20 Juli 2022

Plaedoyer: Festung

Die Festung

„Ich bin Amira. Sie sehen ein bisschen müde aus. Lange Fahrt gehabt? Ich bringe Sie nach oben. Sie sind doch Hartwig Renner?“

Ich reichte am Empfang meine ausgefüllte Anmeldung unter der dicken Glasscheibe zurück und drehte mich zu der Frau hinter mir herum. Sie war ein kleiner Wirbelwind unbestimmbaren Alters mit Schokoladenhaut, dunklen Glutaugen und interessanter Frisur: Die eine Seite des Kopfes war kahlgeschoren, auf der anderen Seite fielen dichte, pechschwarze Dreadlocks bis auf ihre schmalen Schultern und verdeckten dabei die rechte Gesichtshälfte.

Es war Montagmorgen und es war offenbar ihre Stimme gewesen, die ich aus dem Lautsprecher neben der Eingangspforte des Instituts gehört hatte. Noch ein zweites Schild hatte da geprangt: Dr. S. Medejewa, Praxis für Psychotherapie.

Jetzt waren wir auf dem Weg zum Chef dieser Festung. Anders konnte ich es nicht bezeichnen. Die Eingangstür hatte massiv gewirkt und war elektronisch von innen geöffnet worden. Danach war ein kameraüberwachter Gang gekommen, von dem nicht eine einzige Tür abgezweigt hatte. Am Ende war eine weitere nur elektronisch zu öffnende Tür gewesen und dahinter hatten mich zwei kräftig gebaute Frauen in Hosenanzügen erwartet, deren Schnitt mehr nach Uniformen als nach Bürokleidung ausgesehen hatte. Mit Sicherheit nahm man es hier offenbar ernst.

„Ging so,“ antwortete ich. „Bin schon gestern Abend im Hotel gewesen. Hab mir noch einen Horrorfilm angesehen. Mit weiblicher Hauptrolle.“

„Dann haben wir etwas gemeinsam. Ich habe mir den Untergang der Bayern gegen Barcelona angesehen.“

Sie drehte die Augen zur niedrigen Decke und ich wechselte das Thema. „Schreckt das die Patienten nicht ab, wenn sie durch diese Sicherheitsmaßnahmen hindurch müssen, bevor sie ins Wartezimmer kommen?“

„Welche Patienten? Ach so, die von Dr. Medejewa. Nein, überhaupt nicht, die erwarten sogar so etwas.“

„Ist nicht wahr?“

„Doch. Dr. Medejewa hat sich auf paranoide Schizophrenie spezialisiert. Die schweren Fälle.“ Sie blickte zu mir hoch und ich fragte mich, wie sie das hinbekam, ohne über ihre kurzen Beine zu stolpern, denn sie wurde dabei kein bisschen langsamer. Mit einem Ernst, der umso frappierender wirkte, weil sie bis jetzt ein Ausbund an Fröhlichkeit gewesen war, fügte sie hinzu: „Sie hat noch Termine frei. Freelancer und dann noch aus der IT wie Sie gehören da zu den vulnerabelsten Gruppen. Wir müssen nur den Flur hier rechts entlanggehen.“

„Bitte?“

„Reden Sie ruhig mal mit ihr, wenn der Chef mit Ihnen fertig ist. Sie ist wirklich gut, besonders bei frischen seelischen Wunden.“

Mit einem Ruck blieb ich stehen. „Ich finde das nicht witzig!“

„Nicht?“ Sie brach in schallendes Lachen aus. „Bitte verzeihen Sie, Hartwig. Den Scherz machen wir mit jedem Besucher. Das lockert die Atmosphäre, finden Sie nicht?“

„Nein!“ Auf diese Art von Humor stand ich nicht. Gerade ich nicht.

Sie feixte: „Ach kommen Sie, Sie sehen doch schon viel lockerer aus als noch vor ein paar Minuten.“

Sie trippelte weiter und mir blieb nichts anderes, als mich ihr anzuschließen. „Wie ist der Chef denn so?“

Im Internet hatte ich nicht viel über das Institut gefunden. Gerade einmal, dass es erst vor zwei Jahren gegründet worden war. Dafür allerdings waren seine Referenzkunden beachtlich. An Geld schien es hier nicht zu mangeln. Ich vermutete die Regierung dahinter, vielleicht auch einen Ableger einer NGO. Was ich auf unserem Weg durch die Flure bis jetzt an Technik und Sicherheitsmaßnahmen gesehen hatte, war neu und das Beste vom Besten. Über den Chef, einen Doktor Weinhold, hatte ich zu meinem Leidwesen überhaupt nichts erfahren und das bedeutete, dass ich es mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem wirklichen Profi zu tun hatte. In der heutigen Zeit ein hochrangiges Institut zu gründen, aber von sich selbst nicht ein Bit realer Information im Internet zu hinterlassen, grenzte schon fast an Magie.

„Ist nach der Wende gleich rüber,“ antwortete sie. „Banker, hat sich hochgebissen bis in die Spitze der Türme in Frankfurt.“

Sie grinste wieder, aber irgendetwas daran gefiel mir diesmal nicht. „Was will er denn hier?“

„Hat schon ein Haus gekauft hier. Sagt, Schwerin gefällt ihm, sei so schön ruhig und lauter nette Leute. Hier könnte man was aufbauen, weißt? Und Ihre Referenzen fand er beeindruckend, deswegen wollte er Sie einmal kennenlernen. Er hat auch schon eine Idee, was er mit Ihnen anstellen wird, wenn Sie da mitmachen. An Geld wird’s nicht scheitern. Übrigens – er ist eine Sie. Haben Sie ein Problem damit?“

Sie redete wie ein Wasserfall, was ihr gerade so durch den Kopf schoss. Wenn wir noch weit zu gehen hatten, würde ich wahrscheinlich auch noch erfahren, welche Zahncreme ihre Chefin benutzte.

Hatte ich ein Problem mit Frauen? Ich glaubte nicht. Frauen sind auch in der IT nicht schlechter als Männer, es gibt nur zu wenige von ihnen da. Sie schreiben meistens den eleganteren Code, doch ihnen fehlt die Aggressivät und Risikobereitschaft der Männer. Meistens jedenfalls, Ausnahmen bestätigten die Regel. Trotzdem ahnte ich, was mir gleich bevorstand. Gib einer Frau Macht und da sie kein Mann sein kann, wird sie zum Tyrannen. Ossi, dann in den Westen gegangen, sich durchgesetzt und jetzt in der Provinz ein kleines Unternehmen zum Spielen aufgebaut. Da drüben hatte man schon bessere Menschen versaut. Sie musste Zähne aus Edelstahl haben, wenn sie sich da hatte behaupten können oder einfach umwerfend im Bett gewesen sein.

Das war mies gedacht von mir, aber ich war nicht gut drauf, meine Hormondrüsen hatten Muskelkater. Wahrscheinlich hatte sie sich meinen Respekt verdient für ihre Leistung und sie sollte ihn bekommen, wenn sie ihn denn mir auch zollte.

„Moment bitte.“ Amira war vor einer Tür stehen geblieben und drückte einen Knopf. Irgendwo dahinter ertönte ein Summen, dann ein Klicken und die Tür öffnete sich. „Nach Ihnen, Hartwig“, sagte sie.

Ich trat ein. Zwischen Palmen und Gummibäumen standen, halb verdeckt von den Pflanzen, zwei Schreibtische mit großen Monitoren darauf. Ein Kaffeeautomat summte irgendwo im Hintergrund, der Drucker neben mir spuckte Blätter aus und durch die geöffneten Fenster drang der Lärm aus der Wismarschen Straße herein. An einem der Tische saß eine brünette Frau und suchte mit gesenktem Kopf etwas in der Handtasche auf ihrem Schoß. Sie blickte nicht einmal hoch, als wir eintraten. Wahrscheinlich hatte sie auch noch eine lange Nase, die sie am liebsten in die Luft reckte, wenn Besuch kam. Ich versuchte, nicht erbost zu sein, aber unter Höflichkeit hatte ich mir immer etwas anderes vorgestellt und ich fragte mich, welche Art Chefin sich wohl eine solche Bürokraft ins Vorzimmer setzte. Ich war echt nicht gut drauf.

„Ihre Tasche können Sie hier abstellen.“ Amira zeigte auf eine Wandgarderobe.

„Eigentlich …“

„Wegen der Sicherheit. Bitte!“

Es war unglaublich, wie schnell sie von lustiger Plaudertasche auf Ernsthaftigkeit umschalten konnte. Ich stellte meine Tasche mit meinem Laptop und meinen Unterlagen ab. Eine Banane und ein Brötchen waren auch noch darin. Die hatte ich im Hotel beim Frühstück geklaut. „Möchten Sie mich auch noch durchsuchen?“, raunzte ich.

Mein Ton perlte von ihr ab. „Nicht nötig. Wir haben Scanner in der Schleuse. Sie sind sauber.“

Ungläubig schaute ich sie an, wartete auf das Lächeln, das mir sagte, dass sie wieder einen Witz gemacht hatte. Doch es kam nicht. Stattdessen zupfte sie mich am Arm. „Hier entlang.“ Sie ging zu einer Tür, die von zwei deckenhohen Palmen eingerahmt wurde. „Seien Sie vorsichtig. Sie verzeiht immer Fehler, auch Unachtsamkeiten, aber nur solange sie sieht, dass sich jemand voll reinhängt. Unterschätzen Sie sie bloß nicht!“

Das würde mir kaum passieren. Bosse konnte ich nicht ausstehen, ganz egal, ob sie einen Rock oder Hosen trugen. Man kam nicht nach oben, wenn man nicht bereit war, eine Menge Schulterknochen beim Drauftreten zu zertrümmern. Genau deswegen war ich Freelancer. Ich feixte: „Was wenn doch?“

Sie klopfte, fast im gleichen Moment summte das elektrische Schloss und ich zog die Augenbrauen hoch. Sie sagte: „Hat sie letzten Freitag einbauen lassen. Zu viel wichtige Dokumente in ihrem Zimmer, sagt sie. Es existieren nur drei Karten für die Tür, eine hat Dr. Weinhold selbst, eine liegt beim Sicherheitsdienst im Safe und eine hat Sabrina.“

„Muss ich Sabrina kennen?“

Wieder hatte sie so einen seltsamen Ausdruck im Gesicht. „Wahrscheinlich nicht, aber Sie werden es nicht vermeiden können. Sie ist … hm … ein Naturereignis.“

Hätte ich meine Augenbrauen noch höher ziehen können, wäre ein Loch in der Decke gewesen. Sie drückte die Tür für mich auf. Als ich an ihr vorbeiging, sagte sie: „Und was Ihre andere Frage betrifft: Wenn doch, nimmt sie Sie Stück für Stück auseinander. Dann setzt sie Sie wieder zusammen, aber so, dass Sie sich nicht mehr wiedererkennen.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, rastete die Tür mit einem deutlich hörbaren „klick“ hinter mir ein und ich stand in einem hellen Büro, das auf den ersten Blick einen fast gemütlichen Eindruck machte. Rechts von mir stand ein moderner Schreibtisch mit geschwungenen Edelstahlbeinen und einer Platte aus schwarzem Acryl. Ein zugeklappter Laptop und ein Blumentopf mit einem Bausch voller roter Blüten standen darauf, mehr nicht. Ich glaubte, mich zu erinnern, dass meine Mutter sie als Flammendes Kätchen identifiziert und höchstwahrscheinlich aus dem Fenster gefeuert hätte.

Eine kräftig gebaute, große Frau stand neben dem Schreibtisch am Fenster. Sie blickte hinaus und drehte sich auch nicht um, als ich eintrat und einen guten Morgen wünschte. Brünette Locken fielen ihr in sanften Wellen bis auf die Schultern. Mit samtiger Altstimme erwiderte sie nur leise: „Guten Morgen.“ Offenbar war sie in Gedanken.

Wie der Herr, so’s Gescherr, dachte ich. Jemand, dem man einen Job anbietet, den Rücken beim Eintreten zuzuwenden, war ja nun der Gipfel des Hochmuts. Vorurteile gibt es nicht ohne Grund, nämlich, weil sie sich immer wieder als wahr herausstellen wie jetzt meines über sie. Offenbar wollte sie mir sofort klarmachen, wer hier die Hosen anhatte, auch wenn es bei ihr ein graues Lederkostüm war. Der Rock saß straff über dem Po, wurde auf Kniehöhe eng und machte so aus ihrem leichten Übergewicht ansehnliche Kurven. Große Kreolen glänzten golden im Licht der Morgensonne an ihren Ohren, genau wie auch die Stiftabsätze ihrer Halbstiefel. Für das, was sie auf dem Leib trug, konnten sich Normalsterbliche wahrscheinlich einen Mittelklassewagen leisten. Ihre Stimme hatte trainiert geklungen, sehr weiblich, warm, scheinbar sanft, aber in den Untertönen vibrierte etwas und es sagte: Weck mich nicht!

Das hatte ich auch nicht vor. Ich bin ein Arbeitstier und das würde sie honorieren müssen. Hauptsache, sie zahlte, am besten noch für einen längeren Zeitraum und ging mir ansonsten aus dem Weg.
Links von mir beugte sich eine Frau über Papiere auf einem Konferenztisch aus Aluminium. Ihre langen blonden Haare waren nach vorne gefallen und reichten bis auf die Tischplatte herab. Zu stören schien es sie nicht. Auch sie hatte nicht einmal hochgeblickt, als ich hereinkam. Sie trug Jeans, Sneakers und ein dunkles Damensakko aus grober Wolle. Falls ihre liebste Freizeitbeschäftigung nicht Weltrekordversuche im Stemmen von Maßkrügen war, hatte ihr Schneider sich wohl für die Schulterpolster im Männerregal vergriffen. Natürlich hätte es auch ein Mann sein können, der nur keine Zeit für den Frisör gehabt hatte. Ich glaubte es nicht. Sie hatte ebenfalls meinen Gruß erwidert und es hatte eindeutig nach einer Frau geklungen.

Sie zog ein Blatt aus dem Aktenstapel vor sich und schob ihn auf dem Tisch in meine Richtung: „Ihre Reisekosten. Wenn Sie so freundlich wären, zu unterschreiben? Wir können das dann gleich überweisen.“ Noch immer hielt sie den Kopf gesenkt und sah mich nicht an. So langsam fragte ich mich, ob ich noch Rasierschaum im Gesicht hatte. Hier schien man ein Problem mit Blickkontakt zu haben.

„Natürlich“, sagte ich, war mit zwei schnellen Schritten am Tisch und warf einen Blick auf das A4-Blatt. Das übliche Bürokauderwelsch stand darauf, meine Daten waren korrekt, einschließlich Kontonummer und ich zückte meinen Kugelschreiber. Dann stockte dich. Sie hatten meine Reisekosten mit etwas über zwölftausend Euro kalkuliert. Nicht, dass ich etwas dagegen gehabt hätte, es war zufälligerweise ungefähr die Summe, mit der mein Geschäftskonto im Minus war. Doch leider war meine Anreise nicht aus der Antarktis erfolgt.

„Ich glaube, hier haben Sie einen Fehler gemacht,“ sagte ich und hielt ihr die Rechnung hin.

„Tatsächlich?“ Sie richtete sich auf, und auf und auf … als sie damit fertig war, überragte sie mich um einen halben Kopf. Mit einer Handbewegung warf sie sich ihre hüftlangen, goldgelben Haare über die breiten Schultern. „Ich glaube nicht, Hartwig.“

Ich wurde steif. Die Frau vor mir hatte ihr Sakko nicht beim falschen Schneider machen lassen und er hatte sich auch nicht bei den Schulterpolstern vergriffen. Hinter ihren Schultern hätte ich mich verstecken können und sie waren echt. Sie ist ein Naturereignis, hatte Amira zu mir gesagt. Es war die Untertreibung des Jahrhunderts, fand ich. „Sabrina,“ stöhnte ich und tastete nach einer Stuhllehne.

 


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt

10. Fessle mich!

11. Sourcecode