20 Juli 2022

Plaedoyer: Ego

Ego

Schwerin, November 2019

Ronin – so nannte man im alten Japan Soldaten ohne Ehre, ohne Besitz und ohne Skrupel. Sie wurden verheizt in der ersten Reihe; dort, wo der Tod seine Ernte mit der blutigen Sense einfuhr und niemand war da, der um sie trauerte. Heute trugen sie keine Rüstungen mehr, sondern Anzüge, Laptops statt Katana, und Lanzen waren die Waffen ihrer Wahl und statt auf Pferden, jagten sie in Flugzeugen, Autos, Bussen und Bahnen dem nächsten Auftrag hinterher. Sie nannten sich nicht mehr Ronin, sondern Freelancer, doch auch wenn sich ihr Name geändert hatte, so besaßen sie immer noch das, was ihre Vorbilder ausgezeichnet hatte: den unbedingten Willen zum Sieg und Leidensfähigkeit jenseits von Gut und Böse. Irgendwo musste immer ein Tarifvertrag umgangen werden, drohte ein Projekt, gegen die Wand gefahren zu werden, oder musste ein Konkurrent niedergemacht werden. An dreckigen Jobs, hohen Risiken und miesen Erfolgsaussichten herrschte auch in der Gegenwart kein Mangel. Genau dafür brauchte man sie wieder: die Ehrlosen, die, um die niemand trauerte, wenn sie verschwanden, als wären Sie nie dagewesen. Ich bin Hartwig Renner und ich war einer von ihnen.

Und nein, er korrespondiert mit keiner Charaktereigenschaft von mir. Ich bin kein Renner, ich bin ein Beißer mit zweiundfünfzig Jahren geballter Überlebenserfahrung, siebzig Kilogramm Kampfgewicht verteilt auf einen Meter und achtzig, fit im Kopf und mit einem Gesicht, das immer noch einen gewissen verbeulten Charme hatte. Manchmal musste man ihn ein bisschen suchen, vor allem dann, wenn ein Programm nicht das machte, was es sollte. Immerhin, die Straßenköter bellten mir nicht hinterher.
Seit vielen Jahren reiste ich durch die halbe Welt und half Computern, mit den Menschen zurechtzukommen, was keine einfache Aufgabe war. Menschen waren unlogisch, sprunghaft und ziemlich eingeengt in ihrem Denken. Kurz gesagt: Sie waren schwierig. Ich mochte es gerne einfach.

Deswegen wartete auch niemand auf mich. Mein Leben trieb dahin wie ein Korken in den Wellen des Ozeans und ich fand es gut so. Ich dachte nicht darüber nach. Nein, das war falsch, ich verdrängte es. Irgendwo gab es sicherlich einen Menschen, der mich so nehmen konnte, wie ich wirklich war. Manchmal, in dunkler Stunde, war da ein Sehnen …

Aber dazu hätte ich einen Kampf führen müssen, für den ich mich nicht ausgebildet hatte, mich öffnen müssen, verletzbar machen … fürchterliche Vorstellung. Dann doch lieber achtzig Stunden in der Woche knüppeln und den Nachtschlaf auf einem Bürostuhl im Rechenzentrum verbringen. Hatte sich am nächsten Morgen der erste Schmerz gelegt, blieben noch neunzehn Stunden des Tages für Adrenalinschübe vor Hochleistungsrechnern, dreißig Minuten für einen Whisky abends in der Hotelbar und, manchmal, wenn es gut lief, auch noch einmal ein Rauf-Rein-Raus-Runter mit einem weiblichen Körper. Hauptsache, er hatte Löcher, war einigermaßen beweglich und genau so ignorant gegenüber den Schmerzen des Lebens wie ich.

Ich zog meine Lebensbahn wie auf einem Ecstasy-Konzentrat mit verhängten Spiegeln, raste mit geschlossenen Augen auf einem Hyperschallfahrrad durch die Dunkelheit eines binären Universums, in dem die Sterne Einsen und die Nullen schwarze Löcher waren. Wenn ich Pech hatte, würde ich eines Morgens in einem Krankenhaus an einer Maschine wieder aufwachen, weil mein Herz schlapp gemacht hatte. Hatte ich Glück, kam der Rettungswagen zu spät. Ich war ein Ronin, süchtig nach diesem Leben und so, wie ich es führte, hatte es auch gefälligst zu enden: schnell.

Es gab kein Computerproblem, das ich nicht lösen konnte, und keine Festung, die sicher vor mir war. Firewalls sind auch nur Computer und so lief es letztendlich immer auf ein Duell zwischen mir und den Entwicklern der Software hinaus.

Aber die Zeiten hatten sich geändert. Die Kleinen hackten nicht mehr die Großen, sondern umgekehrt: Die Großen ließen die Kleinen ausspionieren, um ihre Macht zu zementieren. Die Leute, mit denen ich früher so manches Ding gedreht hatte, arbeiteten jetzt nicht mehr vom stillen Kämmerlein hinter Keksbergen und Coladosen, sondern aus Rechenzentren, die der NSA, dem BND oder sonstigen Organisationen gehörten, wenn nicht sogar der Regierung selbst, und erarbeiteten Konzepte zur Erschaffung des gläsernen Bürgers. Das hatte aus einem Fuchs wie mir einen Hasen gemacht und ich musste selbst bei ehemaligen Kollegen vorsichtig sein. Kurz – meine Geschäfte gingen ziemlich schlecht und das letzte Jahr gar nicht mehr. Irgendjemand unterbot mich bei jedem offenen Angebot und so hatte ich nur von dem gelebt, was mir meine langfristigen Wartungsverträge eingebracht hatten. Das Angebot des Instituts für Internetsicherheit und Softwareentwicklung in Schwerin, der Stadt, aus der ich nach meiner Armeezeit ausgezogen war, auf der Welt meine Fußabdrücke zu hinterlassen, war mir da gerade recht gekommen.

Auf dem Bahnhofsvorplatz färbte der Herbst die Blätter bunt und der Abendregen ließ die Pflastersteine im Licht der Straßenlaternen glänzen. Menschen strömten aus der Bahnhofshalle, spannten Schirme auf, schlugen die Kapuzen ihrer Jacken hoch und riefen nach Taxis. Sie kamen von der Arbeit, waren auf dem Weg nach Hause und freuten sich, weil die Familie auf sie wartete.

Regentropfen rannen wie Tränen über das Fensterglas vor mir, ich drehte mich zurück ins Hotelzimmer und klappte den Laptop auf. Für eine Pille gegen Selbstmitleid ist er zwar ein bisschen sperrig, aber dafür gibt es ihn ohne Rezept. Er war mein Stundenrettungsanker: Eine Mausefalle mit meinem in Paintshop ein klein wenig nachbearbeiteten Foto als Köder nebst einem auf die Bedürfnisse sich auf Geschäftsreisen einsam fühlender Frauen zugeschnittenen Profil in diversen Kontaktbörsen.

Tatsächlich sah es so aus, als wäre mein Glückstag. Es ist eher selten, dass Frauen in solchen Portalen Männer anbaggern, zu neunundneunzig Prozent läuft das andersherum, aber für so etwas und dann stundenlanges Chatten nahm ich mir nicht die Zeit. Wenn man eine Frau erst ein paar Stunden besoffen quatschen musste, war sie sowie so nur mit halbem Herzen bei der Sache.

Entweder, sie wusste, was sie wollte, dann musste man nur gegenseitig abchecken, ob man sich riechen konnte, oder sie wusste es eben nicht. In meinem Leben gab es nur Nullen und Einsen, ja oder nein, Frauen kannten auch noch ja aber, vielleicht, heute nicht, und im unpassendsten Moment Kopfschmerzen, und konnten die Bedeutung dieser Zustände auch noch wahlweise in ein anderes Register im Hauptspeicher shiften. Dann hieß nein plötzlich vielleicht und so weiter. Nichts für mich. Ohnehin waren meine kommunikativen Fähigkeiten auf der Tastatur denen meines Mundes um Zehnerpotenzen überlegen. Süßholzraspeln war kein Studiengang an der Uni in Dresden gewesen.

Aus einem herzförmigen, gebräunten Gesicht schauten mich himmelblaue Augen an, dazu hatte sie einen dunklen Wuschelkopf und eine hohe, faltenlose Denkerstirn. Die Designerbrille sah nach intellektueller Spinnerin aus und die Klunker an den Ohrringen nach einem Bankkonto, das die Farbe Rot nicht kannte. Ihre Augen wirkten verkniffen und sie hatte die Lippen aufeinandergepresst. Ihre Mail war offenbar eine Standardmail, die sie an jeden Kandidaten verschickte, den sie einer näheren Betrachtung für würdig hielt. Sie war kurz und knapp, ziemlich von oben herab und enthielt das Schlüsselwort ‚unverbindlich‘, was nichts anderes bedeutete, als das sie bei vorherigen Dates schlechte Erfahrungen gemacht hatte und sie mir diese vorhalten würde: nur weil ich ein Mann war und deswegen nicht anders sein konnte als die vorherigen Männer.

Ich schaute mir ihr Profil im Internetforum an und las, was ihr zusammengepresster Mund verbarg: die Haare auf den Zähnen. Ihr Profil dort enthielt neunundzwanzig Bedingungen, die ein Mann erfüllen musste, sollte er das Bedürfnis verspüren, ihre nahe zu treten. Im Vergleich dazu lud der Prüfungsparcours der Navy Seals zu einem Sonntagsspaziergang mit Blümchenpflücken ein. Bei ihr war nichts weiter zu pflücken als lebenslange Sklaverei. Sie wollte keinen Mann, sie wollte einen Gefangenen, auf Lebenszeit und mit Ring, vorzugsweise durch die Nase und ohne Betäubung, auf das sie ihn als Sklaven seiner Lust – natürlich, ohne sie je zu erfüllen – durch die Manege ihrer ganz sicher perversen Machtphantasien zerren konnte.

Nicht mit mir. Tatsächlich packte mich bei ihrem Anblick ein Bedürfnis, eines, dem ihr Papa hätte schon vor wahrscheinlich vierzig Jahren nachgeben sollen: eine Tracht Prügel auf den nackten, vermutlich perfekten, im Fitnesscenter geformten Po und das war noch die freundlichere Version. Ich hätte den Job auch übernommen.

Davon hätte mich nicht mal abgehalten, wenn sie darüber eine Strumpfhose getragen hätte, natürlich ohne Slip darunter. Ich mag alles, was glänzt und eng wie eine zweite Haut anliegt. Lack, Nylon, Seide, gerne auch ein bisschen verrückt, Strumpfhosen über Strümpfen zum Beispiel, lange Handschuhe, Stiefel …

Natürlich kann ich auch ohne, und irgendwann, bevor es zur Sache geht, landet das Zeug sowieso auf dem Fußboden. Aber wer wird denn schließlich Currywurst mit Pommes nehmen, wenn er ein Galadinner haben kann? Man verpackt Geschenke ja auch und je aufwändiger die Verpackung, um so mehr die Freude auf das Geschenk. Schon die Verpackung aufzureißen wird da zu einem Genuss für alle Sinne. Letztlich geht dann aber doch nichts über die pure Berührung der samtigen, duftenden Haut einer Frau. Wenn es einen Gott gibt und er sie geschaffen hat, war es sein Meisterstück und es kann nur der Teufel gewesen sein, der es verbockt hat und die Frauen dazu gebracht hat, es mit Tattoos zu versauen. Das einzige, was mir daran gefällt ist das Wort selbst, ansonsten ist das nichts weiter als primitive Kinderkritzelei mit in Tinte getauchten Nadeln, die in die Haut gehämmert werden. So etwas Ähnliches haben die Urmenschen früher an Höhlenwänden gemacht. Aber das kommt wahrscheinlich auch noch, also das mit den Tattoos in der weiblichen Höhle. Vulven malen auf offener Straße hatten wir ja auch schon. In der Schule hatte ich so ein Teil mal auf einen Stuhl geritzt. Das hatte ziemlichen Ärger gegeben, weil die Lehrer nicht wissen konnten, dass ich, wie so manches andere verkannte Genie, meiner Zeit um vierzig Jahre voraus gewesen war.

Nach dem Männerbild von Frau Intelligenzbrille waren wir bierbäuchige, im Stehen pinkelnde Machos, die alles flachlegten, was bei drei nicht auf dem Kaktus saß.

Ich fühlte mich verletzt … einen Bierbauch hatte ich nicht. Es gab Tage, da hatte ich auch das Leben satt, aber ich musste das nicht in Worte gießen und jedem vom anderen Geschlecht die Schuld dafür geben. Aber das war nur meine Sicht, als Mann war ich schon per Definition ein Sexist seit meiner Geburt, eine Frau konnte es hingegen nie werden, egal, wie sie sich auch anstrengte. Wahrscheinlich wechselten deswegen manche – hm, Männer mag ich da gar nicht sagen – den Bahnsteig. Damit man ihnen nicht Sexismus vorwerfen konnte. Welchen anderen Grund sollte es sonst geben, kein Mann sein zu wollen?

Eine virtuelle rote Schleife um meine Wut wickeln und sie abschicken, dauerte nur Sekunden: Trägst du dabei Lack und Leder oder eher eine Rüstung mit Keuschheitsgürtel? Egal, deine Spielgefährten tun mir leid. Ich gehöre nicht dazu.

Es konnte gut sein, dass sie jetzt mit einem Baseballschläger das Porzellan in der Küche zerlegte, falls noch welches übrig war von ihrem letzten Wutanfall. Aber ihren Blick durch die Spinnerbrille hätte ich in diesem Moment gerne gesehen.

Ich irrte mich. Als hätte sie die ganze Zeit an ihrem Laptop gesessen, brauchte sie nur Sekunden für ihre Antwort und sie gefiel mir nicht, überhaupt nicht: Weder noch. Nichts als schimmernde, kühle Seide auf nackter, heißer Haut. Du würdest dich verbrennen. Männer verdrücken sich, wenn es heiß wird.

Erwartet hatte ich Schweigen, bekommen hatte ich eine Provokation. Ich reagierte wie ein richtiger Mann: dumm. InterCityHotel Schwerin, 21:00. Ruf zehn Minuten vorher an. Mindestens Businessoutfit, enger Rock, vorzugsweise aus Leder, und Bluse. Schwarze Nylons mit Naht und High Heels sind ein Muss.

Danach machte ich es mir auf dem Hotelbett gemütlich. In vierzig Minuten wurde die Championsleague angestoßen und für die Spinnerin war das Spiel zu Ende. Das Ergebnis hieß eins zu null für mich, eine Verlängerung stand nicht zur Debatte. Anziehen und Zurechtmachen für ein Date schaffte eine Frau nicht in einer halben Stunde, schon gar nicht, wenn sie meine Klischeevorgaben ernst nahm. Aber wahrscheinlich wusste sie nicht einmal, dass es so etwas wie Nylonstrümpfe mit Naht gab, geschweige denn, dass sie erfunden worden waren, um Männer um dass bisschen Verstand zu bringen, das sie in der Gegenwart einer schönen Frau noch hatten.
Frauen waren schon eine ganz besondere Spezies. Ich mochte sie, nicht nur, weil man mit ihnen immer wieder Überraschungen erlebte. Keine war wie die andere. Kennst du eine, kennst du eben auch nur die eine, und nicht auch alle anderen.

Ich erinnerte mich an St. Petersburg. So ungefähr vor einem Jahr hatte sich eine Frau um die vierzig, in Jeans, ärmellosem T-Shirt und mit sanften braunen Augen neben mich an die Bar gequetscht im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatte die bulligen Oberarme und den muskulösen Stiernacken eines Gewichthebers und die schiefe Nase eines abgehalfterten Preisboxers gehabt. Nach fünf Minuten hatten wir dann den Platz und von Russisch auf Englisch gewechselt, weil ich mir nicht die Zunge hatte brechen wollen und irgendwann, nach dem x-ten Wodka, war mir nicht mehr aufgefallen, dass wir uns auf Deutsch unterhielten und sie alle drei Sprachen meisterte, als wären es ihre Muttersprachen. Gerade, als es interessant geworden wäre, war sie einfach aufgestanden und gegangen. Wahrscheinlich hatte sie wieder mit Traktorreifen trainieren müssen oder ihr waren die Anabolika ausgegangen. Ihr Name war Sabrina gewesen und nie zuvor hatte ich solche unglaublich langen, goldgelb schimmernden Haare gesehen.

Es wurde Viertel vor neun und der Schiedsrichter gab die Begegnung in Barcelona frei. Müller führte den Ball am Fuß, ich ein Bier zum Mund und für Miss Spinnerbrille war die Geschichte zu Ende. Dachte ich, da summte mein Handy und ich wusste: es konnte nur eine Frau sein. Männer saßen bei diesem Spiel vor der Glotze.

Eine Mail war eingegangen: Du hast fünf Minuten. Geputzte Schuhe und Zähne, Anzug und Schlips sind ein Muss. Auf Nylons bei dir kann ich verzichten, sieht nicht so prickelnd aus an einem Mann in der Hotelbar. Vielleicht später, wenn es dich aufregt.

Fünf Minuten also. Eine davon verbrauchte ich mit Atmen durch die zusammengebissenen Zähne und nachdenken darüber, ob ich noch eine zusätzliche Waffe einstecken sollte. Dann kalte Dusche, Anzug an, Kontrollblick auf die schwarzen Slipper und im Tiefflug eine Etage nach unten. Auf dem letzten Absatz machte ich einen kurzen Stopp, rückte das Sakko zurecht, steckte eine Hand in die Hosentasche und schlenderte mit einem Was-kostet-die-Welt-Lächeln im Gesicht lässig um die Ecke.

Vier Anzugträger auf dreibeinigen Edelstahlhockern bevölkerten die spärlich ausgeleuchtete Hotelbar. Links neben dem Tresen, weit entfernt vom Durchgang zur Lobby, turtelte in einer Sitzecke ein Pärchen auf einer Couch aus schwarzem Leder hinter einer Sammlung leerer Cocktailgläser und neben der Bar versuchte gerade ein Mann, mit der russischen Methode einem Automaten eine Schachtel Zigaretten zu entlocken. Stoisch ertrug der Automat die Fausthiebe. Seine verbeulte Blechhülle verriet, dass ihm schon Schlimmeres widerfahren war. Ich fühlte mit ihm, schließlich arbeitete irgendwo in ihm ein Computerchip. Oder eben jetzt gerade nicht. Einen dunklen Wuschelkopf mit rechteckiger Brille sah ich nirgendwo.

Ich hatte so etwas schon vermutet. Wahrscheinlich saß sie jetzt zu Hause in einem kratzigen Pyjama aus fair gehandelter Baumwolle, überlegte, was sie mir als Nächstes schreiben sollte, und schnitzte nebenbei eine neue Kerbe mit diesmal meinem Nicknamen aus der Kontaktbörse in ihren Baseballschläger. Vielleicht las sie auch ein Buch über Schachstrategien für Fortgeschrittene. Mich hatte sie matt in vier Zügen geschlagen, Schäferzug nannte man das, und so legte man Anfänger auf den Rücken. Das war eigentlich mein Plan mit ihr gewesen. Nun ja, nicht alle Pläne funktionieren.

Wütend nahm ich mir einen freien Hocker in der hintersten Ecke. Auf dem Bildschirm darüber senste ein spanischer Spieler mit einer Blutgrätsche Müller übel die Beine weg. Elfmeter, und es sah ganz so aus, als würden wenigsten die Bayern heute einlochen.
Die Spinnerin ging mir nicht aus dem Kopf. Ihre Nachrichten hatten sich so ganz anders gelesen als ihr Profil und ihr Anschreiben. Aber vielleicht war ja die Art und Weise, wie sie mit mir umsprang, nur Selbstschutz in einer Männerwelt, in der die Schwachen untergingen und die, die schwach schienen, von jedem als Prügelknaben benutzt wurden. Frauen, die nach oben wollten und nicht nur auf einer Quote ritten, demonstrierten Stärke, indem sie sich wie Männer kleideten, redeten wie sie und meistens noch härter und brutaler waren als diese. Die Kunst, einen Mann mit Witz und Weiblichkeit zu dominieren, ihn mit einem simplen, aber wohl überlegten Übereinanderschlagen der bestrumpften Beine zu einem sabbernden Tölpel zu machen, war mit Marlene Dietrich gestorben. Weiblichkeit war heute eher ein Makel denn eine Waffe. Die Frauen wussten sie nicht mehr zu benutzen.

Von der Kunst subtiler Verführung verstand die moderne Frau von heute so viel wie mein alter Kühlschrank von Quantenphysik. Es war eine Scheißwelt für Männer, die nichts weiter als genau das sein wollten. Wahrscheinlich auch für Frauen, die auch nichts weiter als das wollten. Eigentlich hatte es überhaupt nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit Dummheit als Staatsdoktrinen, in der sich einige Frauen zum ewigen Opfer hochstilisierten und jeden Mann, der es wagte, auch nur anzudeuten, dass Weiblichkeit und Liebreiz etwas Schönes seien, gleich dreimal verknackten: Einmal wegen sexual Harressment; das zweite Mal, weil sie ja gar keine Frauen waren, in ihrem Ausweis nicht Andrea, sondern Andreas stand und der Idiot das nicht kapiert hatte; und das dritte Mal, weil er als Mann überhaupt gewagt hatte, sich Personen, die wie Frauen aussahen, in eindeutiger Absicht zu nähern und noch dazu nicht einmal auf den Knien. Dass Frauen Männer schon immer verknackt hatten, lebenslang sogar, und dazu nicht mehr als ein betörendes Lächeln, und einen Ring gebraucht hatten, rafften sie nicht.

Designerbrille, wahrscheinlich auch Designerbrüste. Ich fragte mich, warum man noch kein Designergehirn erfunden hatte. Das könnte man auch geschlechtsneutral machen, schließlich waren wir Männer auch nicht besser. Oder warum saß ich hier gerade an einer fremden Hotelbar und sah zu, wie meine Sexualdrüsen ziemlich verstimmt den Betrieb einstellten und den Platz räumten für die Kampfhormone?

„Glengoyne für den Herrn. Kann ich noch etwas für Sie tun?“

Der Barkeeper riss mich aus meinem Weltschmerz und stellte ein Glas vor mich hin. Das Grinsen unter seinem affigen Henri-Quattre-Bart hätte er sich sparen können. Ich war kein Idiot. Welchen Scotch ich liebte, stand nur in meinem Onlineprofil. „Können Sie“, knurrte ich. „Mir sagen, woher Sie wissen, welchen Whisky ich trinke.“

„Ich verstehe nicht?“

„Drucken Sie sich es auf die Schürze, in Großbuchstaben. Wann hat sie angerufen und den Whisky für mich bestellt?“

Affektiert hob er die Augenbrauen. „Sie bringen da wohl etwas durcheinander.“

Ganz sicher. Ihn, und zwar gleich. Ein bisschen am Kragen rütteln wirkte manchmal Wunder. Ich stürzte den Whisky in einem Zug hinunter – er schmeckte wie Abwaschwasser – und wog das Glas einen Moment in der Hand. Es sah nicht besonders teuer aus, das Hotel würde nicht pleite gehen, wenn ich es Mister Ich-verstehe-nicht an den Kopf warf. Ich holte mit weitem Schwung aus, der Barkeeper verzog sich, als könne er meine Gedanken lesen, da verstummte das leise Summen der Gespräche abrupt.

Mein Gott, ich hatte doch nur so getan, als ob … Aber die Männer neben mir schauten nicht mich an, sondern zum Eingang. Ich stellte das Glas wieder auf den Tresen, drehte wie alle anderen meine Rübe und holte – auch wie alle anderen Angehörigen der Männerfraktion – tief Luft.

Zum Affen machen wollte ich mich nicht, also blieb ich erst einmal auf meinem Barhocker kleben und passte auf, dass mir die Augen nicht herausfielen. Ohnehin sah die Frau im Eingang der Bar nach einer Liga aus, für die ich mir keine Eintrittskarte mehr leisten konnte.

Unter einem offenen grauen Bolerojäckchen mit Goldapplikationen trug sie eine weiße Bluse, unter der ein schwarzer BH durchschien, aber nur ganz wenig, nicht so, dass es aufreizend wirkte, nur … hm … elegant und ein bisschen anregend. Dazu trug sie einen, ebenfalls grauen, fast bis zu den Füßen reichenden, engen Seidenrock mit Schlitz an der Seite und gleichfarbige Pumps mit mindestens zehn Zentimeter hohen Absätzen. Die Sachen sahen schick und teuer aus und waren so gekonnt zusammengestellt, dass sie aus ihrem Übergewicht die pure Verführungsmasse machten. Bei knapp einen Meter fünfundsiebzig ohne die Highheels etwa achtzig Kilogramm Weiblichkeit, schätzte ich, und was für eine: Wuchtbrumme, Vollweib, etwas überdimensionierter, männermordender Vamp – mir fielen bei ihrem Anblick so einige Bezeichnungen ein, für die ich in jedem Social Network mit einem Shitstorm und lebenslangem Bann geadelt worden wäre. Ihr Gesicht, auch wenn ich es nur im Halbdämmer sehen konnte, schien auch einen zweiten, dritten, vierten Blick wert zu sein. Doch leider hatte sie keinen dunklen Wuschelkopf, sondern halblange blonde Haare und eine Brille trug sie auch nicht. Was dann wohl hieß, dass es nicht die Frau war, auf die ich wartete. Offenbar hatte einer der Herren neben mir hier die dicke Marie in der Hosentasche.

Mit unbewegtem Gesicht musterte sie jeden in der Bar und das wir das gleiche mit ihr taten, perlte von ihr ab wie Wasserspritzer von eingecremter Haut. Sie nickte dem Barkeeper zu, er nickte zurück. Mir nickte sie nicht zu.

Ich bin kein Masochist und so drehte ich mich wieder zurück. Der Mann im Spiegel mir gegenüber in der Rückwand der Bar lächelte mich mit unverkennbarer Melancholie an. Er hatte kurze silbergraue Haaren und ruhige braune Augen. Ich nickte ihm zu. Wir kannten uns seit zweiundfünfzig Jahren. Da, wo er herkam, schätzte man einen Mann nach dem, was er tat, nicht nach dem, was er vorgab zu sein oder zu wollen und schon gar nicht nach dem, was er den lieben langen Tag an Worten von sich gab. Er wusste, dass ein Orgasmus nur Sekunden währt, die Erinnerung im Guten wie im Schlechten daran aber ein Leben lang bleibt, und seine Erinnerungen waren ihm wichtig. Er mochte sich selbst und konnte darüber lachen, manchmal jedenfalls; liebte den Duft von verschwitzter Frauenhaut, mochte schwarzen Tee mit Milch, und Kaffee nahm er vorzugsweise intravenös; Humor war ihm am liebsten Black & dry mit ein wenig Sarkasmus, für seiden schimmerndes Schwarz über weißen Frauenknien hätte er einen Mord begangen, Lustschreie in stiller Nacht waren für ihn die schönste Musik neben Nightwish und Within Temptation; und Al Pacinos Monolog in: Im Auftrag des Teufels das Beste, was Menschen je auf die Leinwand gebannt hatten.

Ich bestellte noch einen Abwasser-Whisky und prostete ihm zu. Er wäre wahrscheinlich der tolle Hecht gewesen, den die Schönheit eben offenbar nicht gefunden hatte, denn niemand der Herren hier hatte seinen Platz verlassen. Was dann wohl hieß, dass Fischkunde nicht ihre Stärke war. Sonst hätte sie gewusst, dass die wirklich tollen Hechte sich kaum in einer Hotelbar herumdrückten und sich im wahren Leben spätestens dann verzogen, wenn ein Hai vorbeikam. Oder die Realität. Ich nahm mich da nicht aus, wenigstens was die Realität betraf. Vor der zog ich auch ganz gerne schnell mal den Kopf ein. Sie war grausam.

Seit Jahren schaute ich außer Sport kein Fernsehen, Radio lief schon gar nicht mehr. Beides waren Erfindungen, die mehr Menschen getötet hatten als alle Kriege der Welt zusammen. Weil sie es waren, mit denen man die Menschen heutzutage zu nichts weiter als Soldaten ohne Uniform machte: Befehlsempfänger ohne eigene Gedanken. Die meisten Menschen verstanden nicht, was in der Welt geschah. Ja, sie verstanden nicht einmal, dass sie es nicht verstanden, schließlich hielten sie sich ja für bestens informiert.
Das Internet war für mich eine sprudelnde Quelle von Informationen, korrekten Informationen, und ich brauchte keine Experten, die glaubten, mir nicht nur sagen zu können, wie ich diese Informationen zu interpretieren hätte, sondern sogar, was ich zu denken hatte und das nur, weil sie einmal in ihrem Leben an einer Journalistenschule vorbeigegangen waren. Experten … zum Totlachen.
Die Wirklichkeit war eine andere. Parallelgesellschaften hatten sich etabliert, die innere Sicherheit stand nur noch auf dem Papier, die Behörden waren überfordert, weil ausgedummt – Parteibuch ging vor Qualifikation – und die Polizei kastriert worden. Keiner gönnte dem anderen auch nur noch das Schwarze unter dem Fingernagel. Auf den Straßen herrschte das Gesetz des Dschungels: Unverschleierte und unbegleitete Frauen im falschen Stadtviertel waren Freiwild, Hass war die herrschende Religion, farbig kämpfte gegen weiß, Links gegen Rechts, Zugewanderte gegen Einheimische, Jung gegen Alt, Arm gegen Reich, Frauen gegen Männer und Kinder lernten in der Schule, das Gott ein non-binäres Wesen war, was ein Dildo war und wie man Analverkehr praktizierte. Religiös verbrämte Morde und Anschläge waren an der Tagesordnung, Bildung Mangelware und Bücher wurden nicht mehr verbrannt, sondern schon während des Schreibens von staatlichen und privaten Faktencheckern gelöscht. Menschen waren Versuchskaninchen ohne jede Privatsphäre, Klimarettung und Diversität Staatsdoktrin. Abwechselnd verkündeten die Medien die Erreichung des goldenen Zeitalters oder den baldigen Weltuntergang und sorgten so dafür, dass das Jeder-gegen-Jeden niemals endete. Gescheiterte Ehen, zerbrochene Familien, Geschlechterkampf, entwurzelte und haltlose Menschen waren die Realität und das Leben der meisten war heruntergedimmt auf ein Dasein als Opfer, auf Verantwortungslosigkeit und betreutes Denken. Wissen war nicht wichtig, Glaube und die richtige Haltung waren es und jeder, der auch nur eines von beiden hinterfragte, konnte schnell hinter Gittern enden oder wurde ruiniert. Denunzianten feierten Hochkonjunktur. Es war ein Kampf ums nackte Überleben, von dem nur diejenigen ausgenommen waren, die sich ein Leben in exklusiven Wohnvierteln hinter hohen Mauern und mit Heerscharen von Bodyguards leisten konnten. Aber es gab ja Fernsehen und da sahen wir jeden Tag unsere schöne neue Welt, die Beste, die es je gab.

Ich winkte Mister Ich-verstehe-nicht und bestellte eine ganze Flasche von dem Abwaschwasser-Whisky. Hier unten hatte ich nichts mehr verloren. Eigentlich nirgendwo mehr in dieser kaputten Welt.

Hinter mir erklangen die ersten Töne einer Sinfonie. Nichts anderes ist der Gang einer Frau auf hohen Absätzen – der Auftakt, die Ouvertüre, der Trommelwirbel, der den Einsatz des Orchesters ankündigt. Ich drehte nicht einmal den Kopf. Es wurde nicht für mich gespielt.

Seide raschelte, dann sagte eine samtige Altstimme neben mir: „Ich musste mich nur noch etwas frisch machen. Du bist Hartwig, oder? Ist es nicht langweilig, mit seinem Spiegelbild zu trinken?“

Es war eine samtige Altstimme und in ihr klangen all die Sünden, die ich mit ihr noch nicht begangen hatte. Ich warf einen Blick in den Spiegel mir gegenüber. Hinter dem Mann mit dem silbernen Haar stand die Frau von eben und lächelte mich an. Sie schien sich sicherer als er zu sein, dass sie neben dem Richtigen stand.

Ich drehte mich langsam um. „Ja, bin ich und nein, gar nicht,“ antworte ich. Sie roch gut.

Sie wirkte nicht, als wollte sie auf dem freien Hocker neben mir Platz nehmen. Ich konnte sie verstehen. Ich hätte mich heute Abend auch nicht neben mich setzen wollen.

„Ganz sicher?“

Sicher war nur, dass Gott das Lachen und die Liebe erfunden hatte und Luzifer die Lust. Was bedeutete, dass er nur eine Frau sein konnte. Ich hatte schon immer eine Schwäche für ihn. Er – nein, sie – war so menschlich.

„Kommt auf den Menschen an, den man darin sieht. Und du?“ Ich stieg von meinem Barhocker. Irgendwann hatte ich einmal etwas über Höflichkeit gelernt.

„Bei mir?“ Sie wich keinen Zentimeter zur Seite. Wir standen uns sehr nah. Zu nah für meinen Geschmack. Jedes Tier braucht ein bisschen Platz, um zu entscheiden, ob es weglaufen oder angreifen soll. Sie schien mir von der ersten Sekunde an diesen Platz nicht lassen zu wollen.

Sie antwortete auf ihre eigene Frage: „Bei mir ist nur eines sicher: Ohne Küssen geht gar nichts. Nicht in dieser Welt und erst recht nicht in der, in der ich lieber leben wollte. Und du?“ Mit ein wenig schräg gelegtem Kopf schaute sie mich an, mein Weltschmerz verdampfte und was übrig blieb, war Neugier. Sie war anders. Natürlich, Menschen sind immer anders.

Nachdenklich drehte ich das Whiskyglas in meiner Hand. Es sah so aus, als mochte sie keine Regionalzüge, eher Intercity, erste Klasse vermutlich. Das war nicht so meins, ein bisschen miteinander Reden vorher wäre schon nicht schlecht. Aber wenn mir jemand die Tür öffnete und eine Fahrkarte in die Hand drückte, warum sollte ich dann nein sagen? Weil sie nicht so aussah wie auf ihrem Foto? Geschenkt! Wir lebten in keiner besonders freundlichen Welt und eine Frau, die ihr Foto in so eine Kontaktbörse stellte, musste mit allem rechnen. Ich verstand sie. Ich erlebte gerade, dass nichts so ist, wie es am Anfang scheint.

In ihren blauen Augen tanzten kleine Teufelchen. Ich ließ das Whiskyglas über den Tresen schlittern, dass Mister Ich-verstehe-nicht Mühe hatte, es vor einem Absturz zu bewahren, und wies ihr mit der Hand den Weg zum Lift. „Ich würde sie gerne finden, diese Welt.“

 


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt

10. Fessle mich!

11. Sourcecode