21 Juli 2022

Plaedoyer: Testosteron

Testosteron


Luxemburg, Sommer 2001

Sie hatte zu viel Rouge auf den Wangen. Ihre geschwungenen Lippen wären auch ohne dicken Lippenstift blutvoll rot gewesen und ihre langen, lockigen Haare, deren Farbe ihn vorhin noch an die dunkelrote Glut eines Holzfeuers hatte denken lassen, hätten Besseres verdient gehabt als die billige Plastespange, die sie in ihrem zarten Nacken nachlässig zusammenhielt.

Sie wirkte wie eine Frau, die gerne eine Dame gewesen wäre, es aber nie sein würde, weil sie weder das Geld noch die Klasse dafür besaß; eine Frau, die genau in dieses Hotel gehörte und in dieses Bett. Vielleicht auch an den Straßenrand, irgendwo in den dunklen Gassen von Paris, Hamburg oder Bochum, in oberschenkellangen, glänzend schwarzen Stiefeln mit hohen Absätzen, einer Strumpfhose mit einer Öffnung zwischen den Schenkeln und einem roten Lackkorsett, das ihre prallen Brüste mehr zur Geltung brachte, als dass es sie verbarg. Eine Frau – nein, ein Objekt – mit und auf dem sich ein Mann austoben konnte oder das sich auf ihm austobte und ihn dahin trieb, wohin er es alleine nie schaffen konnte.

„Mach‘s mir … schneller … ja … du verfickte …“ Mehr als ein kaum verständliches Krächzen bekam er nicht heraus. Testosteron flutete sein Blut, riss alle Staudämme in ihm nieder und machte aus seinen Stimmbändern ein Reibeisen. Er stieß seine Hüften nach oben, mitten hinein zwischen die willig gespreizten Schenkel über ihm, trieb das, was ihn zum Mann machte, in ihren Unterleib, als wollte er sie gegen die Decke schleudern. Dass der Saum der engen Öffnung ihrer Strumpfhose sein Glied bei jeder Bewegung wund scheuerte, bemerkte er ebenso wenig wie den Schmerz in seinen Oberschenkeln, wenn sie sich nach einem Stoß mit einem Schrei und der ganzen Schwere ihres Körpers wieder auf ihn fallen ließ und die Nähte ihrer Lackstiefel ihm die Haut zerkratzten. Auch das fügte sich ein in die Sinfonie purer Lust aus dem Moschusduft ihrer Haut, dem Stöhnen aus ihrem aufgerissenen Mund, dem feucht-klebrigen Gefühl von Schweiß auf seinen Oberschenkeln und der alles verzehrenden Glut, mit der ihn das, was sie ihm antat, verbrannte. Ekstase, dachte etwas in ihm, so sieht sie also aus.

Alles nur, weil er bei einem Mitternachtsdinner mit ihr ein paar Andeutungen gemacht hatte, wie eine Frau aussehen müsste, um ihn wirklich aufzuregen. Ein paar verschwommene Träume, das Unmögliche, die Quadratur des Kreises, etwas, was er nicht einmal seiner Frau sagen würde. Ihr am allerwenigstens.

Gedankenfetzen rasten durch seinen Kopf. Keiner davon hatte mit Liebe zu tun, nicht einmal mit Lust, darüber war er längst hinaus. Es war das Tier in ihm, dass sie entfesselte, obwohl sie es gefesselt hatte oder vielleicht gerade dadurch. Das Tier, unter tausend Schichten Zivilisationstünche verborgen, endlich frei, weil sie gesagt hatte, dass sie es verstehen würde, ja, dass sie es sogar wollte. Was hätte sie sonst sagen sollen? Sie war nichts weiter als Fleisch, dem er Dinge antun konnte … alle Dinge … schlimme Dinge, nur weil es genau dazu geschaffen worden war.

Hätte er es gekonnt, wäre er noch tiefer in sie eingedrungen, hätte jeden Quadratmillimeter seiner Haut mit ihr verschmolzen, wäre in ihr aufgegangen, hätte sie verprügelt, vergewaltigt, ihre Schmerzensschreie und noch mehr ihr verzweifeltes Gurgeln genossen, wenn er ihr die Hand auf den Mund gepresst hätte, von hinten in sie eindringend, rücksichtslos, brutal, nicht Mord im Sinn, sondern Leben spenden. Das Leben war eine harte Sache, es musste auch so beginnen, immer wieder; süßes, zuckendes, schreiendes Frauenfleisch. Er wusste, dass er nichts davon je wirklich tun würde, aber die Fesseln an seinen Handgelenken machten es ihm leicht, zu denken, er könnte es.

„Du … bist … so … eine … geile …“ Halb wahnsinnig, strampelte er mit den Füßen, rollte sich hin und her, betend, dass sie sich doch nicht abwerfen ließ, sich an ihm festklammerte, ihm mit ihren muskulösen Schenkeln die Luft zum Atmen nahm, ihm weh tat, irgendetwas machte, ihn umbrachte, genau in dem Moment.

Ihr Körper vor seinen Augen verschwamm, er fühlte, wie sich sein Gesicht verzerrte und setzte zu seinem letzten Stoß an, brüllte: „Nutte!“, und explodierte, den Unterleib hochgereckt, den Rücken in einem unmöglichen Winkel durchgebogen … ins Nichts.

***

„Ich wollte ihn in jenem Moment einfach nur verletzen. Ihm weh tun, so wie er mir weh getan hatte. Wahrscheinlich war ich damals die dümmste intelligente Frau der Welt“, erzählte sie gut zwanzig Jahre später, in niedlichen schwarzen Plüschpuschen und einem langen, weinroten Wollkleid an ihrem Kamin. So wie das Kleid ihre frauliche Figur betonte, zeichnete auch das flackernde Feuer die harten Linien weich, die ihr der Schmerz ins Gesicht gegraben hatte.

„Hinreißen lassen habe ich mich, meinen ganzen Plan über den Haufen geworfen, weil ich mich verletzt gefühlt hatte. Schon immer war ich ziemlich impulsiv gewesen, aber da ist mein Feuer eindeutig mit mir durchgegangen. Himmel, der distinguierte, eloquente Personalchef der Duchamp Banque de Lux, Jean-Louis Danglar, war, einmal von seiner Glatze abgesehen, nicht nur behaart wie ein Tier, nein, er hatte es auch in sich und ich war es, die es hervorgekitzelt hatte. Es lag mir zu Füßen, brüllte, fletschte die Zähne und wollte mit mir abheben, genau wie ich mit ihm. Mein Gott, wäre das ein Flug geworden!

Vorspielen musste ich es ihm gar nicht, ich bin so. Er roch angenehm, war gut gebaut und Macht und Geld besitzen ohnehin einen Duft, der jedes künstliche Aphrodisiakum schlägt, und zwar locker. Aber dann … Er hatte das Wort noch nicht einmal ganz ausgesprochen, da fühlte ich schon, dass er es auch genau so gemeint hatte. Wut schoss in mir hoch, doch statt ihm eine rein zu hauen, habe ich dafür gesorgt, dass er sich statt als Strahl in mich, nur noch als klägliches, tropfendes Rinnsal zwischen seine eigenen Schenkel ergossen hat. Sein Gesicht, als er es begriff und doch nicht verstand, war einfach göttlich.“

Sie kicherte. Ihre dreiundfünfzig Lebensjahre verdampften und das Mädchen, das sie einmal gewesen war, blitzte hinter all ihrer Lebenserfahrung hervor. Schnell wurde sie wieder ernst. „Vielleicht glaubte er, dass er es nicht so gemeint hatte, vielleicht gehörte es zu dem, was er unter Dirty Talk verstand, vielleicht brauchte er das, um kommen zu können – es war mir gleichgültig. Auch ich war in meiner gesellschaftlichen Konditionierung gefangen, die besagt, dass ich meinen Körper zwar benutzen darf, um einen Mann glücklich zu machen, aber nur dann, wenn ich daraus keine wie auch immer gearteten Vorteile ziehe. Ich finde das ein wenig hirnrissig, aber es wird uns schon mit der Muttermilch eingepumpt. Und von wem? Von Männern!

Fünf Jahre zuvor hatte er mich schon einmal eingeladen, aber ich hatte abgelehnt. Natürlich, schließlich war ich doch eine ehrbare Frau oder? Von da an musste ich mir meinen Weg mit Zähnen und Klauen erkämpfen und mit jedem Tag machte er es mir schwerer. Wahrscheinlich war ich so oft in der Bank die Mitarbeiterin der Woche gewesen wie niemand anderes. Der Zustand war unerträglich für mich. Die Hände in den Schoss legen, ist nichts für mich. Das machen nur Männer, nachts, wenn sie sich unbeobachtet glauben.“

Mit der Hand machte sie in ihrem Schoss eine Geste, die bei jedem Mann obszön gewirkt hätte. Bei ihr wirkte es, als sei es die normalste Sache der Welt. Ein kurzes Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie fand es zwar amüsant, aber ansonsten ganz in Ordnung.

Sie griff nach ihrem Glas Wein, nippte daran, und stellte es wieder zurück. „Es war die falsche Entscheidung, aber es war meine. Piekfeines Restaurant, ich weiß gar nicht mehr, was ich anhatte, irgendetwas Hochgeschlossenes und Langes, glaube ich. Aber es war eng, ich konnte kaum atmen darin. Nach der zweiten Flasche Wein und einer quälend langweiligen Konversation stellte ich ihm dann ein paar unverfängliche Fragen, nach seiner Frau, seinen Kindern und dann ganz langsam, was er denn so mag und ob er es auch bekommt. Nicht direkt, natürlich. Ich gab ihm das Gefühl, dass ich ihn nicht auslachen würde, dass es mich auch antörnen könnte, also taute er auf und irgendwann erzählte er mir in diesem Restaurant mit ernsthaftem Gesicht Schweinereien, ohne auch nur rot zu werden. Es war nichts wirklich Perverses dabei, er war eher der Normalverbraucher, Hauptsache eine Frau, die nicht seine war. Doch mir war klar, dass er mir Dinge sagte, die er seiner geliebten Frau noch nie erzählt hatte. Natürlich nicht, schließlich hatte er sie ja geheiratet und damit war alles, was mit Spaß im Bett oder auf dem Küchentisch zu tun hatte, sakrosankt. Daran ließ er keinen Zweifel. Er war ein erfahrener Mann, ich hätte ihn besser fragen sollen an jenem Abend, woher er diese Erfahrungen hatte, wenn nicht von seiner Frau.“

Sie blies die Backen auf. „Seine Position war klar wie die Kloßbrühe, die wir als ersten Gang hatten: Selbst wenn sie ihn nur wegen seines Geldes geheiratet hätte, und ihren Körper damit nicht nur stundenweise, sondern sein möglichst nur noch kurzes Leben lang an ihn verkauft hätte, würde sie ihr Status als Ehefrau oder Witwe immer noch zu einer ehrbaren Frau machen. Wie bigott! Als ob es der fehlende Ring am Finger wäre, die Kleidung, die Technik oder der Ort, die aus einer Frau eine Prostituierte machen. Wenn er in irgendeiner Redaktion oder einem Regierungssaal gesessen hätte, dann hätte ich das noch verstanden, die verkaufen ihre Seele und ihre Meinung an den Meistbietenden. Aber er war Banker, einer, der solche Leute benutzt, eben, weil die sich nur zu gerne prostituieren. Ein Bischof glaubt doch auch nicht, was er seinen Schäfchen erzählt, sondern an Wein, Weib, Knaben und Dukaten.“

Sie steckte sich eine Zigarette an, hustete und wedelte den Rauch zur Seite. „Jedenfalls, nächsten Tag, in der Bank, ist er mir ausgewichen, war das personifizierte schlechte Gewissen und da wusste ich: Ich hatte ihn. Dabei hätte ich es belassen sollen, das hätte meinem Vorwärtskommen wahrscheinlich schon ausreichend geholfen, aber das verstand ich da noch nicht. Er hatte für den Abend noch eine Verabredung mit irgendeinem Grundstücksmakler. Ich habe einfach den Ort in seinem Terminkalender auf ein Hotel geändert, den Datensatz mit der Telefonnummer des Maklers auch und so ist er bei mir im Hotel …“

Irgendwo vibrierte ein Handy. Sie zog die Stirn kraus, überlegte sichtbar, dann schüttelte sie den Kopf und setzte fort: „Ich wollte kein Geld von ihm, ihn auch nicht erpressen oder so etwas. Ich wollte nur, dass er aufhört, mir Steine in den Weg zu legen, nur weil ich eine Frau bin. Schließlich konnte ich mich ja schlecht bei irgendjemanden über etwas, was nicht greifbar war, beschweren. Nicht mal eine Gefälligkeit wollte ich von ihm, sondern nur Korrektheit! Dass er meine Leistung anerkennt, dass er sich vielleicht ein bisschen verpflichtet fühlt … mehr nicht … aber er … er war so ein … verdammter Dinosaurier! Ja, das war er: scheinbar höflich, charmant, zuvorkommend, nie auch nur ansatzweise sexistisch, aber innen drin erzkonservativ und reaktionär. Frauen waren für ihn nur dazu da, vor ihm zu knien!

Ich wollte doch nur weiterkommen! In zwei Monaten ging der Chef der IT in Pension, es hätte nur einen legitimen Nachfolger geben können, und der wäre ich gewesen. Aber ich wusste, dass alle Hebel in Bewegung gesetzt worden waren, dass eben nicht ich nachrückte. Und dann nennt er mich auch noch … alles andere hätte er sagen können: Drecksau, Miststück, meinetwegen auch das V-Wort – und nein, ich meine nicht Vagina – aber er musste Nutte sagen. Nutte! Also habe ich ihm die Höchststrafe gegeben. Ich war so dumm!“


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt