20 Juli 2022

Plaedoyer: Eingemauert

Eingemauert


Sie blickte mich von oben herab an, als wäre ich ein Exemplar einer bisher unbekannten Spezies. Damals in der Bar in St. Petersburg war es so dunkel gewesen, dass ich nicht viel von ihrem Gesicht gesehen hatte, aber schon da hatte mich der Widerspruch zwischen ihrem maskulinen Bodybuilderkörper und ihrem fraulichen Gesicht fasziniert. Jetzt sah ich sie im Licht und der Gegensatz war nur noch frappierender. Sie besaß sehr feminine Züge, nirgendwo war eine harte Kante, alles war fließend, weich und fraulich. Genau betrachtet, war es auch ihr Körper. Unter dem offenen Sakko beulte sich ein weißes T-Shirt auf Brusthöhe ganz ordentlich und so besaß sie trotz ihrer Massigkeit durchaus einen gewissen Reiz. Vorausgesetzt, man mochte Bulldozer mit Brüsten.

Ich nicht und so wendete ich meinen Kopf zu der Frau am Fenster, gerade in dem Moment, in dem auch sie sich herumdrehte.

„Wir machen nie Fehler, Hartwig.“ Ihr samtiger Alt füllte den Raum und die nächste Schockwelle schoss durch meinen Körper, erst heiß, dann eisig kalt. Den Mund, der das gesagt hatte, hatte ich gestern geküsst. Nein, er hatte mich geküsst. Mir reichte die Lehne nicht mehr. Ich ließ mich auf den Stuhl fallen.

„Das unterscheidet uns von dir,“ setzte Ela hinzu. „Danke, Sabrina. Lass uns bitte allein.“

„Bist du sicher, Viktoria?“ Sabrina ließ kein Auge von mir. „So schnell kann ich nicht reinkommen, wenn …“

Beide blickten mich böse an, dann sagte Ela: „Er könnte nicht mal einer Fliege die Flügel ausreißen und wenn es ernst wird, kriecht er unter den Tisch oder verdrückt sich. Menschen ändern sich nicht. Also nein, lass uns allein.“

Sabrina riss mir die Rechnung aus meiner erstarrten Hand und legte sie auf den Aktenstapel auf dem Tisch. „Wenn du sie zum Weinen bringst, reiß ich dir den Arsch auf,“ zischte sie mir im Vorbeigehen zu, dann schloss sie die Tür hinter sich. Der Boden hatte nicht gebebt unter ihren Füßen, aber etwas in mir. Es war mir schon damals in St. Petersburg vorgekommen, als würde es ihr ein wenig an Ausgeglichenheit mangeln.

„Beeindruckende Frau, oder?“ Ela/Viktoria hatte ihr ebenfalls hinterhergeschaut. „Du hattest Glück in St. Petersburg, dass ich sie da nicht schon von der Kette gelassen habe. Zwar wirst du mich nicht noch einmal zum Weinen bringen, aber trotzdem solltest du ihre Warnung ernst nehmen. Als sie fünfzehn war, hatten zwei Männer etwas andere Vorstellungen von Spaß als sie. Mit achtzehn ist sie dann zur Armee gegangen. Wo sie da war, hat sie nicht einmal mir erzählt, nur dass es irgendetwas mit Psychologie und Verhörtechniken zu tun hatte. Nach zehn Jahren ist sie dann nach Deutschland gekommen. Leider habe ich ihr ihre schlechten Manieren immer noch nicht abgewöhnen können. Ab und zu geht sie mal mit jemandem mit. Sie bevorzugt da eher die echt miesen Typen. Zurück kommt sie immer alleine. Manchmal kommt am nächsten Morgen ein Krankenwagen, aber eher selten. Welcher Mann gibt schon gerne zu, dass eine Frau es ihm zwar besorgt hat, nur leider etwas anders, als er es gerne gehabt hätte?“

„Was … was hast du mit St. Petersburg zu tun?“ Irgendwie wollte meine Stimme nicht so wie ich. Immerhin war ich froh, dass ich mittlerweile verstanden hatte, dass die Ela von gestern heute Dr. Viktoria Weinhold war. Wenigstens trug sie jetzt ihre dämliche Designerbrille. Ich konnte sie nicht ausstehen, beide. „Und wann habe ich dich gestern zum Weinen gebracht?“ Es gab nur einen Grund, warum ich den Satz nicht hinausschrie: Ich schreie nie.

„Nicht gestern, Hartwig. Es ist schon so lange her, dass du dich wahrscheinlich nicht einmal mehr daran erinnerst. Sogar zweimal.“ Sie drehte den Kopf zum Fenster, als wollte sie nicht, dass ich ihren Gesichtsausdruck sah. Nur eine Sekunde, dann blickte sie mich wieder an.

„Also gut,“ knurrte ich. „Du lässt mich seit mindestens einem Jahr beobachten. Du hast mich eingeladen, weil du etwas von mir willst. Was das sein könnte, ist mir allerdings schleierhaft. Falls du nach einem Sexualpartner suchst, hättest du nicht so eine Show wie gestern Abend abziehen müssen. Du scheinst genug Geld zu haben …“ Ich musterte sie mit einem abschätzigen Blick von oben bis unten, über dessen Bedeutung sie keine Sekunde im Zweifel sein konnte, dann haute ich ihr genüsslich eine rein: „Damit ist dann ja Schönheit kein Problem mehr. Nicht mal, wenn sie fehlt.“

Es blätterte von ihr ab wie gestern die Blicke der Männer in der Bar. Sie setzte sich auf den Rand des Konferenztisches neben mir und wieder stieg mir der Duft von Sandelholz in die Nase, trocken und kühl. „Sag du es mir, Schatz“ hauchte sie. „Hat es dich sehr viel Überwindung gekostet gestern? Du warst so lieb.“

„Das war, weil …“ Ich konnte schon immer mit Tastaturen besser umgehen als mit meinen Stimmbändern, wenn eine Frau in meiner Nähe war. Vielleicht lag es auch daran, dass ich sie verletzen wollte, aber irgendetwas in mir sich dagegen sträubte.

„Weil?“ Spott glitzerte hinter ihren rechteckigen, getönten Brillengläsern.

Wenn sie es denn unbedingt wollte, dann sollte sie es auch bekommen. „Du hattest die richtigen Sachen an. Zieh einer Gummipuppe schwarze Strümpfe an und ich treibe es auch mit der. Die droht wenigstens nicht mit Schlägen und lässt es mich zu Ende bringen.“

„So wie diese vielleicht?“ Sie griff nach dem Saum ihres ledernen Kostümrocks und zog ihn über ihre Knie, nicht viel, nur so, dass das Nylon im Licht der Sonne aufschimmern konnte. Es war nicht schwarz, aber seine Wirkung verfehlte es nicht.

„Lass das,“ knurrte ich.

Sie zog den Rock wieder über die Knie. „Bin ich nicht auf dem neuesten Stand, was die Entwicklung von Gummipuppen angeht? Ich meine mich zu erinnern, dass du von meinen Küssen gar nicht genug bekommen konntest. Was ich da an meinem Unterleib gespürt habe … das wuchs … wuchs … und nur durch meine Küsse. Meine Strümpfe konntest du doch gar nicht sehen, du hattest die Augen geschlossen, als ich dich küsste. Woher weißt du übrigens, dass du es nicht zu Ende bringen darfst?“

„Ich stehe nicht auf Büroquickies.“

„Wer redet von einem Quickie?“

Das, was in ihrer Frage mitschwang, war nicht das, was ich in ihrem Gesicht las. Das war kalt, ja geradezu böse. Sie wollte mich provozieren. Aber wozu? „Du hast meine Frage nicht beantwortet,“ erwiderte ich.

„Welche Frage?“ Sie legte den Kopf schräg, steckte einen Zeigefinger in den Mund und lutschte daran, als müsste sie intensiv nachdenken.

Ich brauchte diesen Vertrag dringend, aber es gab für alles eine Grenze und wer glaubte, mich so verarschen zu können, wie sie es gerade tat, überschritt sie. Natürlich gab es Verträge, an die kam man nur auf den Knien heran, aber da hatte ich eine echte Behinderung. Wahrscheinlich verdiente ich deshalb so schlecht, aber meine Würde war es mir wert und hier, bei dieser Frau, wollte ich sie erst recht nicht hergeben.
Ich erhob mich, sorgsam darauf achtend, sie nicht zu berühren. „Dann hat sich das wohl erledigt. Ich hoffe, du hattest wenigstens Spaß. Mir ist er vergangen. Ich gehe.“

Sie wirkte nicht überrascht, eher belustigt. „Aber du kannst doch nirgends mehr hin“, entgegnete sie.

„Kann ich, und zwar genau jetzt. Da, zur Tür hinaus.“

„Tu das. Bestimmt hat Sabrina schon Platz auf ihrem Schreibtisch für dich gemacht. Sie hat extra für heute allen Patienten abgesagt. Hatte ich schon erwähnt, dass die Zimmer hier schalldicht sind?“

„Mach dich nicht lächerlich. Es gibt Gesetze!“

Jeder Spott verschwand aus ihrer Stimme. „Dann setz dich wieder hin, bevor ich dafür sorge, dass sie auf Dich angewendet werden!“

Wie zufällig legte sie eine Hand auf den dicken Ordner neben sich. Er war dick, viel zu dick für meinen Lebenslauf und meine Skills. Wenigstens für die, die ich an das Institut geschickt hatte.

„Ja, ziemlich dick, oder?“ Auch wenn ihre Zähne ein bisschen hübscher und wahrscheinlich gepflegter waren als die eines Hais – irgendetwas an ihrem Lächeln ließ mich an Meeresbewohner aus finsteren Tiefen denken.

„Da kommt ein bisschen was zusammen im Leben eines Menschen in zwanzig Jahren.“ Spielerisch ließ sie den Zeigefinger auf dem Deckel der Akte auf- und niederwippen.

Also darauf lief es hinaus. Ich hatte gewusst, dass es früher oder später geschehen würde. Nur hatte ich gehofft, dass ich es kommen sehen würde und mich rechtzeitig dünn machen konnte. Ich hielt mich am Anblick ihres Zeigefingers fest und versuchte zu verdrängen, auf was er zeigen könnte. Es war ein schöner Zeigefinger, kräftig und doch schlank, der Nagel echt, nicht aufgeklebt, halbrund und in sanftem Rosa lackiert. Wenn meine Befürchtung zutraf, dann hatte ich ganz schlechte Karten. Plötzlich fiel mir ein, was ich eben überhört hatte. „Was meintest du eben mit Sabrina und Patienten?“

Zuckersüß antwortete sie: „Oh, bitte entschuldige. Wir haben wohl die Vorstellung vernachlässigt. Ich bin Doktor der Informatik Viktoria Weinhold, Sabrina trägt ebenfalls einen Doktortitel, allerdings in Medizin und Amira ist Magister ebenfalls in Inform…“ Sie unterbrach sich. „Hartwig, du wirst so bleich?“

Ich schluckte, schluckte, schluckte …

Viktoria lachte. „Oh Gott, Amira hat dir ihren Standardwitz erzählt.“ Innerhalb eines Sekundenbruchteils änderte sich ihr Gesichtsausdruck. Böse setzte sie hinzu: „Es war keiner, Hartwig.“

Sie beugte sich vor, bis ihr Gesicht nur noch Zentimeter von meinem entfernt war und zischte: „Seit dieses Institut besteht, hat es noch kein Mann verlassen, ohne dass ich seine Unterschrift hatte. Wenn er sie nicht hier in diesem Zimmer geleistet hat, dann eine Etage tiefer, nach ein paar Tagen Aufenthalt in der Praxis von Dr. Sabrina Medejewa. Wahnvorstellungen, wie du sie hast, sind eine Gefahr für die Allgemeinheit. Solche Leute sperrt man weg, Hartwig, wenn es sein muss, ein Leben lang und niemand fragt dann mehr nach ihnen.“

Institut für Internetsicherheit – ich fragte mich, welcher Teufel mich geritten hatte, mich hier blicken zu lassen.

Der Teufel stand vor mir und sagte kalt: „Ich glaube, du nimmst besser wieder Platz. Du siehst sehr blass aus.“

Mir blieb nichts anderes übrig. Tatsächlich zitterten meine Knie und es war nicht nur Wut, die dafür verantwortlich war.

„Besser.“ Das Lächeln erschien wieder auf ihrem Gesicht, jetzt war auch noch eine wahrscheinlich genau dosierte Spur von Besorgnis darin. „Ich erzähle dir eine Geschichte und danach machen wir uns Gedanken, wie es mit dir weitergeht. Zu deiner Information: Die Fenster sind aus Panzerglas, die Tür ist elektronisch gesichert und im Büro draußen sehen und hören Sabrina und Amira alles, was hier geschieht. Hast du das verstanden?“

Ungläubig blickte ich erst sie an, dann zu den Fenstern und sie ergänzte: „Es ist Einweg-Panzerglas. Von draußen sieht man nicht, was hier drin geschieht und Schreie hört man natürlich auch nicht durch das Glas. Das mag sich für dich melodramatisch anhören. Sei versichert, es ist es nicht. Es gibt einen Grund, warum die Stühle aus Stahlrohr und die Tischplatten aus unzerbrechlichem Acyl sind.“

Ich ließ mich wieder auf den Stuhl fallen. Nein, ich war nicht irgendwo in der Wüste in Afghanistan, nicht in einem Bunker hinter dem Ural und auch nicht in Langley. Ich war in Schwerin, saß in einem nahezu luxuriös, auf jeden Fall aber gemütlich eingerichteten Büro und die Frau, die mich gestern nach allen Regeln der Kunst verführt hatte und jetzt angezogen war, als sollte ich glauben, dass sie das Gleiche noch einmal vorhatte, eröffnete mir, dass sie mich verhörte. Ich war mir nicht ganz sicher, was ich jetzt dringender brauchte: einen Anwalt oder einen Psychologen. Nein, das Letzte strich ich ganz schnell wieder, auch in meinen Gedanken. „Was auch immer du wissen willst, hättest du mich auch schon gestern fragen können. Dafür …“, ich schwenkte den Arm herum, „… wäre das alles nicht notwendig gewesen. Ich antworte, wenn man mich nett fragt.“

„Das Attribut ‚nett‘ trifft weder auf dich und ganz bestimmt nicht auf mich zu, aber Letzteres wirst du bald herausfinden.“ Ihre Kaumuskeln spielten unter der Haut. „Ich habe dich gestern sehr viel gefragt, Hartwig, und du hast mir geantwortet, auch wenn du deine Antworten selbst nicht verstanden hast. Aber dein Körper hat verstanden. Du schaust mich an, als könntest du dich nicht entscheiden, ob du mich lieben oder hassen sollst. Seit Sabrina aus dem Raum gegangen ist, hast du bis auf den Blick eben zum Fenster und vorhin auf meine Knie nirgendwo anders hingeblickt als in mein Gesicht, nicht auf meinen Po, nicht auf meine Brüste, nicht auf meine Beine.“

Demonstrativ richtete ich meinen Blick auf den Aktenstapel auf dem Tisch. „Können wir uns über etwas Ernsthaftes unterhalten? Alternativ könntest du natürlich auch zum Punkt kommen. Worauf läuft das hier hinaus? Auf ein unmoralisches Angebot, für den BND zu arbeiten?“ Ich dachte an Sabrina. „Oder den FSB? Was treibt ihr wirklich in diesem Institut? Ich habe so gut wie nichts über euch gefunden.“

„Dafür habe ich gesorgt. Hier arbeiten nur Frauen, die mehr als genug Gründe haben, Männer zu hassen, jede Einzelne von ihnen. Und das mit dem Institut ist ganz einfach. Irgendwann begriff ich, dass ich nicht mehr weiterkam. Ich hatte genug Geld verdient. Noch weiter wäre ich nur gekommen, wenn ich mich in eine Gesellschaft eingefügt hätte, deren Regeln ich verachte. Ich konnte sie nicht ändern oder ungestraft brechen, also habe ich meinen Abschied genommen und dieses Institut gegründet. Mich fügen, war nie meine Stärke. Jetzt weht draußen eine Regenbogenfahne, Nazis und Hunde müssen draußen bleiben und Männer werden hier nur als Dienstleister geduldet. Wir erstellen hier Analysen über die Aktivitäten russischer und chinesischer Hacker, geben Empfehlungen, wie man sich davor schützen kann, und infiltrieren Chatrooms von Querdenkern und, natürlich, Nazis. Niemand sagt mir mehr, was ich tun und lassen soll, ich habe beste Beziehungen nach oben, nach ganz oben, und mein Institut wird mit Steuergeld zugeworfen, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich es ausgeben soll.“

„Und das alles glaubst du? Das ist doch alles …“

„Sag es nicht!“ Etwas wie Traurigkeit erschien auf ihrem Gesicht, das hinderte sie jedoch nicht, den Befehl auszusprechen. Sie kreuzte die Arme vor der Brust und stellte sich seitlich ans Fenster, so dass ich nur ihr Profil sah. „Ich gehöre jetzt zu den Guten. Deshalb kann, egal, was ich auch tue, es nicht schlecht sein. Nicht einmal das, was ich mit dir vorhabe. Genau so wenig, wie ich jemals sexistisch sein kann, denn das können nur Männer, die es ja seit dem Moment ihrer Geburt an sind. Es sei denn natürlich, sie ändern ihr Geschlecht. Dann wird ihnen verziehen, vielleicht. Ob ich dir verzeihen kann, weiß ich noch nicht.“

Sie stand am Fenster, hatte die Arme verschränkt und ihr Gesicht hatte da, wo die Sonne es traf, eine helle Seite und die, die ich sah, war dunkel. Es erinnerte mich an die Szene in der Umkleidekabine in ‚Im Auftrag des Teufels‘. Drei schöne Frauen, eine sitzt auf dem Hocker vor den beiden anderen, die sich langsam entkleiden, um Sachen anzuprobieren, und sich dabei über Männer unterhalten. Sie tragen nichts weiter als aufregend elegante Unterwäsche, ihre Körper sind makellos und begehrenswert. Die Kamera zoomt näher und zeigt, wie sie an ihren Körpern herumspielen, Erotik pur. Die Kamera fährt höher, zeigt die Brüste, den Hals und überall ist nichts anderes als makellose Frauenhaut. Dann zoomt die Kamera auf die Gesichter. Etwas bewegt sich dahinter, sie reißt auf und die Fratzen von Dämoninnen brechen hervor. Nur Sekundenbruchteile, dann sind es wieder wunderschöne Gesichter von begehrenswerten Frauen. Ich habe diese Szene nie vergessen können. Es ist meisterhaft in Szene gesetzter Gefühlshorror. Ich hatte ihn gerade erneut erlebt, und ich war der, der auf dem Hocker vor der Umkleidekabine saß. Schlimmer noch: Ich hatte gestern Sex mit einer der Dämoninnen. Ich blickte zu Boden. Ich mochte sie nicht mehr ansehen.

Ihre Stimme erreichte meine Ohren trotzdem. „Du willst das Warum wissen. Gut. Meine Karriere begann in einer Luxemburger Bank. Es war eine der Ersten, die einem systemweiten Hackerangriff zum Opfer fiel. Einem Angriff, den ich heute noch nicht verstehe. Er hätte nur von innen kommen können, aber die einzigen Computer, an denen hätten Datenträger ohne mein Wissen eingelesen werden können, waren die der Vorstandsmitglieder. Da hatte ich zwar einen Feind, aber der hatte großen Anteil am Aufstieg der Bank. Noch heute bin ich mir sicher, dass er sich eher den Arm abgehackt oder mich in einer dunklen Gasse vergewaltigen lassen hätte, als seiner eigenen Bank zu schaden. Es war also unmöglich, was geschehen ist und doch ist es passiert. Ich wurde gefeuert und alles, was ich mitnahm, war eine vergessene Funktionsbibliothek mit einem Anagramm – NINOR – und einer binären Zahl, die decodiert 96910BOHNI ergab. Man hatte den Verdacht auf jemanden aus meiner Abteilung lenken wollen, dachte ich damals, denn das ist die Postleitzahl von Sömmerda, der Stadt, in der eine meiner Kolleginnen geboren wurde. Aber sie war nur ein kleines Licht, lang und dürr wie eine Bohnenstange, Elena hieß sie, glaube ich, und niemand hätte sich ihretwegen so viel Mühe gemacht.“

Sie machte eine Pause. Wahrscheinlich erwartete sie, dass ich aufblickte. Das konnte ich nicht. Mit aller Kraft presste ich meine Kiefer zusammen und hielt den Kopf gesenkt. Ich merkte, wie ich zu zittern begann, und diesmal war es blanke Wut. Doch konnte ich mich beherrschen.

Ich sagte nichts und sie setzte fort: „Ich wurde gefeuert und fand danach Arbeit in Frankfurt. Nebenbei suchten mein Bruder und ich nach dem genialen Gehirn, dass mich geschlagen hatte. Wir fanden es nicht und irgendwann gaben wir auf. Dann war ich am Rande involviert in die Aktionen mit den gestohlenen Steuer-CDs – meine Bank hatte es auch erwischt – und da tauchte NINOR wieder auf. Nichts weiter als eine Zeile Quellcode, scheinbar zufällig vergessen, und wieder 96910BOHNI.“

Ich konnte nicht mehr schweigen, sonst wäre ich an mir selbst erstickt. „Woher willst du wissen, dass es ein Mann war?“, fragte ich. „Ich kenne Frauen, die sind auch als Programmiererinnen genial. Auf keinen Fall schlechter als Männer. Ihnen fehlt manchmal nur …“ Ich überlegte, „der Biss, die Aggressivität.“

„Es war der Code,“ antwortete sie nach kurzem Überlegen. „Frauen schreiben elegant, lesbar, sie wollen, dass auch andere verstehen, was sie vollbracht haben. Sie denken an solche Kleinigkeiten wie Wartbarkeit, Weiterentwicklung. Frauen denken auch an die, die nach ihnen kommen, das liegt in ihren Genen. Dem Entwickler, der das Codefragment geschrieben hatte, war das alles gleichgültig. Er hat Funktionen in Funktionen definiert, unglaublich tief verschachtelt, jede Programmierkonvention gebrochen. Nicht einmal Zeilenumbrüche oder Einrückungen haben ihn interessiert. Sein Code war wie eine Maschinengewehrsalve, aggressiv, brutal, ein Urmensch mit einer Keule gegen Zwerge mit einer Wasserpistole. Sie hatten keine Chance. Aber ich hatte sie.“

Sie gab ihre Position am Fenster auf und ging an der Fensterwand auf und ab. Ich senkte den Kopf und etwas in mir zählte ihre Schritte, die gleichen, die gestern Abend für mich wie der Auftakt zu einer Sinfonie geklungen hatten.
„Dann kamen die Panama-Papers,“ nahm sie ihre Erzählung wieder auf. „Leaks über Geldwäsche und Steuerbetrug und auch diesmal war meine Bank betroffen, allerdings nicht nur sie. Wieder hatte NINOR seine Hände im Spiel, wieder fand niemand heraus, wer er war. Er agierte, lancierte Daten, aber er sorgte immer dafür, dass es keinen Weg zurück zu ihm gab. Er wollte nichts, verlangte nichts, arbeitete immer allein und gab niemals seine Identität preis.“

Ich schielte auf den dicken Aktenordner auf dem Tisch neben mir. Fast war ich versucht, ihn aufzuschlagen, doch diese Blöße wollte ich mir nicht geben. Dafür, dass sie nichts über NINOR wusste, war er ziemlich dick.

„Ja, das ist eine wirklich interessante Lektüre.“ Sie hatte meinen Blick offenbar bemerkt. „Ich habe mich lange mit ihm beschäftigt. Es ist ein geniales Gehirn, aber nicht wirklich bösartig. Es hat immer nur spielen wollen. Geld hat es nie interessiert, es konnte damit nicht einmal richtig umgehen, ebenso wenig wie mit Verantwortung oder anderen Menschen. Es hasste einfach nur die Grenzen, die man ihm gesetzt hatte, und es war losgezogen, jede zu überschreiten, die es fand. Es wollte immer wissen, was dahinter war. Es war süchtig nach Selbstbestätigung, aber nicht von anderen, sondern von sich selbst und so war es sich selbst der schlimmste Feind. In der Akte da neben dir steht, was es liebt, was es hasst, wovon es träumt und niemals jemandem erzählen würde und auch, das es sich doch nichts mehr wünscht, als das es jemand genau danach fragt. Es hat so viel Phantasie … Nur mit dem Leben kommt es nicht so richtig klar. Es ist ein Alphatier im Denken und ein Weltrekordler im Coden, aber wenn es reden muss, kommt nicht viel Gescheites dabei heraus. Deswegen kommt er auch mit Menschen nicht klar. Er hält die meisten für dumm und sie halten ihn für zynisch. Frauen sind für dieses Gehirn der Alptraum schlechthin. Es kann sie nicht berechnen und so läuft es vor ihnen davon in seine Welt aus Bits und Bytes, in die sie ihm nicht folgen können. Es hat Angst vor jeder Frau und möchte doch nichts mehr, als sich in ihre Arme fallen lassen. Es möchte geliebt werden und mit seiner Liebe zu den Sternen fliegen, doch wie soll das gehen, wenn es sich nicht traut, zu lieben?“ Abrupt blieb sie stehen. „Wolltest du etwas bemerken?“

Vielleicht hatte ich mich bewegt. Vielleicht hatte ich auch gestöhnt. Wenn, dann hatte ich nichts davon bemerkt. Noch immer starrte ich auf meine Fußspitzen. Es war wie eine Schändung. Nicht ich war dieses geniale Gehirn, ich war nicht mehr als sein Schatten und die Beschreibung war so weit von der Realität entfernt wie der Mond von der Erde. Sie war also da gewesen, dachte ich, damals, in Luxemburg, hatte da gearbeitet und ich hatte es nicht gewusst. Sechsundzwanzig Jahre … „Sie war kein kleines Licht!“, flüsterte ich.

„Wie bitte?“

Ich hob den Kopf. „Sie war kein kleines Licht“, wiederholte ich und fuhr mir mit der Zunge über die trockenen Lippen. Ich brauchte etwas zu trinken. Viktoria stand zwei Schritte vor mir. „Du würdest einen Diamanten nicht einmal erkennen, wenn er dir den Fuß zerschmettert! Was ist eine Klasse?“

„Wird das eine Prüfung?“

„Überladung? Methoden? Was Polymorphie? Vererbung, Persistenz, Datenkapselung? Was?“

„Also eine Klasse ist …“

„Lass es. Du hast keine Ahnung!“

„Natürlich kann ich programmieren, ich …“

„Lass es!“, brüllte ich. Es riss mich vom Stuhl hoch. „Vielleicht kannst du programmieren, aber du kannst nicht coden! Programmieren ist für Bürokraten, für Erbsenzähler, Nussprinzen, die mal was von VB gehört haben, für Mausschubser! Code schreibt man nicht, er blutet aus einem heraus. Du wirst geschrieben und irgendwann brichst du zusammen, schläfst einen Erschöpfungsschlaf und selbst in dem träumst du die nächsten Codezeilen, stehst wieder auf und schreibst weiter, verstehst nicht einmal, was du da tust, was du vorher geschrieben hast, aber du weißt, dass er funktioniert. Coden ist eine Sinfonie schreiben in einer Nacht oder einen Roman an einem Tag, eine Sturmflut, unaufhaltsam, unwiderstehlich und sie walzt alles nieder in dir, dass du nicht einmal mehr an Essen und Trinken denkst! Es ist der ultimative Sex, der Flug zu Sternen, und du bist es, der im Vorbeirasen ihr Feuer entzündet!“

Heftig winkte ich ab. Die letzten Worte brachte ich nur noch als unverständliches Krächzen heraus. „Erzähl einer Ente etwas vom Hyperschallflug. Du hattest ein Genie in deiner Abteilung und hast es nicht einmal bemerkt.“

Ich ließ mich wieder auf den Stuhl fallen. Meine Knie zitterten und diesmal war es wohl wirklich Schwäche. Wir hatten uns geliebt, aber Liebe vergeht. Was bleibt, ist die Erinnerung. Was wir hatten, war viel mehr gewesen. Sie hatte das Feuer in mir entzündet, das mir durchs Leben geleuchtet hatte. Ich hatte es nur zu spät begriffen und mich dann nicht mehr getraut, sie noch einmal aufzusuchen, weil ich sie im Stich gelassen hatte. Wer weiß, was sonst daraus geworden wäre. Aber ich wusste, dass ich all das dieser Frau hier nicht würde erklären können, selbst wenn ich es versucht hätte. Das zu verstehen, lag so weit außerhalb ihres Denkens wie einem Minister der Spritverbrauch seines Dienstwagens.

Mit viel Nachdenklichkeit im Gesicht sah sie mich an, ging zum Wasserspender, füllte einen Becher und stellte ihn vor mir auf den Tisch. Dann ging sie wieder ans Fenster. „Erzähl mir von ihr.“

Erst einmal trank ich und ich ließ mir so viel Zeit dabei, wie meine zitternden Beine brauchten, um sich zu erholen. Dann stand ich auf, füllte meinen Becher nach und blieb neben dem Spender stehen. Es war die weitestmögliche Entfernung, die ich in diesem Büro zu ihr einnehmen konnte und ich war auf Augenhöhe mit ihr.

Ich wusste, dass ich meine Deckung hatte fallen lassen, aber ich ging davon aus, dass sie ohnehin löchrig gewesen war. Außerdem war es Bohni wert. Das würde sie es immer sein.

Ruhig, fast schon wieder entspannt, sagte ich: „Von ihr? Ich habe von mir gesprochen.“

„Sabrina hat ein Psychogramm von dir. Du hast eben gekämpft wie ein Löwe und das kannst du nur für andere. Wäre es anders, wärst du nicht so eine verkrachte Existenz.“

Es tropfte ab von mir. Mittlerweile hatte ich Hornhaut auf meinem Stolz. „Nein.“

„Das war keine Bitte.“

„Nein.“

„Muss ich dich daran erinnern, dass wir hier kein freundliches Gespräch führen?“

„Jedenfalls so lange, wie ich nicht weiß, wo ich hier eigentlich bin und was genau ich hier tue.“

„Was wäre dir denn lieber? Die Regierung und damit der Staatsanwalt oder – hm, sagen wir mal – eine Interessengruppe, die es satt hat, dass Leute wie du ihre Kreise stören, sie lieber heute als morgen verschwinden lassen würden und uns gebeten hat, ihnen dabei ein wenig behilflich zu sein?“

„Ein Angebot hört sich anders an.“

„Was sagt dir, dass du eins bekommst?“

„Der gestrige Abend.“
Etwas blitzte in ihren Augen auf. Ich nahm nicht an, dass es Respekt war und wenn, wäre es mir egal gewesen. Sie hatte eine Erinnerung geschändet und damit hatte sie sich endgültig aus dem winzigen Kreis von Personen verabschiedet, deren Meinung mir etwas wert war.

Sie schritt zur Tür, öffnete sie, ging aber noch nicht hinaus. „Der Rest noch. Irgendwann hatte ich einen Gedankenblitz und ich fragte mich, was wenn es doch die Postleitzahl von NINOR war? Sömmerda ist nicht groß und so mussten wir nichts weiter tun, als uns die Kybernetik- und Informatikstudenten heraussuchen, die dort geboren, gearbeitet, irgendwann einmal in einem Hotel übernachtet oder überhaupt in irgendeiner Beziehung zu dieser Stadt gestanden und/oder etwas mit Computern zu tun hatten. In der heutigen Zeit, mit Zugriff auf alle Daten der Einwohnermeldeämter, meiner Bankerfahrung und meinen guten Kontakten dank dieses Instituts ist das nicht einmal mehr eine sonderliche Fleißarbeit. Es waren nur ein paar tausend Leute. Dann Ausschluss nach Alter, Lebenslauf, Familienstand – das Übliche, wie auch die Ermittlungsbehörden vorgehen. Am Ende blieben drei Kandidaten übrig und ganz zum Schluss nur noch du. Du warst der einzige Freiberufler und mit ein wenig Fantasie könnte man da auf einen modernen Ronin schließen, vor allem, wenn man sich dein Bewegungsprofil und die Leute genauer ansieht, für die du offiziell Aufträge erledigt hast und welche Art von Aufträgen das war. Dann noch deine Bankdaten und ab dem Moment, an dem wir die MAC-Adresse der Netzwerkkarte in deinem Laptop hatten – deswegen war Sabrina übrigens in St. Petersburg – hast du nicht ein einziges Bit mehr empfangen oder gesendet, das wir nicht kontrolliert haben. Du hast mir Knüppel zwischen die Beine geworfen, Hartwig – es war übrigens nicht nur dreimal, sondern viermal – und ich bin eine sehr rachsüchtige Frau und die, die hinter mir stehen, sind es auch. Aber zuerst komme ich. Die können dann das haben, was ich von dir übrig lasse. Es sei denn, wir finden eine Übereinkunft. Dann würde ich dir vielleicht noch eine zweite Chance geben. Du hast fünf Minuten zum Nachdenken.“ Sie ging hinaus.

 


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt

10. Fessle mich!

11. Sourcecode