und jede folgende Stufe nahm sie wie ein Mannequin auf dem Laufsteg. Jeder ihrer Schritte spannte glänzende Seide über Po und Oberschenkel, straffte Wadenmuskeln über schlanken Fußgelenken und die Nähte ihrer schwarzen Nylons befeuerten eine Landepiste, die auch ein Jumbojet nicht verfehlen konnte. Nach Atem ringend folgte ich ihr und brauchte oben drei Versuche, bevor meine Hand mit der Karte den Schlitz des elektronischen Schlosses in der Zimmertür traf.

Ich stieß sie auf, die Spots in der Flurdecke gingen an und sie ging an mir vorbei, so kühl wie ihr trockener Sandelholzduft. Sie kräuselte ein wenig die Lippen, als sie den Abdruck meines Körpers auf der Bettdecke sah, dann lehnte sie sich im Vorraum mit dem Rücken an die Wand und kreuzte die Arme unter ihren Brüsten. Unter halb gesenkten Wimpern schaute sie mich an und es war, als hätte das Zimmer eine neue Besitzerin.

Wilde Gedanken waren mir durch den Kopf geschossen, hinter ihr, auf der Treppe. Ihr dünner Seidenrock hatte sich so eng um Po und Oberschenkeln geschmiegt, dass sich die Bänder ihrer Strumpfhalter bei jeder Bewegung abgezeichnet hatten, und ich hatte mich gefragt, warum es dann der Saum ihres Slips nicht auch tat. Die einzig mögliche Antwort führte zu dem, was sie in meinem Kopf zu wollen schien: Dass ich die Tür aufriss, hinter uns mit dem Fuß wieder zutrat, sie mit mir zerrte, auf den paar Metern bis zum Bett meine Hose öffnete, sie aufs Bett warf, ihr den Rock hochschob und in sie eindrang; mich in sie versenkte, das es tiefer nicht mehr ging und zustieß, immer wieder, immer heftiger, bis sie sich unter mir wand; nicht, um mich wegzustoßen, sondern mich an sich festklammernd, um mehr bettelte, schrie, flehte, bis …

Quick and dirty – die Phantasie eines in Testosteron ertränkten Männergehirns. Ein Orgasmus dauerte nur Sekunden und einmal an der Endstation, führte kein Weg mehr zurück. Wenn der Hormonschub versiegte, waren jedes Stöhnen, jeder Lustschrei, jedes Glück nur noch Erinnerung. Ein letztes, verzweifeltes Aneinanderkuscheln vielleicht noch, aber dann war die Welt wieder kalt und leer.

Ich stand in der offenen Tür, sie mit verschränkten Armen an der Wand, halb mir zugewandt. Leise schloss ich die Tür hinter mir, ließ das Sakko von den Schultern gleiten, hängte es auf einen Bügel und in den Wandschrank, ging ins Bad und wusch mir meine Hände. Als ich wieder zurückkehrte, stand sie noch immer so und ich lehnte mich ihr gegenüber an die Wand, nur Zentimeter von ihr entfernt. Es passte gerade so, ein Hotelzimmer-Vorraum eben. Ist wie die dunkle Ecke gleich neben der Disco, irgendwie.

Sie winkelt ein Bein an, stemmt den Fuß mit der Spitze der Highheels gegen die Wand. Mir schießt durch den Kopf, dass das der Tapete wohl nicht guttun wird. Ihr Knie berührt mich und ein leises Lächeln erobert ihre Mundwinkel, traut sich noch nicht ganz hervor, scheint noch auf den richtigen Moment zu warten. Oder ihm fehlt die Übung. Vielleicht lächelt sie ja nicht so oft. Es ist vielleicht auch besser so. Etwas sagt mir, dass es mir die Beine weghauen wird, wenn sie es tut.
Gewollt ungewollt rutscht die Seide ihres Rocks zwischen ihre Schenkel und wieder berührt mich die Spitze ihres Knies, diesmal an der Hüfte, nur Zentimeter entfernt vom Zentrum meines momentanen Seins. Es ist nur ein ganz leichter Stupser, eine Erinnerung, dass da noch etwas ist, oder etwas sein könnte und ich verstehe, dass es gar kein Lächeln in ihrem Gesicht ist. Es ist eine Frage.

Sacht streiche ich mit der Hand über diese Knie. Es ist ihre erste Verteidigungslinie. Oder eine Einladung? Sie hält den Atem an und es ist so still, dass ich das Nylon unter meiner Hand knistern hören kann dabei.
Aufwärts gleitet meine Hand, näher und näher dem Punkt, an dem der Strumpf endet. Echte Nylons sind das, nicht die billigen mit breitem Spitzenrand für die Proleten – ein Eyecatcher, wo keiner mehr gebraucht wird, weil danach etwas Wunderbares kommt: nackte Haut, weich, duftend, samtig und unglaublich empfindsam. Strümpfe sind für die Augen, ein Anheizer, mehr nicht; eine Droge, die süchtig macht auf das, was genau dort beginnt, wo ihr Rand endet.

Sie setzt das Bein ab, drückt ihren Unterleib gegen meine Handfläche, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, und da ist kein Stoff mehr zwischen ihren Schenkeln und Pobacken; nichts zwischen ihr und mir; nackt, wehrlos meiner Hand da unten ausgeliefert ist sie und ich müsste nur den Finger ausstrecken …

Weiter! Sie sagt es nicht, aber ich lese es in ihren halbgeschlossenen Augen und in der Feuchtigkeit auf ihren Lippen. Mit blassrosa Zunge fährt sie sich darüber, ihr Atem dabei ist ein unterdrücktes Stöhnen. Doch sie hat noch nicht bezahlt und es gibt nur eine Währung, die wir beide gelten lassen: Küsse. Der erste Kuss vor dem Sex ist einmalig, unwiederholbar und ich brauche ihn. Ich brauche ihn jetzt und von ihr.

Habe ich es geflüstert oder weiß sie es selbst? Sie stößt sich von der Wand ab, lässt sich mit ihrem ganzen Körper gegen mich fallen, ihre Lippen finden meine und ohne jedes Vorspiel dringt ihre Zunge in mich ein, sucht nach ihrem Spielgefährten und findet ihn. Ich küsse nicht, ich werde geküsst, voller Leidenschaft, fast Hingabe; von einer Frau, die noch keine fünf Sätze mit mir gesprochen hat. Ein blasses Mädchengesicht steigt aus meiner Erinnerung auf. Sie hatte die schönsten grünen Augen der Welt, sprühend vor Lebenslust und nie ein Nein akzeptierend. So viele Jahre ist es her und ich habe weder ihre Augen noch ihre Küsse je vergessen können.

Speichel läuft aus meinem Mundwinkel, ich muss husten und öffne meine Augen. Was für ein Blödsinn, denke ich. Kein Mensch erinnert sich noch daran, wie ein Kuss vor einem halben Jahrhundert geschmeckt hat. Klarer Fall: eine Überdosis Testosteron und ich sehe besser zu, dass ich das Zeug aus meinem Blut herausbekomme. Das Opfer dafür lehnt schon wieder an der Wand, hat wie vorhin die Arme vor der Brust gekreuzt und sieht mich spöttisch an. Große Augen hat sie und ein paar Falten im Gesicht. Die blonden Haare sind wahrscheinlich eine Perücke, sie passen irgendwie nicht zu ihr, aber wenn es so ist, dann sitzt sie perfekt. Alles an ihr scheint perfekt zu sein, selbst die über fünfzig und sie scheint kein Problem damit zu haben, dass jeder es ihr ansieht. Sie ist eine Frau und sie ist es gerne …

„Ela“, haucht sie und es ist wie das Klingen eines Silberglöckchens im Nebel. „Ich heiße Ela.“

Ich sage das erste Dämliche, was mir durch den Kopf schießt: „Müssen wir über Geld reden?“

Wie eine singende Kanonenkugel schießt ein Lachen aus ihr heraus. Sie schüttelt den Kopf, dass ihre Haare nach allen Seiten fliegen und die großen Brüste unter ihren gekreuzten Armen wippen dabei. „Vielleicht über Schulden, aber später, viel später“, und jetzt ist der Spott auch in ihrer Stimme zu hören. „Wenn du dich entschieden hast, ob du deinen Orgasmus da an der Wand eratmen willst oder nicht doch lieber in mir.“ Sie lächelt dazu unter halbgesenkten Wimpern, wie es nur Frauen in solchen Momenten können und es ist dieses Lächeln, das verhindert, dass ich über ihre Antwort nachdenke.

Ich greife nach ihren Handgelenken, drücke Zentimeter für Zentimeter ihre Arme auseinander, bis es nicht mehr weiter geht. Gekreuzigt an der Wand, die Brüste mir entgegengereckt, als wären es Waffen und vielleicht sind sie es auch, für mich, gegen mich, heftig heben und senken sie sich … Nur Zentimeter entfernt ihr halbgeöffneter Mund; Lippen, die auf meinen Kuss warten. Mein Knie zwischen ihren Schenkeln, und die Härte, die sie jetzt spüren muss, ist nicht mehr mein Knie. Sie bewegt ihren Unterleib, schiebt ihn langsam vor und zurück, immer noch lächelnd, immer noch die Provokation in ihren Augen und Lust glimmt auf in ihnen.

Fester packe ich zu, nagele ihre zarten Gelenke mit meinen Händen gegen die Wand und da ist endlich ihr Stöhnen. Mein Mund auf ihrem, fest, hart, besitzergreifend und es ist wie ein elektrischer Schlag; da sind Brüste, die sich gegen mich drängen; Schenkel, die mich einklemmen … Ich lasse sie los, Enttäuschung schießt ihr ins Gesicht und sie öffnet den Mund, vielleicht, um zu protestieren.

Wie ein kleines Kätzchen packe ich sie im Genick, wirble sie herum, bis sie mit dem Gesicht zur Wand steht. „Du wirst das Bett erst sehen, wenn Dir die Knie so zittern, dass sie unter dir nachgeben!“ Meine Stimme ist so rau wie die von Joe Cocker nach seinem zehnten Whiskey.

Eng schmiegt sich die glänzende Seide um ihre runden Hüften und die beiden Wölbungen darunter schreien: Fass mich an! Schlag mich! Ich sehe die Pobacken erzittern … Sie reckt ihren Po vor und presst ihn gegen das Zentrum meiner Lust. Ich taste nach ihren Ohrläppchen, ihrem Hals; tiefer wandern meine Hände, fühlen die Weichheit ihrer Brüste, packen zu, heftig, es muss ihr Schmerzen bereiten, doch mehr als ein Stöhnen kommt nicht über ihre Lippen.

Es ist Zeit, mich hinzuknien. Fußgelenke, Waden, die Kniekehlen – ihr Fleisch zittert unter meiner Berührung; viel Fleisch und ich möchte Dinge mit ihm tun …

„Mach weiter“, flüstert eine Stimme und sie ist genau so rau wie meine. Doch es ist nicht meine.

„Den Rock hoch!“ Das ist meine, kaum erkenne ich sie.

Langsam und provokant, aber ohne jedes Zögern, tut sie es. Die Seide raschelt über die Hüften, verharrt, und ich muss zurücktreten. In einer unmöglichen Position steht sie da – mit den Brüsten an die Wand gelehnt, den Kopf zur Seite gedreht und mich spöttisch provozierend aus den Augenwinkeln anblickend, als wüsste sie genau, was gleich geschehen wird. Die Arme hat sie angewinkelt, hält mit den Händen den über ihren breiten Hüften gerafften Rock fest, reckt mir ihren nackten Po entgegen und die zum Zerreißen gespannten, schwarzen Bänder des Strumpfhalters graben sich in das weiße Fleisch ihrer Pobacken. Dämme bersten in mir, wie es auch der härteste Porno nicht bewirken könnte, ja, er ist ein lächerliches Kinderbuch gegen das, was dieser Anblick in mir anrichtet. Ich kann gar nicht anders, als diese schwarz-weiße Sünde an der Wand vor mir mit nichts weiter als mit meinen Augen zu genießen und den Moment, an dem ich sie nicht mehr sehen kann, weil ich sie endlich spüren muss, so lange es geht, hinauszuzögern.

Nein, sie ist kein junges Mädchen mehr. Die Waden sind zwar straff, aber das machen die Highheels, ansonsten sind sie viel zu rund und ihre Knöchel sind wahrscheinlich auch schon einmal schlanker gewesen. Die Haut der Oberschenkel quillt ein wenig über den Rand des Nylonstrumpfes hinweg, ihr Po ist ausladend breit und straff ist etwas anderes.

All das muss sie wissen und doch strahlt sie etwas aus, dass sie – nein, nicht aufregend macht, das kann jede Frau, wenn sie es will – schön macht. Ja, sie ist schön. Ihre Haut schimmert wie Perlmutt im aufgehenden Mond und es sind nicht die Neonspots an der Decke, die das bewirken. Es kommt von innen, aus ihr selbst und ich weiß: Sie liebt sich.

Mein Blick folgt den Absätzen der Highheels und den Nähten ihrer schwarzen Strümpfe bis dahin, wo sich die weiße Haut ans Freie traut und ich breche fast in die Knie. Es ist eine Sinfonie und ich kann sie berühren! Meine Hände umfassen ihre Schienbeine, meine Zunge fährt erst über eine Oberschenkelinnenseite, dann die andere. Es sind nur Tupfer, nur die Zungenspitze, die sie kaum spüren kann durch das Nylon hindurch und trotzdem: Sie zittert, als hätte sie Fieber. Feuchtigkeit ist plötzlich auf meiner Zungenspitze und es ist nicht mein Speichel. Ich gleite höher, der Quelle der Nässe entgegen, warm ist es da und duftend; irgendwo hallt ein langgezogenes Stöhnen durch den Raum und auch das ist nicht meins.

Ein Zischen wird daraus, als meine Zunge weiterwandert an ihrem Po und ein neues Opfer findet. Klein und rund ist es, aber trocken. Meine Zungenspitze kreist darum, dann dringt sie eine Winzigkeit ein, zieht sich wieder zurück, dann dringt sie wieder ein und noch einmal – ein spitzer Schrei liegt in der Luft und der Po vor mir zittert so sehr, dass ich ihn festhalten muss. Die ganze Frau muss ich festhalten und das kann nicht ich sein, der ihr jetzt ins Ohr flüstert: „Wann bist du das letzte Mal in den Ar…“

Weiter komme ich nicht. Wie eine Tigerin fährt sie herum, packt mich am Hemdkragen und schubst mich gegen die Wand. „Ich …“ Weiter komme ich nicht. Ihr Mund verschließt meinen. Ich habe nicht gewusst, dass Frauenlippen so hart sein können. Mit einer Hand greift sie mir zwischen die Beine und sie ist dabei genau so wenig sanft wie ich zuvor mit ihren Brüsten.

Hinter dem Ruck, mit dem sie mich von der Wand wegzerrt und aufs Bett stößt, stecken Kraft und eine animalische Wildheit. Sie wirft meine Beine aufs Bett, zerrt mir die Hose halb herunter – alles in einer Bewegung – rafft wieder ihren Rock hoch und setzt sich auf mich.

„Was ist mit einem – au!“ Unsanft landet ihre Hand in meinem Gesicht. Nach ihrer Hand kommt wieder ihr Mund, wild und gierig; sogar ihre Zähne und sie tun mir weh, genau wie das, was sie zwischen meinen Beinen tut. Als wäre das da unten ein Stück Holz, fasst sie zu und drückt es in sich hinein, kein Verweilen, kein langsames Hineingleiten – sie packt es, steckt es sich hinein, richtet sich mit einem Ruck auf, schließt die Augen und lässt sich auf mich sinken; hebt sich, wirft den Kopf in den Nacken und bei jedem Stoß, mit dem sie mich in sich aufnimmt, fällt er zusammen mit einem spitzen Schrei aus ihrem weit aufgerissenen Mund wieder nach vorne. Jeder Kontrolle verlustig nicht nur über sie, auch über mich, bäume ich mich auf …

„Wehe du kommst!“ Brutal stoppt sie, mitten in der Bewegung. „Ich prügel dich windelweich! Wehe!“ Mit einer Hand packt sie meine Kehle, die andere erhebt sie drohend zum Schlag und Wildheit irrlichtert in ihrem Gesicht; Leidenschaft und vielleicht auch ein bisschen Verrücktheit.

Sie bewegt sich wieder, langsamer diesmal, aber lange hält sie das nicht aus, dann lässt sie sich wieder die Zügel schießen: Die Clips ihrer Strumpfhalter schrammen über meine Oberschenkel, jedes Mal, wenn sie sich von mir hochdrückt und wieder auf mich fallen lässt und irgendwo in meinem Hinterkopf spüre ich den Schmerz. Fast ist es, als zöge etwas in mir Lust daraus und ich kann es nicht verstehen.

Urplötzlich, ohne Vorwarnung schreit sie auf, das man es bis draußen hören muss. Ein wildes Lachen bricht aus ihr hervor, dann ein Schluchzen, es schüttelt ihren ganzen Körper, überträgt sich auf mich und ich muss die Zähne aufeinanderpressen. Da ist etwas in mir, das hinaus will, aber aus meinen Augen und auch das verstehe ich nicht.

Sie hält still. „Beweg dich nicht“, flüsterte sie. „Solange du in mir bist, bleibst du hart. Ich bin noch nicht fertig mit dir. Oh nein …“ Sie lacht, es klingt fremd und doch vertraut, wie aus dem Mund eines jungen Mädchens und mir ist, als hätte ich es schon einmal gehört, dieses Lachen. „… noch lange, lange, lange nicht!“ An mich gepresst, bewegt sie ihren Po, millimeterweise, kreisend, ein bisschen hoch und runter, dann wieder im Kreis.

„Bitte …“, flüsterte ich und wieder dieses Kleinmädchenlachen von ihr: „Nein! Pass schön auf dich auf … sonst werde ich ein böses Mädchen. Ein ganz böses Mädchen.“

Dann liegt sie still, ihren Kopf an meine Wange gelegt und jeden Zentimeter ihres Körpers an mich gedrückt. Eine Ewigkeit scheint es mir, mit jeder Sekunde presst sich fester an mich, kriecht mir mehr unter die Haut, dahin, wo sie nicht hingehört. Niemand gehört da hin, nur ich und plötzlich spüre ich Angst. So etwas macht kein One-Night-Stand, denke ich. Nicht mal in jeder Ehe geschieht das. So etwas machen nur ewige Geliebte, wenn nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen im Gleichklang schwingen. Wie kann das sein? Mit ihr? Sie hat sich nicht einmal ausgezogen. Wie sie in der Bar vor mir stand, so liegt sie auch auf mir.

Sie flüstert: „Glaubst du, dass Gott den Menschen eine zweite Chance gibt?“

Ich bin noch Immer in ihr und ich möchte jetzt nicht reden, nicht einmal denken. Ich möchte nur fühlen: Ihre Wärme, ihren Atem, sie möchte ich fühlen und vor allem ihr die Sachen ausziehen und ihre Haut auf meiner spüren.

Aber ich bin ein höflicher Mensch und setze zu einer Antwort an. Doch gerade, als ich meinen Mund öffne, sagt sie: „Es war keine Frage.“ Ihr Ton ist kalt und herrisch und er wirkt auf mich wie eine Dusche aus flüssigem Helium.

Sie stößt mich weg, steht auf und ehe ich einen klaren Gedanken fassen kann, sagt sie: „Ela siehst du nie wieder,“ und verschwindet.

***

Ich lag auf dem Hotelbett, zwischen den Beinen ein See voller Körperflüssigkeit und es war nicht einmal meine. Nicht mal einen Abgang hatte ich gehabt, dafür aber von dem Rest die volle Dröhnung.

Es war nie der Orgasmus, sondern immer der Moment danach, der darüber entschied, ob die Nacht in Erinnerung blieb. Wenn sich das Testosteron zurückzog und das körperliche Begehren mitnahm, und sei es auch nur für eine gewisse Zeit, dann war Platz für Stille und für Gefühle, die mit einem Testosteronrausch so wenig zu tun hatten wie die Deutsche Bahn mit Pünktlichkeit: Berührungen, Zärtlichkeiten, verträumtes Lächeln, stilles Genießen, Aneinanderkuscheln, das Wissen, dass da jemand war und irgendwann das Gefühl, die Welt gemeinsam für ein paar Stunden ausgesperrt zu haben. Vielleicht sogar zusammen einzuschlafen, ein schönes gemeinsames Frühstück am nächsten Morgen zu genießen und sich dann mit Respekt voneinander zu verabschieden. Aber das war vermutlich nur Männerdenken, vielleicht sogar auch nur meins. Die meisten Menschen belasteten den Augenblick mit dem Wunsch, dass er auch morgen oder sogar bis in alle Ewigkeiten so existieren möge und obwohl sie wussten, dass ihr Wunsch nie in Erfüllung gehen würde, trauten sie sich doch nicht, den Augenblick anzunehmen, ohne Fragen und ohne Forderungen.

Wir leben heute! Morgen ist heute schon wieder gestern. Ich würde nie verstehen, wie man sich wie Ela durch das noch nicht existierende Morgen den gegenwärtigen schönen Augenblick zerstören lassen konnte.

Ihr Sandelholzduft war noch überall, an der Bettwäsche, selbst auf meiner Haut. Ich ging unter die Dusche und drehte sie so heiß auf, wie ich es nur aushalten konnte.

Als ich zurückkehrte, war das Zimmer immer noch leer, immer noch kalt und das würde es ab jetzt auch bis in alle Zeiten sein. Wie war das doch: Ein Orgasmus dauert nur Sekunden und einmal an der Endstation, führt kein Weg mehr zurück. Jedes Stöhnen, jeder Lustschrei, jedes Glück sind nur noch Erinnerung. Der Hormonschub versiegt, ein letztes, verzweifeltes Aneinanderkuscheln und dann ist die Welt wieder kalt und leer.

Ich legte mich wieder aufs Bett. Wie ein Hormonschub wirkte, wusste ich zu genau und auch, was passierte, wenn er wieder wegging. Was noch lange nicht hieß, dass es nicht deswegen genau so weh tat. Das ist wie im Wartezimmer beim Zahnarzt vor einer Wurzelbehandlung. Deswegen lasse ich mich nie ein. Nie mehr, seit damals, seit diesen grünen Augen. Aber da war auch eine riesige Welt, die mich rief und in die sie mir nicht folgen wollte. Zusammen hätten wir sie erobern können.

Es reichte mit Selbstmitleid. Nackt, wie ich war, klappte ich den Laptop auf, um mir noch einmal ihr falsches Bild anzusehen. Zum Abgewöhnen, redete ich mir ein. Aber ich hatte Pech. Es war weg, als hätte es nie existiert. Sie hatte den Link deaktiviert, schon, bevor sie losgefahren war und auch ihr Profil in der Kontaktbörse gelöscht. Wahrscheinlich war es auch besser so, ihre Frage war der Beweis: Gott und die zweite Chance. Was für ein Blödsinn.

Ich schmiss mich wieder ins Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Nach ein paar Minuten warf ich sie ins Bad und knallte die Tür zu. Dann holte ich die Gästedecke aus dem Schrank. Die roch wenigstens nach Mottenpulver und nicht nach Sandelholz. Doch ich wälzte mich ruhelos hin und her. Sie hatte garantiert nicht die Menschen gemeint und dass er ihnen die Kugel wieder in Ordnung brachte, damit sie sie ein zweites Mal versauen konnten. Nein, wahrscheinlich hatte sie geliebt, über alle Maßen geliebt und war enttäuscht worden oder er war weggelaufen oder was auch immer und jetzt suchte sie verzweifelt nach irgendjemandem, in den sie sich noch einmal verlieben konnte, und fand ihn nicht. Ich konnte sie verstehen, ziemlich gut sogar. Doch eine zweite Chance wurde nicht gegeben, die musste man sich erkämpfen und die Wahrscheinlichkeit, das zu schaffen, war geringer als ein Sechser im Lotto. Ohnehin wäre sie da bei mir an der falschen Adresse gewesen, ich brauchte selbst eine und wenn zwei Ertrinkende sich aneinanderklammern, versinken sie nur doppelt so schnell.

Wie konnte so eine Frau an Gott glauben? Nach ihm brüllten die Leute immer nur, wenn etwas nicht so funktionierte, wie sie es wollten. So lang es ihnen gut ging und sie jede Lüge glauben konnten, scherten sie sich einen Dreck um ihn. Außerdem: Wenn Gott ihre letzte Zuflucht war, hatte sie die schlecht gewählt. Wenn es ihn wirklich gab, dann machte er seit ein paar tausend Jahren Urlaub und es sah nicht so aus, als ob er noch einmal zurückkehren würde. Verständlich, wenn man sich auf der Erde umsah. Alles, was Menschen noch einfiel, waren Außerirdische, Superkräfte, Zauberer, Zwerge, Drachen und Vampire; Waffen, Kriege und Bücher über die Liebe in einer Welt nach einem Atomschlag. Es war krank. Physik, Mathematik, Biologie – alles wurde zum Schlechten benutzt und Menschlichkeit fand nicht mehr statt. Die Dummen und Ungebildeten führten, die Klugen schwiegen und so war die Menschheit so degeneriert, dass Zwerge lange Schatten warfen und als Leuchten der Gesellschaft galten, die selbst die dekadenten Römer nicht einmal mit ihrem Arsch angesehen hätten. Was so ziemlich alles über meine Zeit und die Gesellschaft aussagte. Das einzig Gute war, dass es noch solche Nächte wie diese gab, so eine Frau wie diese …

Fuck! Was für einen Scheiß dachte ich gerade? Wir hatten nicht einmal zwanzig Sätze miteinander geredet, die meisten davon waren unvollständig gewesen und das Stöhnen hatte ich dabei schon mitgezählt! Ich ging noch einmal unter die Dusche.

 


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt

10. Fessle mich!

11. Sourcecode