20 Juli 2022

Plädoyer: Hass

Hass

Luxemburg, Sommer 2001

Sie war weg, einfach weg … Eben noch hatte er sich unter der Presse ihrer Schenkel gewunden, sie hatte ihn eingehüllt und jetzt stand sie plötzlich über ihm. Ungläubig riss er die Augen auf. Erst zeigte sie ihm den Himmel, dann verdammte sie ihn in die Hölle.

„Bist du wahnsinnig?!“ Er zerrte an den Handschellen, warf sich hin und her, wollte sich befreien, und diesmal meinte etwas in ihm es ernst, bitterernst. Hätten sie nachgegeben, hätte er sich auf sie gestürzt, sie durchgeprügelt, so lange, bis die Erregung ihm ein zweites Mal gestattet hätte, und er hätte nicht zugelassen, dass sie sich ihm noch einmal entzog, genau in diesem einen Moment.

Es dauerte, bis sein Atem sich wieder beruhigte und sich sein Blick klärte. Er war nicht mehr jung, sein Körper brauchte Zeit, um sich zu erholen. In den letzten Jahren war er fast schon dankbar gewesen, wenn noch alles, weswegen er ein Mann war, so funktioniert hatte, wie er es gewohnt war. Verbittert schaute er sie an.

Mit über seinem Körper gespreizten Beinen stand sie auf dem Bett, den Kopf ein wenig vorgebeugt, damit er nicht gegen die Zimmerdecke stieß, hatte die Hände über den Brüsten verschränkt, als wollte sie sie vor seinem Blick schützen. Feuchtigkeit lief an der Innenseite der Schenkel aus ihr heraus und hinterließ eine Spur auf dem Nylon, bevor sie unter dem Lack der Stiefel verschwand. Es war nicht seine.

Er fühlte, wie sich sein Gesicht vor Wut verzerrte. „Mach mich los“, knurrte er. „Sofort!“

„Du gibst mir keine Befehle!“

Er hörte den Zorn in ihrer Stimme und begriff nicht, wo er so plötzlich herkam. Er war verheiratet, hatte Kinder und das hatte sie gewusst. Es hatte sie nicht gehindert, mit ihm ins Bett zu steigen, und eine Frau, die so etwas machte, war eine Nutte für ihn. Jede Frau war das, die es mit einem verheirateten Mann trieb. Sie tat es ja nur, weil sie etwas von ihm wollte. Was diese Frau von ihm erwartete, hatte er von Anfang an gewusst, auch wenn sie es nicht gesagt hatte. Er wäre sogar bereit gewesen, es ihr zu gewähren. Ein Handel, Sex gegen Vorteile, so funktionierte die Welt und so war sie für ihn in Ordnung. Wie konnte sie nur so empfindlich sein, fragte er sich. Vielleicht, weil sie ihren Platz nicht kannte?

„Eine Nutte, ja? Dann schau genau hin!“ Sie stieg von ihm herunter. Vor dem Bett ließ sie sich auf den Teppich sinken, spreizte ihre Beine, strich sich an der Innenseite der Schenkel entlang und verschwand zwischen ihnen. Nach einigen Augenblicken waren es nicht mehr nur ihre Hände, die sich bewegten. Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn, ihr Becken hob und senkte sich, immer schneller, und aus ihrem erst verhaltenen, dann heftiger werdenden Stöhnen wurden kleine spitze Laute, wie sie Katzenwelpen ausstoßen, die nach ihrer Mutter rufen. Heftig riss sie das Korsett auseinander, griff sich wieder mit einer Hand zwischen die Schenkel und malträtierte mit der anderen Hand ihre Brüste. Plötzlich begann sie zu zittern, als hätte sie Schüttelfrost, wälzte sich auf dem Teppich hin und her und dann schrie sie und schrie und schrie …

Er wusste nicht, ob es nur Sekunden oder Minuten gewesen waren, es schien ihm endlos. Abrupt hörte sie auf, erhob sich, drehte ihm den Rücken zu, zog in aller Ruhe die Reißverschlüsse ihrer Stiefel herunter, Zentimeter für Zentimeter, als machte sie einen Striptease, dann ließ sie die Strumpfhose folgen. Powackelnd ging sie ins Bad, ließ die Tür offen, klappte den Toilettendeckel auf, setzte sich hin und urinierte. Jeden Tropfen konnte er in der nächtlichen Stille des Hotels fallen hören und danach sehen, wie sie sich seinen Schweiß zwischen ihren Schenkeln abwusch.

Sie kehrte zurück, faltete ihre Sachen zusammen und machte daraus ein handliches Päckchen. „Ich zieh mich gerne so an, es macht mich scharf. Selten, sehr selten, dass ich mal Gelegenheit dazu habe“, schimpfte sie. „Hunderttausend Jahre Zivilisation, fünfzig Jahre Gleichberechtigung und wofür? Ich krieg das Schreien …“ Sie überlegte, nahm aus ihrer Tasche noch einen Umschnalldildo und legte ihn obenauf. „Hättest du alles haben können. Abheben und fliegen und ohne dir was zu schnupfen und dich zu besaufen.“

Sie wog das Paket in ihrer Hand, dann schleuderte sie es ihm ins Gesicht. „Du bigotter Punzenfiffi! Zieh dir mein Korsett an, ist gut für deine Moral! Die Einzigen, mit denen ich für Geld geschlafen haben, waren die Computer in unserem Scheiß Rechenzentrum. Ich habe mehr Nächte mit denen rumgemacht als zu Hause. Nur, damit so ein hochehrbarer Pharisäer, der an keiner Praktikantin vorbeigehen kann, ohne sich von ihr einen blasen zu lassen, mir sagen kann, ich sei eine Nutte!“

Sie warf ihren Mantel über. „Wir sehen uns morgen in der Bank. Natürlich nur, falls du dich nicht lieber krank melden willst.“ Sie öffnete die Handschelle an seiner linken Hand und warf den Schlüssel aufs Bett. „Ich würde es verstehen.“ Jetzt klang ihre Stimme so gleichgültig wie die Ansage aus einem Navigationsgerät: Sie haben ihr Ziel erreicht.

Ehe er seine andere Hand befreien oder etwas erwidern konnte, verschwand sie, barfuß, nackt unter dem Mantel, aber mit hoch erhobenem Kopf. Alles, was ihm blieb, war der Duft von Sandelholz, ihre Sachen und sein brodelnder Hass.

***

„Stell dir für einen Moment vor, du stündest auf meiner Seite des Bahnsteigs und wärst eine Frau, ziemlich intelligent und nicht ganz hässlich. So eine Richtige, die auch stolz darauf ist, eine zu sein; mit Brüsten, Eierstöcken und dem zwischen den Beinen, wovon alle Männer träumen. Also nicht so eine Pussy, die sich das Gehänge hat wegoperieren lassen und denkt, der Name macht das Geschlecht und das war es schon, ohne Monatsschmerzen, kein Kinderkriegen, keine Angst vor Vergewaltigung oder Prügel und kein Abwaschen, während der Alte biertrinkend Fußballbundesliga guckt. Pussy: nur das Gute haben wollen, ohne den Preis dafür zu bezahlen. Das ist wie eine plagiierte Doktorarbeit. Aber immerhin: Man kommt nach oben damit.“

Sie nahm wieder einen Zug aus der Zigarette. Ein wenig Lippenrot blieb auf dem Filter zurück. Nachdenklich blickte sie dem Rauch hinterher. Bevor er sich an der Decke verteilen konnte, wehte ein leiser Windhauch ihn davon. Vielleicht war es auch die Wärme des Kamins. Auf seinem Sims standen ein paar Porzellanfiguren und in der Mitte ein postkartengroßes Schwarz-Weiß-Foto in einem Goldrahmen. Ein Junge und ein Mädchen saßen barfuß auf einem Baumstamm an einem Fluss. Ihre Jeans hatte Löcher an den Knien, er blutige Schrammen auf den Schienbeinen. Sie lehnten aneinander, sie hatte eine Keksdose aus Blech auf den Knien und beide hielten einen angebissenen Keks in der Hand. Mit offenen Mündern lachten sie dem Betrachter ins Gesicht.

Ihr Blick streifte das Bild, sie nahm den nächsten Zug aus der Zigarette und stieß heftig den Rauch aus. „Weil wir gerade dabei sind: Stell dir noch vor, du hast es satt, dass alle auf dir herumtrampeln aus genau diesem einen Grund: weil du in ihren Augen das Pech hattest, als Frau geboren zu sein. Stilles Leiden liegt eher nicht so auf deiner Linie, brave, untertänige Ehefrau und Kinderkriegen auch nicht. Ehrgeiz brennt in dir, du willst nach oben und du willst es auf deinen eigenen Beinen. Du willst es sein, die trampelt.

In diesem Fall hast du genau drei Möglichkeiten: Du kannst dir Mister Money angeln und darauf hoffen, dass er die eine Ausnahme ist, die dich bis ans Ende seines hoffentlich möglichst nur noch kurzen Lebens auf Händen tragen, nie einen Bierbauch bekommen, dich nicht nach ein paar Jahren gegen eine Jüngere und Knackigere austauschen und dich dann auch noch auf Platz Nummer eins in seinem Testament setzen wird. Ich könnte da Namen von Milliardärsgattinnen nennen, wahre Tugendwächter der Moral, du glaubst es nicht. Und natürlich war es Liebe, nichts anderes als reine, unbefleckte Liebe. So wahr ihnen Gott, das Finanzamt und die Kartellbehörde geholfen haben. Und der Mond ist aus grünem Käse.

Du kannst natürlich auch deine Selbstachtung in die Tonne treten, machst auf Hochmut und spielst den Ich-bin-eine-seit-tausend-Jahren-unterdrückte-Frau-Joker. Der Opferstatus zieht immer und Trittbrettfahrer gibt es schon, seit das Rad erfunden wurde. Du drischst dann noch ordentlich auf alle Männer ein und auch auf die paar Frauen, sich noch trauen, Männer zu mögen. Je lauter und öfter du das tust, umso größer wird deine Chance auf Erfolg, selbst, wenn du sonst sogar zu dämlich bist, einen Eimer Wasser umzuschubsen. Zwar löst du dann in deiner Umgebung permanent Brechreiz aus, aber wenn du damit klarkommst – schließlich lässt du den Dreck ja andere wegwischen – kann dich das bis ganz nach oben bringen, in jeden Vorstand, in jede Regierung: als Quotenfrau. Es gibt so einige, die das auf die Tour geschafft haben. Aber wir wollen lieber keine Namen nennen, nur, dass Blondinenwitze gerade wieder eine echte Renaissance erleben. Es gibt übrigens auch schwarzhaarige Blondinen, brünette, rothaarige … Mein Ohrläppchen klingelt gerade.“

Lächelnd fasste sie sich ans Ohr, spielte einen Moment sinnend damit, dann tupfte sie die Asche ihrer Zigarette ab. „Bleibt als Letztes noch die harte Tour. Das ist ein langer, ziemlich schmerzvoller Weg. Da fließt Blut und nicht nur das deiner Gegner. Aber dafür brauche ich zu Hause nicht die Spiegel verhängen. Jeden Tag schaue ich hinein und sage: Ja, das bin ich und genau so mag ich mich!

Mein Körper funktioniert anders als der der Männer, ich habe eine andere Skelettstruktur, einen anderen Hormonhaushalt und denke deswegen auch anders als die Männer. Das macht mich aber nicht schlechter oder schwächer – das hätten die gerne und deshalb reden sie uns das auch ein. Weil sie Angst vor richtigen Frauen haben, die von Geburt an härter sind, zäher, leidensfähiger, cleverer, vereinnehmender und dabei auch noch viel ausdauernder als jeder Mann. Der hasst bis zu seinem nächsten Orgasmus, eine Frau ein Leben lang. Ich weiß das, oh ja!

Wo die Typen anfangen zu schnaufen, kommen wir gerade erst auf Betriebstemperatur; wo die Krone der Schöpfung bei einem Schnupfen den vor Schmerzen sterbenden Helden gibt, sagen wir nur einmal im Monat für drei Tage: Schmerzen tun nicht weh, beißen die Zähne zusammen, packen die Tampons ein und machen mit einem Lächeln Überstunden, und wo die Y-Chromosementräger vor ihren Problembergen in die Knie gehen, holen wir die Planierraupe aus der Handtasche und bauen eine Autobahn hindurch. Doch wir tun es nicht für sie, sondern für uns und nur, wenn sie lieb bitte sagen, lassen wir sie vielleicht hinten auf der Ladefläche ein Stück mitfahren in unserem Leben. Aber wir bestimmen, wo es hingeht!

Das funktioniert tatsächlich, aber nur, wenn wir verstehen, wie stark wir wirklich sind. Ich war es damals noch nicht. Ich glaubte, dass harte Arbeit und Fairness mich nach oben bringen. Ich war mit meinen dreißig immer noch naiv wie ein Backfisch. Auch das Konzept, dass man manchmal sehr lange auf den passenden Moment warten muss, hatte ich nicht begriffen. Jemand anders schon.“
Sinnend blickte sie vor sich hin.


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt

10. Fessle mich!

11. Sourcecode