21 Juli 2022

Plaedoyer: Fessle mich

Fessle mich!


„Fessle mich!“

Das war nicht der Standardsatz, den ich am Sonntagmorgen gewöhnt war, zu hören. Eigentlich hörte ich am Sonntag nie irgendwelche Sätze, weil niemand in meiner Nähe war, der hätte sprechen können. Aber Umstände ändern sich.

„Du bist noch nicht ganz wach.“

Sie stellte das Offensichtliche fest. Mein Kopf wollte schlafen, aber wie schon ein ganzes Männerleben lang hielt sich ein Teil meines Körpers nicht an die Direktive von oben. Deswegen lag ich auch unter sündhaft teurer Bettwäsche in einem Bett, dass mir nicht gehörte; in einem Haus, das nicht meines war; in einer Stadt, aus der ich einmal weggelaufen war und neben einer Frau, die seit letzten Montag das Attribut „mein“ auf mich anwendete.

„Aber etwas von dir ist schon aufgestanden.“ Wieder schlug die samtige Altstimme in meinem Kleinhirn ein wie schon letzte Woche. Großhirnrinde, Kortex und logisches Denkvermögen? Aus dem Reboot noch nicht zurück. Seit einer Woche schon nicht, installierte wahrscheinlich immer noch Updates. Ich fühlte mich wie ein Microsoftrechner.

Dr. Elena Viktoria Weinhold – ich hatte Schulden bei ihr gemacht und das, was sie mir seit ein paar Tagen antat, nannte sie: Zinsen eintreiben. Wahrscheinlich legte sie einen Teil davon in Energieaktien an, damit ihr der Saft für ihre Spielzeuge nie ausging. Jeden Ausweg hatte sie mir versperrt und das ich deswegen eine Rechnung mit ihr offen hatte, von der ihr klar sein musste, dass ich sie ihr irgendwann präsentieren würde, schien sie nicht im Geringsten zu stören. Sie war die Gefängniswärterin, die vom Gefangenen verlangte, gefesselt zu werden, und sie konnte es sich leisten, weil sie genau wusste, dass der Gefangene keiner Frau ein ernsthaftes Leid zufügen konnte. Eine kleine Charakterschwäche von mir. Es schien so, als wollte sie heute dabei Hilfe geben.

Sie fuhr mit ihrer Hand unter die Seidenbettdecke auf meiner Seite. Ohne sich mit solchen unwesentlichen Dingen wie diversen Zärtlichkeiten aufzuhalten, griff sie nach meinem Glied und ich war machtlos gegen das Stöhnen, dass der Druck ihrer Hand aus mir herauspresste.

Es ist der feuchte Traum eines jeden Mannes: Noch im Halbschlaf schwebend, die Augen geschlossen, das Glied von den nächtlichen Träumen erigiert, dass es schon schmerzt, und dann der Wunsch, dass da eine sanfte, zärtliche Hand sein möge neben dir, die dich erlöst. Nun, die Hand war da, aber sanft und zärtlich hatte ich mir immer anders vorgestellt.

Der schwere Duft der Nacht durchtränkte noch die Luft im Schlafzimmer – eine Mischung aus verbrauchter Atemluft, dem Schweiß unserer nackten, erhitzten Körper, die sich noch Stunden zuvor aufeinander, ineinander bewegt hatten, und dem Geruch diverser Körperflüssigkeiten, der aus den Laken aufstieg. Es brauchte nur ein paar Bewegungen von ihr, damit das schon Aufgestandene dem Eiffelturm Konkurrenz machte.

„Siehst du …“, gurrte sie.

„Ich hab noch nicht mal gefrühstückt.“

„Liegt neben dir. Du musst es nur fesseln.“

„Das ist pervers.“

„Oh, schön, mehr davon …“

Sie räkelte sich zu mir herum, wechselte die Hand, bewegte sie von der Spitze meines Gliedes bis hinab zu den Hoden, dann wieder zurück, machte kurz einen Zwischenhalt an der Ausguckplattform, dann ging die Reise wieder von vorne los – hoch, runter und ich biss die Zähne zusammen. Ich stellte mir im Kopf ein vierdimensionales Array vor, shiftete die Bytes von einer Dimension zur anderen – vergebens. Der Quelltext in meinem Kopf formte sich zu einer Frauenhand, schmal, gepflegt und mit langen roten Nägeln. Mühelos ließ sie die Bytes ins Nirgendwo purzeln, statt Variablen und Konstanten erschienen zehn Eiffeltürme vor meinem inneren Auge, und es waren zehn überdimensionale Frauenhände, manche von ihnen in ledernen Handschuhen, die an ihnen auf und niederfuhren, mehr wurden es, immer mehr und alle taten sie das Gleiche.

Ihre Hand wurde schneller, der Druck härter, schon fast schmerzhaft. „Du weißt, wie das endet“, flüsterte sie mir ins Ohr und natürlich wusste ich das: Mit meinem Stöhnen und damit, dass sie, während ich darum kämpfte, mich wieder einzukriegen, noch ein zweites, vielleicht sogar ein drittes Mal stöhnen würde, so schnell hintereinander, wie es eigentlich unmöglich sein sollte. Vorausgesetzt natürlich, sie hatte schon die Batterien in ihrem Spielzeug von heute Nacht gewechselt.

Hart schlug ich ihre Hand zur Seite, warf die Decke ab und rollte mich aus dem Bett. Sterne tanzten vor meinen Augen, weil mein Blut sich wieder einmal nicht da herumtrieb, wo ich es brauchte, und es war nicht die Schwerkraft, die daran Schuld trug. Es dauerte einen Augenblick, bis ich klar sah, und fast wünschte ich dann, es nicht zu können. Auf der glänzend schwarzen Bettwäsche räkelten sich achtzig Kilogramm weißes Frauenfleisch, nur notdürftig bedeckt von einem roten Negligé – pure sexuelle Schwungmasse, jedes einzelne Gramm gesteuert von einem Gehirn, das wahlweise jeden an die Wand argumentieren oder vor Lust ausflippen konnte.

„Schade“, hauchte sie.

Ich hielt mich an dem geschmiedeten weißen Eisengitter am Kopfende fest. „Nein!“

Sie legte beide Arme hinter den Kopf, dass sich ihre Brüste gegen die rote Seide darüber pressten; fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und stellte die Beine auf, dass ihr das Negligé bis hinauf zur Hüfte raschelte.

„Hör auf!“, knurrte ich, doch sie spreizte die Schenkel noch weiter: „Fessle mich!“

Ich ging um das Bett herum auf ihre Seite. Das rote Lackkorsett auf dem Stuhl sprang mir in die Augen – wahllos hatte sie gestern Abend ihre Sachen verstreut und es erst ausgezogen, als wir fertig gewesen waren – besser gesagt, sie mit mir.

Ich schob es zur Seite und griff nach ihren schwarzen Nylons. Prüfend zog ich an ihnen – sie schienen einiges auszuhalten und ich fragte mich, ob das auch für sie galt.

„Wenn ich dich jetzt ans Bett fessele, werde ich es so tun, dass Du Dich tatsächlich nicht alleine befreien kannst. Ich könnte alles oder nichts mit Dir machen, Dir weh tun, jede Schweinerei mit dir und Deinem Körper anstellen, die mir so

einfällt und auch Sachen, an die ich jetzt noch gar nicht denke. Sachen, die Dir vielleicht nicht gefallen werden, aber gegen die du dann machtlos bist. Willst du das wirklich?“

Sie kreuzte die Hände über dem Kopf und fasste mit Glut in den Augen nach dem Bettgestänge hinter ihr. „Willst du es schriftlich?“

„Ja oder Nein reicht mir.“

„Mein Gott! Willst du mich zum Orgasmus quatschen?“ Sie schloss die Beine, drehte sich halb zu mir herum, ohne das Gitter hinter ihr loszulassen, und fauchte: „Zum Mitmeißeln für Dich Steinzeitmenschen: Ja, ich will, dass Du mich wehrlos machst, mich fesselst, dass ich mich nicht gegen das wehren kann, was Du mit mir anstellst. Hoffentlich! Gott, hör auf zu quatschen und fick mich endlich, Du Weichei!“

Nackt wie ich war, setzte ich mich auf ihre Brust, packte sie bei den Handgelenken und es dauerte nur Sekunden, sie eben nicht sehr sanft mit einem Strumpf zusammenzubinden und mit dem anderen an das Schmiedeisengitter am Kopfende zu fesseln. An ihren Mund hatte ich dabei nicht gedacht und an das, was sie mit dem Teil von mir tat, der direkt auf ihr Gesicht zeigte. Auch nicht daran, dass mein Unterleib sich vor- und zurück schieben könnte in ihrem Mund, gegen meinen Willen, schneller, heftiger, tiefer … noch tiefer …

Sie stöhnte, dann würgte sie und ich hielt still, tief in ihrem Rachen, meine Hände in ihre Haare gekrallt …

Sie riss den Kopf zur Seite, hustete, holte krampfhaft Luft. Speichel rann aus ihrem Mundwinkel. Ich rutsche tiefer, das Negligé über ihren Brüsten riss unter meinen Händen und es klang, als würde eine Maschinengewehrsalve durch das Schlafzimmer fetzen. Ein Hieb mit der flachen Hand auf ihre linke Brust, dann auf die Rechte … aufgerichtete, harte Brustwarzen, die ich kneifen musste … ein spitzer Schrei … ich rutschte noch tiefer, zwischen ihre Schenkel, meine Hände pressten ihre Brüste wie in einem Schraubstock zusammen und dann – rücksichtslos, mit einem Stoß, so tief, dass es nicht mehr tiefer ging, drang ich in sie ein … die zweite Bewegung, mein Unterleib rammte gegen ihr Schambein – wieder dieser spitze Schrei. Noch einmal, der Schrei wurde lauter … hörte nicht mehr auf … meine Hände rissen ihre Oberschenkel an mich, stießen sie wieder weg, die ganze Frau flog hin und her … war nur noch Schreien … und dann noch ein Stoß, ein allerletzter, mit aller Gewalt … und ich riss mich aus ihr heraus, verströmte meinen Orgasmus über ihre Haut auf das Bettlaken, dann fiel ich neben sie und wieder einmal gab es nicht genug Luft in der Welt für meine Lungen.

„Was …“ Sie atmete genau so heftig wie ich. „Was war das jetzt?!“

Ich konzentrierte mich auf meinen Atem. Weh getan hatte es, all meinen Überzeugungen widersprochen – mich nicht in ihr zu verströmen, nicht ihren gefesselten Leib als Kirche meiner Lust zu benutzen. Ich stand auf.

„Wo willst du hin? Ich bin noch nicht fertig!“

Sie zerrte an ihren Fesseln. Der Hormonschwall hatte ihre Wangen rot gefärbt und das nicht Vollendete aus dem Lustglitzern in ihren Augen Zornblitze gemacht. Ich ließ sie abprallen. Bald würde sie wissen, was wirkliche Wut war.
Selbst unter der Dusche hörte ich sie noch wütend nach mir schreien. Gewöhnlich duschte ich warm bis heiß, jetzt drehte ich eiskalt auf. Ich brauchte einen klaren Kopf. Abtrocknen, Bademantel über, einmal tief Luft holen, dann ging ich wieder ins Schlafzimmer.

„Du bist doch ein Waschlappen! Ein jämmerlicher Versager, ein …“

Ich stopfte ihr ihren schwarzen Seidenschlüpfer in den Mund. Den hatte sie noch gut bei mir vom Montag in ihrem Büro. Dann durchsuchte ich ihren Kleiderschrank, bis ich das Fach fand, in dem sie ihre Strümpfe aufbewahrte. Mit einer Strumpfhose fesselte ich auch ihre Beine und diese dann ebenfalls ans Bett, legte ihr eine Decke über, schließlich wollte ich nicht, dass ihr kalt wurde.

Ihr Handy lag auf dem Nachtschrank. Ich griff danach und warf einen langen Blick auf den Sperrbildschirm. „Weißt du“, sagte ich und hielt ihr das Telefon vor das Gesicht, „so ein Handy ist einfach zu knacken. Eigentlich muss man es dafür nicht einmal in die Hand nehmen. Es reicht schon, wenn man einen Computer im gleichen Netz hat. Dein Laptop ist in Deinem Arbeitszimmer, oder?“

„Hmmpf“ Sie bäumte ihren Körper auf, zerrte mit aller Gewalt an ihren Fesseln und versuchte, den Schlüpfer auszuspucken. Vielleicht hatte sie begriffen, was ich vorhatte.
Ich machte es ihr leicht: „Ich denke, meine Rechnung ist beglichen. Aber deine noch nicht. Lass Dir die Zeit nicht lang werden, bis ich wieder da bin.“

Ich ließ sie allein und ging frühstücken. Für das, was ich vorhatte, brauchte ich dann nicht einmal eine Stunde und während ich ihren Laptop und ihr Handy knackte, dachte ich über sie nach. Es ging ihr nicht um Sex. Sex ist Kaninchenrammeln, rauf, rein, raus, runter und wer am dichtesten am Urmenschen dran ist, kann am meisten und längsten. Es ging ihr um Lust, um mehr Lust bis hin wahrscheinlich zur Allerletzten und das war es, was sie so gefährlich machte. Sie hatte die Macht über Menschen gekostet, das ist ein mächtiges Aphrodisiakum und das Gefühl dabei kommt dem der Lust sehr nahe. Deshalb wollen alle, die einmal Macht besessen haben, nur noch eines – immer mehr davon.
Wie auch der erste Drogenrausch der unvergesslichste ist, so ist auch der erste Orgasmus der mächtigste. Wir zögern ihn hinaus, denn wir wissen, dass wir mehr davon wollen, immer mehr, aber es nicht bekommen können und so suchen wir nach Möglichkeiten, ihn zu verlängern, ihn zu DER Explosion zu machen, nach der nichts mehr kommt, kommen kann. Vielleicht in der Zukunft, eine Sonde direkt ins Hirn ins Lustzentrum, die richtigen elektrischen Impulse und man kann sich dann zu Tode orgasmieren.

Aber nicht mit mir. Ich hatte nicht die Absicht, unter ihren Händen auf der verzweifelten Suche nach der letzten Lust an irgendeiner Sexspielerei zu enden. Um ein Mann zu sein, muss ich mich nicht darüber definieren.

Ich ging wieder zu ihr. Sie lag vollkommen still, nur ihre Augen folgten meinen Bewegungen, als ich ihren Laptop und ihr Handy auf den Nachtschrank legte. Zu sagen hatte ich ihr nichts. Ich hatte mir von einem ihrer Konten ein paar tausend Euro überwiesen, eine Summe, die sie nicht einmal spüren würde. Als ich ihre Konten zusammengerechnet hatte, hatte es mir fast den Atem verschlagen. Sie würde ein neues Spielzeug finden, da war ich mir sicher.

Irgendwie hatte sie es geschafft, sich freizustrampeln, die Bettdecke lag auf dem Fußboden und das zerrissene rote Negligé schaute darunter hervor. Sie drehte sich auf den Bauch, den Kopf zur Seite und streckte mir ihren nackten Po entgegen, soweit es die Strümpfe, die sie fesselten, erlaubten. In dieser Position hatte ich sie kennengelernt, wenn auch in der Senkrechten, mit dem gleichen herausfordernden Blick in den Augen und dem mir entgegengestreckten Hinterteil, das, wie auch ihr Blick, zu sagen schien, was ich damit zu tun hatte: Mich auf sie werfen, da in sie eindringen, wo sie mir am Montag auf dem Tisch in ihrem Büro weh getan hatte, meine Hand auf ihren Mund pressen, ihre Schreie ersticken …

Gewalt schafft Lust, aber nur auf mehr Gewalt. Sie befreit nicht, nur sie zu kontrollieren, tut es. So hatte ich es immer gehalten und daran würde auch der nackte Hintern von Dr. Viktoria Weinhold nichts ändern. Aber irgendetwas in mir machte es sich nicht so leicht.

Sie schien es zu spüren, denn sie ließ sich zur Seite fallen, rollte sich auf den Rücken und blickte mich still an.

Ich wusste nicht, ob es hätte Liebe werden können. Es wäre ohnehin nicht die von damals gewesen und selbst wenn, hätte es nichts geändert. Wir würden uns jeden Tag bekriegen, auf eine freundlich-spöttische Art vielleicht, aber wir würden es tun, nur, um herauszufinden, wer von uns besser ist und in der Nacht würden wir uns im Bett wälzen, bis uns auch das der Alltag des Zusammenlebens vermiesen würde. Irgendwann würden wir ausbrennen, bei der Intensität, mit der wir uns in den letzten Tagen geliebt hatten, wahrscheinlich sehr schnell.

Eines Tages würden wir aufwachen und feststellen, dass da doch einmal etwas gewesen war, es aber schon so lange her war, dass wir uns nicht einmal mehr daran erinnerten. Ich würde in Jogginghosen auf der Couch liegen und Fußball schauen oder mich am Computer vor ihr verstecken, sie würde ein Glas Rotwein vor sich stehen haben, und in Leggins blicklos aus dem Fenster starren in eine Zeit, als sie sich noch schön glaubte und voller Feuer gewesen war.

Vielleicht glaubte sie, dass das junge Mädchen noch immer in ihr war und sie noch einmal neu anfangen konnte mit mir. Ich wusste es nicht. Vielleicht hätte sie auch nichts weiter tun müssen, als sich ihre löchrigen Jeans anziehen und mir die Hand reichen, wie damals und vielleicht hätte ich sie dann nicht mehr losgelassen. Manche Fehler macht man nicht ein zweites Mal.

Es waren zu viele vielleicht. Niemand kann in seinem Leben einfach die Reset-Tase drücken und es noch einmal neu booten wie einen Computer. Wir sind, was wir geworden sind und das einzige, was wir tun können ist, in Würde dazu zu stehen.

Das war es, weswegen ich mich trotz allem gerne an sie erinnern würde: Auch wenn sie es nicht absichtlich getan hatte, so verdankte ich ihr, dass ich das verstanden hatte. Dass ich mich verstanden hatte. Akzeptierte ich, was ich da im Spiegel sah, blieben mir nicht mehr viele Optionen.

Am Montag, in ihrem Büro, war ich für einen Moment versucht gewesen, mich zu verteidigen. Mit den Grenzen hatte sie falsch gelegen. Es gab eine, die ich nie überschritten hatte: Ich war kein Dieb und ich hatte nie jemanden ins Gefängnis gebracht, der es nicht auch verdient hatte. Ich hatte ihr sagen wollen, dass es Danglar gewesen war, der mich beauftragt hatte und ich nur seinen halben Auftrag ausgeführt hatte. Natürlich hatte ich es damals nicht gewusst, aber jetzt, nachdem sie mir die ganze Geschichte erzählt hatte, wusste ich, dass es nur er gewesen sein konnte. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass das Konto, auf das ich hatte das Geld überweisen sollen, ihres gewesen war und er gewollt hatte, dass sie ins Gefängnis ging. Er war schon ein Herzchen, dieser Danglar, ein Geldsack, wie er im Buche stand, eine Drecksau. Jetzt war ich froh, dass ich es ihr nicht gesagt hatte. Wahrscheinlich hätte sie da nur eine neue offene Rechnung gesehen und ich wäre es gewesen, der wieder Rachegedanken in ihr geweckt hätte. Sie war so, sie konnte einfach nichts dafür. So aber hatte sie mit meiner alle offenen Rechnungen beglichen und konnte zur Ruhe kommen. Ich wünschte es ihr sehr.

Ich hatte mir ihren Sourcecode vorgenommen, überzeugt, ihr zeigen zu können, um wie viel meiner besser gewesen war. Nach nur ein paar Minuten hatte ich alles um mich herum vergessen gehabt. Wo ich mit einem Buggy durch die Büsche gerast war, hatte sie die Autobahn benutzt, hatte Hinweisschilder aufgestellt, Anweisungen zum Abbiegen, Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber auch Strecken ausgewiesen, an denen man rasen konnte. Er war länger als meiner, eleganter und das Wichtigste: Er hätte funktioniert. Mehr noch: Ich wäre nicht von außen in ihre Bank hineingekommen. Sie schon.

Als ich mich aus ihren Codezeilen herausgerissen hatte, war mir klar gewesen, dass ich noch immer von ihr lernen konnte. Dreißig Jahre, ich war noch immer ihr Lehrling und da war kein Neid in mir, nur Bewunderung. Aber auch das änderte nichts.
Ich streichelte ihr Gesicht, stand auf und ging. Ich war ein Ronin, ein Freelancer und ich akzeptierte niemanden über mir.

***

In der Garage schmiss ich meinen Koffer auf die Rücksitze, mich auf den Fahrersitz und legte meinen Kopf auf das Lenkrad. Es war wie immer: So lange ich in Bewegung war, etwas tat, irgendetwas, war alles gut. Aber sobald ich mir Zeit zum Nachdenken nahm, wurde es kompliziert. Wie jetzt. Ich saß in meinem Wagen, war endlich allein und statt Ruhe zu finden, meldete sich etwas in mir, das nicht wollte, dass ich wegfuhr. Ich spürte es nur zu gut.

„Egal“, sagte ich laut, verpasste meinem inneren Schweinehund eine – er nahm das nicht krumm, er war das gewohnt – schlug mit der Hand auf das Lenkrad und drehte den Schlüssel. Nichts geschah. Mein alter Ford zickte rum. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Er duckte sich zwischen einem silbernen Maybach und einem schwarzen Porsche. Dazwischen hätte ich mich auch nicht wohlgefühlt.
Ich beugte mich in den Fußraum und tastete nach dem Griff für die Motorhaubenentriegelung. Als ich wieder hochkam, wusste ich, dass nicht nur mein Auto ein Problem hatte, sondern ich auch. Es stand vor der Motorhaube, war einen Meter fünfundneunzig groß, einhundert Kilogramm schwer und sah irgendwie angepisst aus.

„Du gehst fort“, konstatierte Sabrina.

Ich stieg aus. „Ja.“

„Und du kehrst nicht zurück.“

„Du müsstest doch eigentlich froh darüber sein.“

Sie legte den Kopf schräg. „Ach, warum?“

„Weil …“ Ich biss mir auf die Zunge. Sie war mehrmals in der Woche bei uns gewesen und wenn ich noch Blicke richtig deuten konnte, war sie verliebt in Viktoria. Aber ich konnte mich auch irren und wollte nicht in das nächste Fettnäpfchen latschen, also hielt ich lieber den Mund.

„Du hast es also bemerkt,“ stellte sie fest. „Ja, du hast recht. Aber das ändert nichts. Ich will, dass sie glücklich ist. Mit wem ist dabei eher zweitrangig. Aber das sehe wohl nur ich so, nicht wahr?“

Ich schaute an ihr vorbei nach draußen. „Ist es ein Zufall, dass du hier bist?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe es gewusst.“

„Woher?“

Wieder schüttelte sie den Kopf, heftig diesmal, als wollte sie sich selbst überzeugen. Rätselhaft erklärte sie: „Es gibt Informationen, die zwingen jemanden, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten, einfach, weil er es seinem moralischen Maßstab schuldig zu sein glaubt. Selbst, wenn er sich aus freien Stücken dafür entscheiden würde, ist es doch hinterhältiger Zwang. Wir haben genug Zwang ausgeübt auf dich. Viktoria …“, sie schluckte heftig, „Sie würde mich umbringen, wenn ich es dir sagen würde. Nein, frag nicht!“ Sie klang zornig, fing sich aber sofort wieder. „Darf ich dir noch etwas mit auf den Weg geben?“

„Du würdest es auch tun, wenn ich nein sage.“

„Würde ich nicht.“
Doch, das würde sie. Nur wollte sie es mir nicht so einfach machen. Ich stöhnte. Im Armumdrehen, auch im Gedanklichen, konnte ich ihr nicht das Wasser reichen. „Mach schon.“

„Hast du dir schon einmal, gewünscht, einen Hund zu besitzen?“

„Natürlich.“

„Warum hast du dann keinen?“

„Bei meiner Art zu leben? Du machst Witze!“

„Nein.“

„Nun mach doch schon!“ Ich stöhnte so laut, dass sie lachen musste.

Schnell wurde sie wieder ernst. „Ich weiß, dass viele Menschen, die sich sehnlichst ein Haustier wünschen, es sich nur aus einem Grund nicht erlauben: Weil sie glauben, den Schmerz nicht ertragen zu können, wenn der Tod es dahinrafft. Sie finden alle möglichen Ausreden für sich selbst, doch das ist der wahre Grund. Sie haben nicht begriffen, dass Schmerz, wie jedes andere Gefühl auch, des Trainings bedarf. Mit Gefühlen umzugehen, muss man erlernen und es gibt nur eine einzige Trainingsmethode dafür: indem man sie erlebt, im Guten wie im Bösen. Nur wer Gefühle zulässt, wird sie auch bei anderen verstehen können. Nur wer Gefühle zulässt, wird Glück kennenlernen können und nur, wer Gefühle zulässt, wird wissen, dass sie es sind, die uns zu Menschen machen. Dass sie es sind, die das Leben überhaupt erst lebenswert machen. Ein Leben, dass seinen Sinn nur darin sieht, jedem Schmerz aus dem Weg zu gehen, ist kein Leben, sondern ein Existieren in ständiger Angst vor dem Tod. Dabei ist es der Tod, der das Leben überhaupt erst ermöglicht. So leben nicht Menschen, so leben Psychopathen. Hast du ein Ziel?“

„Ja.“ Ihre Frage überrumpelte mich. Ihr Vortrag hatte etwas geweckt, dass ich besser nicht an die Oberfläche ließ. „Ja, natürlich,“ antwortete ich noch einmal und stieg ein.

Sie folgte mir und stellte sich neben die Fahrertür. „Wir vermissen übrigens deine Akte, in der Viktorias Quellcodes waren.“

„Sie sind zehn Jahre alt, braucht heute so wie so kein Mensch mehr.“

„Gesetzt den Fall, sie ist durch reinen Zufall in deinem Koffer gelandet, hätte das rein gar nichts mit deinem Ziel zu tun, oder?“

„Was sollte ich mit einem zehn Jahre alten Code von Viktoria? Ich! Also bitte!“

„Ja dann … Wenn du dich nicht ständig hinter deinem Zynismus verstecken würdest, könnte man dich tatsächlich mögen. Als Mann sollst du ja ganz brauchbar sein, meint Viktoria.“

Sie stand zwischen Tür und Einstieg, eine Hand auf das Wagendach gelegt und sah mich von oben an, von sehr weit oben. Ich verrenkte mir fast das Genick, nur um ihr Gesicht sehen zu können. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen und ich wusste, dass das noch nicht alles gewesen war.

„Jack hieß er, glaube ich, nicht?“ Sie tat, als müsste sie nachdenken, dabei war ich mir sicher, dass kein Wort von ihr zufällig gewesen war. Sie hatte sich alles schon vorher zurechtgelegt. „Viktoria hat von ihm erzählt und wie ihr zusammen über die Wiesen getobt seid, du, dein Hund und sie und dass sie manchmal richtig eifersüchtig auf ihn war, weil du ihn mehr geliebt hast als sie. Auch, wie er gestorben ist.“

Ich schluckte. Wieder einmal. Ein bisschen zu häufig in der letzten Zeit. „Ihr seid so mies!“

„Du wirst es vermissen.“ Sie klopfte auf das Wagendach. „Soll ich dich anschieben?“

„Hast du das nicht gerade?“

„Ich hoffe doch.“ Sie gab mir das, was sie wohl für einen leichten Klaps hielt. Mein Schlüsselbein überlebte es geradeso.

„Ab mit dir.“ Sie schlug die Wagentür zu und ging nach hinten. Ich konnte gerade noch einen Gang einlegen, dann schoss er vorwärts, als hätte ihn eine Dampframme getroffen.

 


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt

10. Fessle mich!

11. Sourcecode