20 Juli 2022

Plaedoyer: Bohni

Bohni

Luxemburg, Frühling 2002

Viktoria brauchte nur zehn Minuten, um unter den Augen der beiden Wachmänner ihre Sachen zu packen. Das, was wirklich wichtig wahr – eine Diskette – hatte sie bereits vor der Besprechung in ihrem Schlüpfer versteckt. Sie wollte gerade auf die Straße hinausgehen, da sagte einer der beiden Wachmänner: „Der Personalchef will Sie sprechen,“ und hielt ihr sein Funkgerät hin. Dann zog er sich mit seinem Kollegen zum Fahrstuhl zurück.

Sie drückte die Sendetaste. „Ja?“

„Frag nicht nach einer Beurteilung,“ drang Danglars Stimme blechern aus dem kleinen Lautsprecher. „Sie würde dir nicht gefallen. Du wirst in keiner anderen Bank der Welt noch einen Job bekommen, nicht mal, um die Klos zu putzen.“

„Daran habe ich keine Sekunde gezweifelt. War das alles?“

„Halt dir das Funkgerät ans Ohr!“

Sie schob ihr Haar zur Seite und hielt sich das Gerät ans Ohr. „Ich höre.“
Einige Sekunden war nichts weiter als sein Atem zu hören, dann zischte er: „Warum stellst du dich nicht an den Straßenrand? Genau da, wo du jetzt bist, hat eine dreckige Nutte ihren Platz: in der Gosse. Du hattest den Tiger am Schwanz gepackt. Du hättest ihn nicht loslassen sollen. Das nennt man Lernen durch Schmerz.“ Es knackte, er hatte die Verbindung getrennt.

Einen Moment blickte sie auf das Funkgerät in ihrer Hand, dann drehte sie sich zu den beiden Wachmännern um und ließ es fallen. Es prallte auf eine marmorne Fußbodenplatte, sie hob den rechten Fuß und zertrümmerte es mit einem harten Tritt und dem Absatz ihrer Stiefelette.

Sie traute Danglar zu, dass der sie verfolgen ließ, und wählte ihren Weg durch möglichst enge Straßen. Als sie sich sicher war, dass ihre Befürchtung nicht zutraf, suchte sie nach der nächsten Telefonzelle und wählte, als sie sie gefunden hatte, eine Frankfurter Nummer aus ihrem Notizbuch.

Es dauerte lange, bis sich eine Männerstimme meldete, und sie klang sehr verschlafen. „Nur, wenn die Börse gecrasht ist. Sonst dreh ich mich auf die andere Seite.“

„Was nicht ist, kann ja immer noch werden. Sind Sie noch interessiert?“

„Wer will … ach zum Teufel … Viktoria Weinhold?“

„Ja.“

„Okay, bin ich. Interessiert bin ich immer. Wobei … ich habe gehört, Ihre Aktien bewegen sich gerade in Richtung Erdmittelpunkt und das ziemlich zügig.“

„Sie sollen mich ja auch nicht gleich in die vierzigste Etage setzen. Darum kümmer ich mich schon selbst.“

„Kleine Brötchen backen haben Sie nicht gelernt, oder?“

„Ich habe ja auch große.“

„In der Tat. Da war so ein Vortrag, und die Frau sah einfach umwerfend aus, immer wenn sie uns ihr Profil gezeigt hat.“ Ein wenig Anzüglichkeit klang aus der schlaftrunkenen Männerstimme. „Also gut, ich rede mit dem Chef, Sie geben ja so wie so keine Ruhe. Und jetzt würde ich gerne noch ein bisschen schlafen. Vielleicht träume ich ja von Ihnen. Gute Nacht.“

Sie wählte eine weitere Nummer, diesmal war es eine aus Hamburg. Fast sofort wurde abgehoben. „Ja“, sagte jemand und seine Stimme hörte sich sehr jung an.

„Ist Max da?“

„Wer bist du?“

„Viktoria.“

„Ich schau mal nach.“

Sie stellte sich vor, wie der Junge – das war er wahrscheinlich – jetzt durch ein Dunkel tapste, das von nichts weiter als Computermonitoren erhellt wurde. Sehr viel Dunkel, auch wenn es sehr viele Computermonitore waren.

Noch bevor sie ihre Doktorarbeit abgeschlossen hatte, hatte sie sich in einem Computerclub in Hamburg angemeldet. Die einzige Bedingung dafür war gewesen, dass sie sich selbst in die Mitgliederliste eintrug. Die aber lag auf einem Hochsicherheitsserver und wurde von Leuten geschützt, die sonst das genaue Gegenteil taten: Chaos auf Computern verbreiten. Sie hatte ein halbes Jahr dafür gebraucht. Sie war sich sicher, dass sie es ohne Max wahrscheinlich nie geschafft hätte.

„Hallo Schwesterchen. Du hast ein ziemliches Problem, habe ich gehört.“ Es war eine tiefe Stimme, die aus dem Telefon klang. Der freundliche Spott darin war unüberhörbar.

„Na, wenn sogar ihr das mitbekommen habt … Ich schicke morgen mit der Post ein Paket an euch. Es ist eine Funktionsbibliothek, vermute ich. Schaut doch mal nach, ob ihr herausbekommt, wer das geschrieben hat.“

„Keiner von uns!“

„Du hast es doch noch gar nicht gesehen.“ Am anderen Ende wurde etwas gebrummt, was sie nicht verstand und sie sagte: „Ich will euch nicht an die Wäsche. Ich brauche einfach nur Hilfe. Analysieren kann ich es auch alleine, aber ich habe keinen Überblick mehr über die Szene. Wir konnten nicht einmal nachvollziehen, wie der Schadcode in unsere Systeme gelangt ist, nur, dass er sich in unseren Mainframe geladen, seinen Job gemacht und anschließend selbst gelöscht hat. Entweder es war jemand, der unsere Systeme sehr genau kennt und damit meine ich nicht Büroleute, sondern IT-Profis und meine hatte ich im Griff, oder hier ist ein Genie am Werk gewesen, dass niemand in der Szene auf dem Schirm hat.“

„Und wenn es doch ein Insider war?“

„Ich sagte doch: ausgeschlossen. Ich bin zwar jemandem in der Bank auf die Zehen getreten, aber der versteht von Computern so viel wie ein Schwein vom Stabhochsprung und hätte es jemand von meinen Leuten in seinem Auftrag gemacht, wüsste ich es. Er hat nur die Gelegenheit genutzt, mich vor den heranrasenden Zug zu schubsen. Er hätte auch niemals eine solche Visitenkarte hinterlassen können.“

„Ähm …?“

„Dieses nicht gelöschte Codefragment. Ich denke, das war kein Fehler, sondern Absicht. Es ist der kompakteste Code, den ich je gesehen habe. So ähnlich hast du mal gecoded. Sagt dir NINOR etwas?“

„Was soll das sein?“

„Ich weiß es nicht. In dieser Bibliothek ist eine selbstgeschriebene Funktion, die ohne Argumente aufgerufen wird. Tut man das, erhält man nichts weiter als die Ausgabe eines Dualcodes als String auf dem Monitor. Wir haben alles Mögliche damit versucht, nichts ergibt einen Sinn. Nur wenn man es nach ASCII übersetzt, kommt wenigstens etwas Lesbares heraus: NINOR 284797980233. Aber das hilft uns auch nicht weiter, weil es dieses Wort nicht gibt, in keiner modernen Sprache und die Ziffern danach ergeben keinen Sinn. Es ist keine Kontonummer, nirgendwo, wir haben das überprüft für den Fall, dass das eine Erpressung werden soll.“

„Eine Abkürzung?“

„Ein Anagramm?“

„Jetzt fängt es langsam an, mich zu interessieren. Wann kommst du vorbei?“

„Weiß ich noch nicht. Ich bin gerade baden gegangen und muss erstmal sehen, dass ich wieder ein rettendes Ufer erreiche.“

„Komm doch zu uns.“

Wieder lachte sie und diesmal herzhaft. „Danke für das Angebot, ich weiß es zu schätzen. Aber ich steh nicht auf Cola und Kekse.“

„Hey, hier hat sich einiges verändert, seit ich hier bin.“

Einen Moment schloss sie die Augen, dann sagte sie: „Du hättest nicht gehen sollen.“

„War schon okay. Ich wusste, dass du klarkommst da. Hast schließlich bei mir gelernt. Deswegen mach ich mir auch keine Sorgen um dich, Lady Löwenherz.“
Ein paar Momente vergingen, in denen beide nichts weiter taten, als zu atmen. Dann sagte Viktoria: „Es ist so unmöglich, Max. Es hätte nicht passieren können, nicht so. Und da ist noch etwas, aber das ist nur mir aufgefallen: Es sind hunderte von Kontenbewegungen durchgeführt worden, alle mit mehr als einhunderttausend Dollar und es gab keine zwei gleichen Summen, alle waren unterschiedlich, wahrscheinlich generierte Zufallszahlen mit einem Minimum- und Maximumlimit. Aber drei Konten fallen aus dem Raster. Auf sie wurde exakt die gleiche kleine Summe überwiesen: neunhundertsechundneunzig Dollar und zehn Cent.“

„Und?“

Sie atmete heftig, schluckte, dann sagte sie: „96910 ist die Postleitzahl von Sömmerda.“

Jetzt war es Max, der schwieg. Im Hintergrund hörte sie das Klappern einer Tastatur.

„Natürlich kann es auch hunderte anderer Bedeutungen haben. Es ist nur ein Gefühl. Es gibt auch ausländische Banken, die diese Ziffern haben. Es kann auch ein Konkurrent gewesen sein.“

„War es nicht.“

„Wieso bist du dir da so sicher?“

Bedächtig sagte er: „Ich hab nebenbei ein bisschen herumgespielt. Wenn ich deine Dezimalziffern nach hexadezimal wandle, ergibt das 424F484E49.“

„Ein Code?“

„Viel einfacher. Wir denken immer zu kompliziert. Er ist ein Spieler, ein Spaßvogel. Es gab mal eine Zeit, da konntest du die ganze ASCII-Tabelle aufsagen. Octal, Hex, Dual und jeden Buchstaben dazu. Du warst besser als ich.“

„Warte!“ Jetzt, da er ihr den Weg gezeigt hatte, war es einfach, sie brauchte nur Sekunden. „BOHNI“, stöhnte sie. „Ich bin so dumm!“

Bedächtig sagte er: „Sieht so aus, als hättest du doch einen Feind aus unseren eigenen Reihen. Wir finden ihn.“

„Nein! Mehr als das brauchte ich nicht. Danke. Ich mache das auf meine Art. Erst muss ich mich um mich selbst kümmern. Aber ich habe ein langes Gedächtnis und irgendwann kommt der Tag, an dem er sich wünschen wird, nie geboren worden zu sein. Gute Nacht.“

„Was immer das auch ist. Gute Jagd!“

***

Erst beim dritten Versuch gelang es ihr, dem billigen Einwegfeuerzeug eine Flamme zu entlocken. Hastig sog sie an der Zigarette. „Ich rauche nicht so oft, eigentlich gar nicht. Zwei Dinge habe ich niemals getan: Ich habe, nicht einmal zu Hause, Leggings getragen. Die sind kein Kleidungsstück, die sind eine Einstellung und mit der wäre ich höchsten bis zur ersten Kasse bei Aldi gekommen. Aber ich wollte nach oben, erst recht nach dem, was mir in Luxemburg passiert ist. Und ich habe nach damals nicht einmal in meinen Gedanken mehr einem Mann etwas so gegeben, wie er es haben wollte. Dabei könnte alles doch so einfach sein, wenn es das Ego nicht gäbe.“

Mit angewidertem Gesicht warf sie die nur halb aufgerauchte Zigarette in den Kamin. „Könnte! Konjunktiv ist immer Theorie, ein Modell, optimiert natürlich und hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. In der Praxis habe ich wegen Danglar aus mir eine rachsüchtige Furie gemacht, die immer alles unter Kontrolle haben muss. Wenn etwas geschieht, muss ich wissen, warum und am besten noch, bevor es geschieht. Damals ist etwas kaputtgegangen in mir. Letztendlich deswegen, weil er in jenem Moment nur das ausgesprochen hat, was ich selbst über mich gedacht habe. Ich könnte es noch zehn Stunden lang wegargumentieren, es ändert nichts daran, dass ich mich ganz tief in mir drin auch so gefühlt habe. Nicht als irgendeine, sondern als seine ganz persönliche Nutte. Das hat mich rasend gemacht.“

Sie drückte sich aus dem Sessel hoch. Ein leises Stöhnen kam über ihre Lippen, dass sie fast sofort wieder unterdrückte. Sie schwankte einen Moment, wartete, bis sie ihr Gleichgewicht gefunden hatte, und strich dann ihr Kleid glatt. Es hatte etwas Abschließendes, fast so, als wollte sie nicht nur in diesem Gespräch einen Schnitt machen, sondern auch in ihrem Leben. „Ich habe niemals wieder Bitte gesagt oder etwas von einem Mann auf diese Art gewollt. Ich habe sie weggebissen mit meiner Intelligenz, sie mit Charme und Esprit um die Finger gewickelt und sie verbrannt mit meinem Feuer. Erst, wenn ich sie in der Hand hatte, konnte es schon mal sein, dass ich vor ihnen erst in die Knie und dann an die Hose ging oder für sie – nein, für mich – die Beine breitgemacht habe. Aber zu meinen Bedingungen: Im Büro, wenn ich sie zu Überstunden verdonnert hatte oder in irgendeinem Abstellraum; in einer dunklen Gasse nach dem Essen, das natürlich ich bezahlt habe, in einem Gebüsch auf dem Golfplatz … aber niemals mehr in meinem oder in seinem Bett. So ist es meine Natur geworden und ich kann nicht mehr anders. So viel Lust, aber auch so viel Angst, noch einmal mich selbst zu verletzen. Das kann ja kein anderer, das können nur wir selbst, nicht? Ich kann mich nicht mehr einlassen.“

Sie griff nach dem Bild auf dem Kaminsims und betrachtete es. Mit der freien Hand hielt sie sich am Kaminsims fest. „Sabrina und Anna können mich zwar befriedigen, aber ihnen fehlt das, was nur ein Mann hat: sein herber Duft, seine Muskeln, seine dummen Witze und vor allem ein ordentlicher Schwanz. So ein Plastedildo ist ein ziemlich ärmlicher Ersatz für das Gefühl pulsierenden Lebens in mir und selbst wenn er aus Gold wäre, würde das nichts daran ändern. So ist auch jeder Orgasmus mit den beiden nichts weiter als ein Flug von Düsseldorf nach Berlin. Ich wollte aber zu den Sternen, irgendwann … immer noch … ach was, ein Stern würde mir schon reichen, ein Herz, das nur für mich schlägt. Das geht aber nur, wenn man sich hingibt, ganz und gar, ohne Wenn und Aber. Doch dann kann es auch meins wieder brechen und das würde ich niemals zulassen. Ich bin ein Kontrollfreak geworden. Das nennt man dann wohl einen Teufelskreis.“

Sie zwinkerte dem Bild in ihrer Hand zu. „Ich hasse Männer? Blödsinn! Wo bliebe da mein Spaß? Man muss sie sich nur ein bisschen – hm – zurechtbiegen, nicht wahr? Wir könnten wie zwei Zahnräder in einem Getriebe sein. Fehlt eins davon, funktioniert es nicht. Wenn sie aber perfekt zusammenarbeiten, könnte das Leben ganz schön Fahrt aufnehmen. Oh ja!“

Sie stellte das Bild wieder auf das Sims, rückte es dann noch einmal gerade und wiederholte: „Oh ja!“


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt

10. Fessle mich!

11. Sourcecode