20 Juli 2022

Plaedoyer: Traum

Wenn ein Traum stirbt


Nachdem sie hinausgegangen war, nahm ich mir noch einen Becher Wasser und setzte mich wieder auf den Stuhl. Mir Zeit zu geben, war ein Fehler von ihr. So konnte ich meine Optionen durchrechnen, obwohl ich innerlich alles andere als ruhig war. Dass es die Regierung war, glaubte ich keine Sekunde. Ich hatte nie etwas mit staatlichen Behörden zu tun gehabt. Da hatte ich mich aus gutem Grund herausgehalten. Wir lebten nicht mehr in einer Demokratie, das konnte jeder sehen, der kein Schlafschaf war. Die Parteien hatten den Staat gekapert, brachten ihre Leute in die wichtigen Positionen und sorgten so dafür, dass niemand mehr an ihrer Macht kratzen konnte. Die Medien waren in ihrer Hand und damit konnten sie das Pack, wie sie es nannten, nach Belieben lenken. Es konnte wirklich gut sein, dass ich im besten Deutschland aller Zeiten lebte, nur hatte man es tunlichst unterlassen, zu sagen, für wen das galt. Ein Minister wusste wahrscheinlich gar nicht einmal, dass so so ein Wort wie Tankrechnung überhaupt gab.

Ich hatte immer aufgepasst, dass ich meine Meinung nicht den falschen Leuten aufs Auge drückte und in irgendwelchen Foren hatte ich sie schon gar nicht geäußert. Wenn jemand wusste, wer da alles mitlas und wie lange so etwas protokolliert wurde, dann war das wohl ich.

Blieben tatsächlich nur noch private Leute und davon war ich dann wirklich genug auf die Füße getreten. Ich war zwar ein kleines Licht, aber auch Nadelstiche schmerzen und irgendwann, wenn man nicht schlafen kann nachts, steht man auf, schaltet das Licht an und macht die nervende Mücke platt.

Doch dafür lohnte sich der Aufwand nicht, den sie hier mit mir trieben. Es sei denn, es wäre so eine Art Standardverfahren. Vielleicht zogen sie ja gerade mit einem großen Kescher durch die Teiche und räumten Fische wie mich ab. Aber auch dann hätten sie es kurz und schmerzvoll machen können. Sie hatten es nicht getan und das konnte nur bedeuten, dass sie etwas von mir wollten. Etwas, was ich nicht freiwillig tun würde, nicht einmal für viel Geld. Etwas sagte mir, dass es mir wirklich nicht gefallen würde. Doch es würde Zeit brauchen. Ich konnte nicht mehr tun als abwarten. Irgendwann würden sie herausrücken müssen mit dem, was sie wollten, und dann konnte ich meine Strategie immer noch festlegen.

Ich trank meinen Becher aus, holte mir noch einen und gerade, als ich überlegte, ob sie mich wenigstens zur Toilette gehen lassen würden, öffnete sich die Tür.

Zu zweit kamen sie herein, kühle Professionalität im Gesicht und da wusste ich, dass alles bis hierhin nur ein Vorspiel gewesen war. Es sah so aus, als würde mein Harndrang in der nächsten Zeit mein geringstes Problem sein.
Sabrina trug jetzt einen offenen weißen Kittel und darunter einen knappen, schwarzen Minirock. Ein Stethoskop hing um ihren Hals. Etwas in mir registrierte, dass auch ihre Oberschenkel zur Komposition ihres Körpers passten: muskulös, aber doch wohlproportioniert. Sie reichte mir ein A4-Blatt auf einem Klemmbrett.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Die Einwilligung in die Verarbeitung deiner personenbezogenen Daten. Es ist Pflicht nach der Datenschutzverordnung hier in Deutschland. Bitte lies das durch und dann unterschreiben.“

„Das ist ein Witz, oder?“

Mit echtem Erstaunen blickte sie mich an. „Natürlich nicht. Du bist in unserm Institut, wir müssen das nachweisen und da du bezahlt werden willst, müssen wir auch deine persönlichen Daten aufnehmen, speichern und verarbeiten. Du hast nicht die geringste Ahnung von dem Papierkram, den wir deinetwegen haben.“

„Was auch immer wir tun, Hartwig, so lange wir alle notwendigen Papiere dafür haben, ist es in Deutschland erlaubt.“ Viktoria lehnte sich zwei Schritte entfernt mit dem Po und gekreuzten Beinen an ihren Schreibtisch und stützte sich mit den Händen an der Tischplatte ab. Die Kostümjacke hatte sie ausgezogen. Darunter trug sie die schon obligatorische durchscheinende weiße Bluse, selbstverständlich auch wieder mit einem schwarzen BH darunter. Sie trug es wie eine Uniform. Sie wirkte kalt, unnahbar und strahlte vielleicht gerade deswegen eine nahezu unheimliche Erotik aus. Ich konnte gar nicht anders, als es zu fühlen und etwas in mir begann dafür, mich selbst zu hassen.

„Danke.“ Sabrina nahm mir das unterschriebene Blatt aus der Hand. „Wann warst du das letzte Mal beim Arzt?“

Sprachlos starrte ich sie nur an. Sie nickte. „Das habe ich mir gedacht. So wie du aussiehst, hätte er dich wahrscheinlich auch nicht mehr gehen lassen. Du hast höchsten noch fünfundsechzig Kilogramm. Selbst Viktoria könnte leicht mit dir fertig werden. Weder deine Physis noch deine mentale Verfassung scheinen mir stabil zu sein. Zieh dein Sakko aus und das Hemd am besten auch gleich mit.“

Ich war im falschen Film, eindeutig. Sabrina machte mir mehr Angst, als es das hitzige Gespräch mit Viktoria geschafft hatte. Die kühle Professionalität, mit der mich Sabrina behandelte, war die, die man einem Ding angedeihen lässt, wenn man herausfinden will, ob es bestimmten Ansprüchen genügt.

„Soll ich mich auch noch bücken?“

Mehr als ein tadelndes Hochziehen der Augenbrauen war ich ihr nicht wert. Ich stand auf und zog meine Oberbekleidung aus. Dann hörte sie mich ab, von vorne, von hinten, die übliche Prozedur, zog sich einen Stuhl heran, ich musste ich mich wieder hinsetzen und sie maß meinen Blutdruck. Schließlich war sie fertig, nahm sich das Stethoskop aus den Ohren, schüttelte leicht den Kopf und sagte im Tonfall eines guten Arztes: „Der Körper, Hartwig, der Körper … du behandelst ihn, als wäre er ein Perpetuum mobile. Aber das ist er nicht. Man muss ihn pflegen und sich um ihn kümmern.“

„Ich will nicht so aussehen wie du!“, knurrte ich und wieder erntete ich nichts weiter als hochgezogene Augenbrauen. Vielleicht war auch ein wenig Verachtung diesmal dabei. Als hätte ich sie nicht gerade unterbrochen, fuhr sie fort: „Sonst lässt er einen irgendwann im Stich. Meistens gerade dann, wenn man ihn am dringendsten braucht. Wenn wir hier mit dir fertig sind, bringe ich dich zu einem guten Arzt, dass der dich einmal ordentlich durchcheckt.“

Sie erhob sich und warf Viktoria einen strengen Blick zu. „Er wird es überstehen, aber übertreib es nicht!“

Ich hatte gut einen Liter Wasser in mir, und trotzdem war mein Mund trocken. Es waren diese nebulösen Andeutungen, die mich fast in Panik versetzten und mich einen Blick zu Tür werfen ließen. Angriff hatte ich längst verworfen, aber vielleicht gelang mir ja die Flucht?

„Denk nicht einmal daran.“ Es war Viktorias kalte Stimme. „Du würdest es nur noch schlimmer machen.“

Das wurde es. An der Tür drehte sich Sabrina noch einmal um. „Warte noch einen Moment, Viktoria. Ich habe zwar an die Handschellen gedacht, aber leider die Plastetüte vergessen. Amira sucht gerade nach einer, die ein bisschen stabiler ist.“

Mir brach der Schweiß aus.

Hinter Sabrina wurde die Tür geöffnet, Amira steckte ihren Kopf ins Zimmer. „Wir können.“

Sabrina sagte: „Noch einmal: Übertreib es nicht. Ich schaue zu und wenn mir etwas nicht gefällt, komme ich herein.“ Für ihren letzten Satz drehte sie den Kopf zu mir und in ihrem Gesicht war so etwas wie die Strenge einer Mutter, die ihr Kind nicht noch einmal beim Lesen mit der Taschenlampe unter der Bettdecke erwischen will. Dann verschwand sie und ließ mich mit Viktoria allein.

Sie ließ mich schmoren. Wortlos, an den Tisch gelehnt, blickte sie auf mich, als sähe sie durch mich hindurch. Erst, als ich nach meinem Hemd griff, wurde sie wieder lebendig: „Habe ich gesagt, dass du dich wieder anziehen sollst?“
Ich erstarrte und sie nickte. „Du fragst dich, warum, Hartwig, oder? Weder in der Bank, noch bei deinen anderen Aktionen hattest du auf mich gezielt. Du hast mich nicht einmal wahrgenommen. Ich war nichts weiter als ein Kollateralschaden für dich. Das ist es, was mich so fürchterlich wütend macht. Ich war nicht wichtig genug. Und jetzt zieh deine Hose aus!“

Sie wollte Rache, in dem sie mich … vergewaltigte? Ging das überhaupt? Eine Frau einen Mann? Oder wollte sie Schlimmeres? Ich war mit einer Wahnsinnigen eingesperrt. Gehetzt irrte mein Blick durchs Zimmer.

Sie bemerkte ihn und lachte. Es klang, als öffnete jemand die Tür eines Kühlschranks, zischend brach die Kälte hervor. „Ich weiß, was du jetzt denkst. Tatsächlich wäre ich bereit, so weit zu gehen. Sabrina und Amira würden hereinkommen, dich an den Stuhl fesseln und dann würde Amira dir die Plastetüte über den Kopf ziehen. Sie macht so etwas gerne mit Männern, schließlich hat sie da gewisse eigene Erfahrungen. Die Tüte ist durchsichtig, damit wir dich beobachten können und du natürlich uns. Je mehr Luftnot du verspürst, um so mehr Hormone schießen in dein Blut und darunter ist nicht nur Adrenalin, sondern auch Testosteron und das sorgt dafür, dass du eine Erektion bekommst, wie du sie noch nie zuvor gehabt hast. Ich glaube nicht, dass ich mir das entgehen lassen könnte.“ Sie legte den Kopf schräg, blickte auf meine Hose, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und fügte hinzu: „Nein, das würde ich mir bestimmt nicht entgehen lassen.“

Sie war jetzt beim letzten Knopf der Bluse. „Mach schon! Zieh dich ganz aus!“ Die Frau, die gewohnt war, alles zu bekommen, was sie wollte, hatte es nicht nötig, laut zu werden, und so sagte sie diese Ungeheuerlichkeit mit der gleichen kühlen Stimme, mit der sie mir gesagt hatte, wo ich unterschreiben sollte.

Es war ihre Kälte, die mir wieder Boden unter den Füßen verschaffte und der Fehler, den sie gemacht hatte. Sie hatte mir gesagt, was geschehen würde und aus einer diffusen Angst eine konkrete Gefahr gemacht. Mit so etwas konnte ich umgehen. Meine Angst verflog und vor mir entfaltete sich ihr ganzer teuflischer Plan.

Sie war eine enttäuschte Frau, sie glaubte, nie die Aufmerksamkeit erhalten zu haben, die ihr zustand und mit mir hatte sie jemanden gefunden, dem sie es endlich einmal heimzahlen konnte. Es war so einfach. Wahnvorstellungen können viele Formen annehmen und offenbar hatte sie mit den beiden Amazonen, die ja ebenfalls durch Männer schwer traumatisiert worden waren, genau die willfährigen Helferinnen gefunden, die sie brauchte. Ich sah ihr an, dass es ihr einen morbiden Spaß bereitete und ich wusste, dass es nur eine Art gab, wie ich hier noch herauskommen konnte.

Ich spottete: „Echt jetzt? Du wirst enttäuscht sein oder glaubst du wirklich, dass ich bei deinem Anblick noch einen hochkriege? So, wie Du mit mir umspringst?“

Sie gab ein paar kichernde Töne von sich, die überhaupt nicht zu ihr passten. „Ich wusste, du würdest mir Spaß machen. Aber du hast Recht, safety first. Hier ist der Vertrag, den du mit mir eingehen wirst.“
Sie hielt mir eine A4-Seite auf einer Unterlage vor die Augen und reichte mir ihren Mount-Blanc-Federhalter zur Unterschrift. Nur ein Satz stand darauf: Dr. Viktoria Weinhold hat in Erfüllung meiner Wünsche gehandelt.

Bei Menschen, die einmal Macht genossen haben, äußert Wahnsinn sich in so einem Scheiß. Jedem Tierchen sein Papierchen, dann war alles rechtens. Offenbar hatte sie zu oft die Übertragungen des Senders Phoenix aus einem gewissen Haus angehabt. Ich knurrte: „Nein. Du kannst mich zu viel zwingen, aber nicht zu meiner Unterschrift.“

Die gepflegte Hand mit dem Vertrag vor meinem Gesicht wankte keinen Millimeter. „Hatte ich schon erwähnt, dass Sabrina sich umbringen lassen würde für mich? Und du hast Marketa noch nicht gesehen, die Brünette mit einem Gesicht wie Milch und Honig in meinem Vorzimmer. Was glaubst du, wie phantastisch sie nackt aussehen? Oder in Stiefeln, wie du es magst? Zwei perfekte Frauenkörper … junge Frauenkörper … straffe, duftende Haut, heiße Mädchenhände, samtige Lippen, gierige Zungen; Brüste, die geknetet werden wollen und denen es egal ist, ob von Dir, von mir oder von uns beiden zusammen. Sie werden dich scharfmachen, bis du bereit bist für mich. Dann werden sie dich festhalten und bekommen das, was ich von dir übrig lasse. Ich teile zwar nicht so gerne und sie könnten Dir vielleicht ein bisschen weh tun, solltest Du Dich wehren, aber wenn du darauf bestehst …?“

Sie war völlig durchgeknallt. Das war mir schon gestern Abend aufgefallen, als sie auf mir gesessen und ich ihr ins Gesicht gesehen hatte. Ihr Schriebs würde vor keinem Gericht der Welt Anerkennung finden. Aber dazu musste ich hier erst einmal heraus, um offenbar tatsächlich jeden Preis.

Ich unterschrieb. Nichts würde passieren, gar nichts und sie würde mich enttäuscht rauswerfen. Dann hatte ich Zeit, mir zu überlegen, wie ich aus der Nummer wieder herauskam. Vor allem aber, wie ich es ihr heimzahlen konnte. Sie war nicht so unangreifbar, wie sie zu glauben schien. Niemand war das, der einen Computer oder ein Handy besaß. Alles, was ich brauchte, war Zeit und die frische Luft draußen …

„Die Hose, bitte. Beide …“

Ich ließ meine Hose fallen, wo ich stand, die Unterhose dazu und setzte mich auf die Stuhlkante.

„Die Hände nach hinten!“ Sie legte den Kopf schräg, zog die Unterlippe zwischen die Zähne und schaute zwischen meine Beine.

Fast hätte ich gekichert. Jo Mädel, da rührt sich nix, sorry aber auch, dachte ich und verkniff mir ein böses Grinsen. Ich wollte sie nicht unnötig reizen. Ich wusste nicht, was ihr krankes Hirn dann noch ausbrüten würde. Mittlerweile hatte ich wirklich Angst vor ihr.

„Tss, tss …“, machte sie. „Männer sind so einfach. Erst kommen die Augen, dann kommt der Duft und danach die Berührungen. Eines davon wirkt immer, selbst wenn ich alt, grau und hässlich wäre. Dann würden wir dir halt die Augen verbinden und dein Kopfkino würde den Rest erledigen. Sabrina hat mir das erklärt, obwohl ich es ohnehin schon wusste. Nein, fühl dich nicht schuldig, es ist in dir drin, in jedem Mann ist es, sofern eine Frau die richtigen Knöpfe drückt. Spätestens, wenn ich dein Glied berühre, bist du verloren. Also, wehr dich nicht, Liebster. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Du darfst sie jetzt benoten …“

Ein Bein nach vorne gestellt, greift sie hinter sich und der Rock rutscht knisternd über das Nylon über ihrem Bein nach unten. „Ich hatte Zeit, Deine Vorlieben zu studieren. Und dann war da auch noch Sabrina. Sie hat damals einfach nur meinen Fragenkatalog mit dir abgearbeitet.“

Sie öffnete den letzten Knopf der Bluse, ließ sie an ihren Armen herabgleiten, ihr seidenes Unterkleid folgte dem Weg und gab Strumpfhalter, Strümpfe und darüber eine Strumpfhose frei. Den BH ließ sie an. Sie reckte sich, bog den Rücken durch, fuhr sich mit den Händen über ihre Brüste und ihrer rosa Zunge über ihre Lippen. Feuchte blieb darauf zurück und sie flüsterte: „Und jetzt kommst du …“

Sie präsentierte sich, aber nicht nur als Objekt der Begierde, sondern sie tat es als Mensch, der stolz ist auf seinen Körper, auch wenn er nicht mehr der Schönste war. Ich bin eine Frau und ich bin es gerne, sagte ihre ganze Haltung und alles andere ist eine Zugabe.

Ihre Daumen fuhren unter das Gummi des schwarzen Seidenschlüpfers – kein Slip, ein Schlüpfer – spielten mit dem Gummi, fuhren darunter hin und her, dann streifte sie ihn langsam, sehr langsam, an ihren Beinen herunter und warf ihn mit einer nonchalanten Bewegung auf die Tischplatte neben mir. Obszön wirkte er da – der schwarze Seidenschlüpfer auf dem hellen, sauberen Acryl.

Mit nichts weiter als Highheels, glänzendem Nylon und BH drehte sie sich einmal um sich selbst, beugte sich ein bisschen vor, ihre Pobacken strafften sich – und schnurrte mit ihrer samtigsten Stimme: „Siehst du, gewonnen …“

Das leise Gurren, mit dem sie mir zwischen die Schenkel griff, sich einfach darauf setzte und sich auf mir bewegte, kannte ich schon.

„Wehe …“, flüsterte sie.

Es bestand keine Gefahr. Auch das hatte sie nicht begriffen, so sehr war sie von sich überzeugt. Auch wenn mein Körper schon immer mein schlimmster Feind war, was Frauen und gesunden Menschenverstand anging. Sie kontrollierte ihn, aber mein Geist gehörte. Alles, was tat, löste Erregung in mir aus, auch Lust, natürlich aber mein Kopf blieb. Es kam mit auf ihre Rechnung.

Wie gestern wurden ihre Stöße heftiger, ihr Stöhnen lauter und ich ertrug es. Etwas in mir genoss es doch und das gleiche Etwas hasste sie genau dafür, dass etwas in mir genießen konnte, wie sie sich auf mir auf- und niederbewegte; mit meinem Körper machte, was sie wollte und selbst in meinem Kopf ein Tohuwabohu anrichtete. Ausgeliefert … gefesselt … ich bin der Mann … lege Frauen flach … spiele mit ihnen … verschaffe ihnen Lust … ist meine Rolle … ein Leben lang ausgefüllt … ausfüllen müssen weil es keine … mache eigene Psychoanalyse … keine Analyse … anal …. NEIN!

„Schluss!“, schrie ich und wie gestern, ließ sie sich gegen mich fallen. Heißer, heftiger Atem war an meinem Ohr; Brüste unter einem Büstenhalter, die sich gegen mich pressten, ein langgezogenes Stöhnen und als es verhallte, stand sie auf, einfach so und baute sich mit ein wenig gespreizten Beinen vor mir auf. Wieder glänzte Feuchte auf ihrer Strumpfhose – es interessierte mich nicht mehr. Nicht die Bohne. Gar nichts interessierte mich noch, außer, wie ich jetzt hier wieder herauskam und es ihr heimzahlen konnte. Ich griff nach meiner Hose und kalt sagte sie: „Welchen Teil von ‚lang‘ hast du gestern nicht verstanden?“

Es war wie eine Eisplatte, die in mein Rückgrat krachte. Ich wurde steif. Sie lächelte flüchtig, griff nach dem Rock, streifte ihn über und zog den Reißverschluss zu. An ihren Schlüpfer auf dem Tisch schien sie nicht zu denken; ging zu ihrem Schreibtisch, holte einen Spiegel aus einer Schublade, warf einen prüfenden Blick hinein und sagte, während sie mit peinlicher Genauigkeit die Konturen ihrer Lippen nachzog: „Weißt du, was du siehst, Hartwig, wenn du eine Grenze überschreitest?“

Ich saß nackt auf dem Stuhl, die Hände bedeckten das, was nicht mehr zu bedecken war, zumindest nicht vor ihr, und mich interessierte einen Scheißdreck, was immer auch für Antworten sie noch von mir haben wollte. „Wolkenkuckucksheim“, knurrte ich.

„Aber, aber … Sind wir sauer? Nein, du siehst die nächste Grenze. Wenn du auch diese überschreitest, kommt noch eine und so weiter …“ Sie klappte den Spiegel zu und es klang wie ein Schuss, irgendwie endgültig. „Und es hört niemals auf. Die Summe auf der Reisekostenabrechnung ist auf den Cent genau das Geld, mit dem dein Geschäftskonto im Minus ist. Sabrina hat es jetzt bereits an dich überwiesen und die Bank dürfte, nachdem es ausgeglichen war, dein Konto nun geschlossen haben. Nirgendwo anders wirst du mehr Geld bekommen, deine Kreditwürdigkeit war ohnehin schon erledigt. Du hast keine Krankenversicherung, keine Arbeitslosenversicherung, keine Rentenversicherung. Du hast gar nichts. Ich bin jetzt deine letzte Grenze, Hartwig. Danach kommt nur noch mit Minen gespicktes Niemandsland für dich und ich entscheide, wann welche hochgeht. Leg dich mit dem Rücken auf den Tisch, die Hände unter deinen Po!“

„Was?“

„Du hast mich schon verstanden!“

Wir lieferten uns ein Blickduell und jeder von uns wusste, wer verlieren würde. Ich senkte den Kopf, aber vorher knurrte ich noch: „Dafür bringe ich dich um!“

„Aber das hast du doch schon. Du hast mein Herz gebrochen und ohne kann kein Mensch leben. Na ja, jedenfalls nicht so richtig. Aber das zahle ich Dir gerade heim.“ Wieder fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen, ganz langsam und ich wusste, dass sie wollte, dass ich es sah. Sie war verrückt, anders konnte es nicht sein und das irrlichterte auch in ihren Augen. Wenn ich hier rauskam – und das würde ich …

„Jetzt leg Dich endlich hin!“ Sie stieß mich vor die Brust und ich krachte mit dem Rücken auf den Tisch. „Hände unter den Po! Sonst rufe ich die Mädchen rein!“

Sie stellte sich nicht zwischen meine Beine, sondern neben mich, griff mir zwischen die Schenkel und ich biss wieder die Zähne zusammen. Doch etwas war anders, ganz anders. Sanft, fast zärtlich bewegte sie ihre geschlossene Hand auf und nieder. Zärtlichkeit? Von ihr?

Erst waren es nur Millimeter, dann etwas mehr, wieder ganz hoch, dann so weit nach unten, dass es weh tat. Doch nicht wirklich, als konnte sie spüren, wo die Lust endete und der Schmerz begann … der Druck wurde fester, wieder hoch, ganz hoch.

Sie flüsterte sanft: „Es ist alles nur in deinem Kopf. Ich bin da drin und ich weiß, dass ich schon immer da war. Nicht erst seit gestern. Du weißt es auch … nichts ist real … keine Handschellen, keine Plastiktüte, Sabrina ist keine Ärztin, nur eine Freundin, das Schild ist schon wieder weg draußen … alles nur in deinem Kopf … keine Kameras hier … niemand ist hinter dir her … nur ich … schon immer, aber daran erinnerte ich mich erst wieder gestern Abend in deinen Armen.“

Sie machte weiter zwischen meinen Schenkeln, mit der anderen Hand langte sie über mich hinweg, küsste meine zusammengepressten Lippen und flüsterte dann: „Augen zu, Mund auf!“

Ich presste die Kiefer aufeinander. Ein Mädchen hatte das zu mir gesagt, wenn sie aus der Bäckerei ihres Vaters Plätzchen stibitzt hatte. Ich erinnerte mich genau, wie wir dann auf dem Baumstamm am Fluss gesessen hatten, Hand in Hand und sie mir die Plätzchen in den Mund gesteckt hatte. Es war die Erinnerung, an der ich mich die ganzen Jahre festgehalten hatte. Vielleicht nicht wegen dem Mädchen Elena, sondern weil sie wie ein Fenster gewesen war in eine Welt ohne Überlebenskampf, ohne Denken und voller Glück. Eine Traumwelt, natürlich, aber es war meine. Ich hatte keine andere.

„Mach den Mund auf“, flüsterte sie. Ein Kuss, zart wie ein Schmetterlingsflügel und ein Wort wie ein Hauch: „Bitte …“

Ich hasste mich, weil ich tat, was sie wollte, und ich hasste meinen Körper, weil er mich unter ihrer sachkundigen Hand verriet. Sie stopfte mir ihren Schlüpfer in den Mund, bis er mich ganz ausfüllte und sie ließ sich Zeit dabei. Von nun an war ich nicht mehr nur willenlos, sondern auch noch stumm. Auch das kam mit auf ihre Rechnung.

Nein, ich konnte nicht einfach aufstehen und sie zusammenschlagen. Das war mir nicht gegeben, ich konnte keine Frau verletzen. Über diese Grenze war ich niemals gegangen und würde es auch niemals tun. Aber ich konnte sie zerstören, langsam, so, dass sie genau mitbekam, wie ich ihr alles nahm, was ihr etwas bedeutete.

Sie steckte einen Zeigefinger in ihren Mund. Als sie ihn herauszog, war er voller Speichel. Ein bisschen davon floss über ihre Lippen. Ihre Hand glitt zwischen meine Schenkel, tiefer, fand den Ort, an dem ich gestern bei ihr war … kreiste, spielte, drang schließlich ein, unvorstellbar zart, bis zum ersten Fingerglied …

Sie beugte sich herab, ihr Mund umschloss mich, heiß war er und feucht, ihr Kopf bewegte sich auf und nieder, langsam: Lippen, die jeden Millimeter kosten. Ein Schmetterling mit zarten, heißen Flügeln flog vorbei, kehrte wieder zurück, schlug mit den Flügeln, so schnell, als sei er ein Kolibri, und mein Unterleib musste sich ihm entgegen heben.

Tiefer nahm sie mich auf in ihren Mund, immer tiefer; mein Rückgrat krümmte sich in einem unmöglichen Winkel und es war der Moment, in dem ihr Finger in mich eindrang, so tief wie ihr Mund mich in sich aufnahm und ich musste schreien, was meine Lungen hergeben. Mein ganzes bisheriges Leben flog in diesem erstickten Schrei davon und ich spürte, wie auf einmal Platz war, Platz für etwas anderes … aber der Schlüpfer in meinem Mund nahm mir die Luft, rote Sterne explodierten hinter meinen Augen … Luft … Luft …

Sie riss mir den Schlüpfer aus dem Mund. Japsend schnappte ich nach Luft und ein Krampf schüttelte mich. Noch immer war sie über mir, hatte mich nicht in die Kälte entlassen. Der Schmetterling flatterte noch einmal um mich, genau in dem Moment, als sie ihren Finger aus mir hervorzog und es machte den Schmerz erträglich. Selbst, als ich kleiner und kleiner wurde in ihrem Mund, blieb sie noch, so lange, bis ich begann, mich auf dem Tisch zusammenzurollen und mit aller Gewalt die Kiefer zusammenpresste, weil ich nicht wollte, dass sie sah, was da in mir hochkam, meine Kehle zusammenkrampfte und mit aller Gewalt von innen gegen meine Augen drückte. Wie konnte sie wissen, wo nicht einmal ich … Wer war diese Frau?!

„Alles ist gut“ Es war ihre Stimme in der Dunkelheit, die mich im Hier und Jetzt hielt, und es waren ihre Arme, die verhinderten, dass ich vom Tisch fiel.

„Komm …“ Sie kniete vor mir, hielt mir die Hose hin, half mir hinein und dann auf den Stuhl. Ihr Gesicht, ganz nah vor mir, ein Kuss, dann richtete sie sich auf und ging wieder zum Fenster, als brauchte sie den Abstand zwischen uns.

Wir schwiegen lange. Bei ihren Zärtlichkeiten danach, als sie mich in ihren Armen hielt, war sie für einige wenige Sekunden eine andere Frau gewesen, genau wie gestern Abend, als sie sich an mich geschmiegt und mir so unglaublich unter die Haut gegangen war. Für diese Frau hätte ich die Welt eingerissen, aber wie es aussah, lebte sie jeden Tag nur ein paar Sekunden. Für die andere, für Viktoria, fühlte ich nicht mehr als Mitleid. Sie war ein armer Mensch. Ich blickte hoch.

„Ich habs versaut, oder?“ Nicht nur ihre Stimme klang müde. Sie lehnte am Fenster und jede Energie schien sie verlassen zu haben.

„Was auch immer du erreichen wolltest: Ja, du hast es versaut.“ Ich zog mich ganz an und brachte meine Sachen in Ordnung.

„Gib mir bitte noch fünf Minuten, bevor du gehst.“

„Fünf Minuten.“ Ich blickte auf meine Uhr.

Sie ging hinaus. Die ersten beiden Schritte hinkte sie ein wenig, dann gab sie sich sichtlich einen Ruck und ging wieder ganz normal. Die Tür ließ sie hinter sich offen.

Ich blieb auf dem Stuhl sitzen. Ich war erschöpft, ausgelaugt und sogar zu müde zum Denken.

Die Frau, die zu mir zurückkehrte, war eine andere. Sie hatte ihre Perücke abgenommen, trug Jeans, Turnschuhe, ein verblasstes T-Shirt, hatte sich jede Schminke aus dem Gesicht gewischt und trug ihre kupferroten Haare offen. Ihre Lippen wirkten schmaler und die Augenlider auch, weil sie die künstlichen Wimpern entfernt hatte.

Sie setzte sich seitlich auf meine Oberschenkel und hielt mir eine alte, verzierte Blechdose hin. „Möchtest du einen Keks? Sie sind frisch, nur die Dose ist alt.“

Ich starrte sie nur an, Worte hatte ich keine mehr. Etwas in mir mochte es geahnt haben, aber es war nie bis in mein Bewusstsein vorgedrungen. Dass sich Bohni so verändert haben sollte, hätte es sich nie vorstellen können.
„Ach so, hab ich noch vergessen.“ Sie beugte sich vor, machte mit einem Finger etwas in ihrem linken Auge, dann mit ihrem rechten und als sie mich schließlich wieder anblickte, waren beide grün. Lange sah sie mich an, als suchte sie etwas in meinem Gesicht.

Ich wusste, dass sie es nicht mehr finden würde. Es war auf dem Stuhl gestorben und die Wiederbelebungsversuche auf dem Tisch hatten die Agonie nur hinausgezögert.

Schließlich legte sie ihren Arm um mich, gab mir einen Kuss, und wartete spürbar, dass ich ihn erwiderte. Sie wartete vergebens. Ich konnte es einfach nicht.

Sie löste sich von mir, nicht so wie gestern, als sie mich weggestoßen hatte, sondern langsam, als fiele es ihr schwer und setzte sich hinter ihren Schreibtisch. Die unsichtbare Barriere zwischen uns hatte jetzt auch eine physische Gestalt.
„Deine … deine Hotelrechnung habe ich bereits beglichen.“ Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie wieder in ihr Fahrwasser kam, aber dann saß trotz Jeans und T-Shirt wieder der Boss am Tisch. „Deine Sachen sind in meinem Haus. Wenn du es möchtest, ist es auch deines. Das entscheidest du selbst. Ich habe zwei Schlafzimmer, eines zum Schlafen, eines für Spaß und einen ganzen großen Kleiderschrank voller hübscher Sachen zum Spielen. Dazu noch ein Arbeitszimmer, in dem die besten Computer, die man für Geld kaufen kann auf, dich warten.“

Sie zerriss den Zettel, den ich unterschrieben hatte, in kleine Fetzen. „Du hast in den letzten Jahren Raubbau mit dir betrieben, bist am Ende, dein Körper und dein Kopf brauchen Erholung. Ich biete sie dir, die besten Ärzte und natürlich, das beste Essen für deinen Körper. Wenn du dich dann erholt hast, kannst du dir immer noch überlegen, wie du mich am besten fertigmachen kannst für das, was ich dir, wie du glaubst, angetan habe. Oder ob es da nicht noch andere Möglichkeiten gibt. Und wer weiß, vielleicht … vielleicht brauchen wir einfach nur Zeit.“

Ich stand auf. Nicht so forsch, wie ich es gerne gewollt hätte. Aber das würde wiederkommen, da war ich mir sicher.

Sie kam um den Tisch herum und nahm mich in den Arm. Doch diesmal war es nicht besitzergreifend, eher, als wollte sie sich festhalten.

Ich glaubte es keine Sekunde. Sie brauchte niemanden zum Festhalten, nur ihr Ego. Es war nicht viel kleiner als meins und das wollte etwas heißen.

An meinem Ohr flüsterte sie: „Ich kann nicht so gut Bitte sagen. Ein paar Tage, nur ein paar Tage. Gib dir einige wenige Tage Leben, Hartwig, bitte. Einfach nur leben. Mit mir.“

Sie konnte wirklich nicht aus ihrer Haut heraus. Was sie wollte – warum auch immer, ich konnte es nicht verstehen – versteckte sie hinter dem, was ich ihrer Meinung nach wollen sollte. Sie war ganz eindeutig ein wenig verrückt. Aber das war Bohni auch schon damals gewesen, nur eben anders.

Und wenn es das nicht gewesen wäre, so waren da immer noch mehr als zwanzig Jahre, über die wir wenigstens reden sollten. Etwas sagte mir, dass es nicht dabei bleiben würde.

 


1: Testosteron

2: Hass

3: Ausgeknockt

4: Bohni

5: Ego

6: Der Absturz

7: Die Festung

8: Eingemauert

9: Wenn ein Traum stirbt

10. Fessle mich!

11. Sourcecode