robert

   Robert dachte zurück an den Moment, als sich diese Frau mit dem herzförmigen Gesicht und den sanften braunen Augen, die ihn eben voller Zorn angefunkelt hatten, das erste Mal über ihn gebeugt hatte.
   Mit einer bösen Toxoplasmose, die er zu lange ignoriert hatte, war er in Bad Saarow eingeliefert worden. Als wäre es nur Sekunden zuvor geschehen, fühlte er noch immer den sanften Druck ihrer Finger, mit dem sie einen der geschwollenen Lymphknoten an seinem Hals abgetastet hatte. Eine Locke war ihr dabei ins Gesicht gerutscht und das scheue Lächeln, mit dem sie die widerspenstige Haarsträhne eingefangen und auf die Schulter geworfen hatte, würde er nie vergessen.
   Das war vor einem Jahr gewesen. Seitdem fuhr er, wann immer er es einrichten konnte, nach Berlin, in der Hoffnung, sie für ein paar Stunden zu treffen und ihr nahe sein zu können. Manchmal verstand er sich selbst nicht, schließlich war er vierundvierzig Jahre, Kerstin nicht seine erste Liebe und aus dem Verliebtheitsfeuer der Jugend sollte er längst heraus sein. Doch diese schmalgliedrige Frau hatte etwas an sich, dass ihn alles um sich herum vergessen ließ.
   Er fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, ihr alles zu erzählen. Irgendwann musste er ihr sowieso sagen, warum zumindest auf dieser Seite der Mauer niemand Männer schicken konnte, die ihn abholten. Das Ministerium für Staatssicherheit schützte das Land gegen seine zahlreichen Feinde, genau wie der Mann von Kerstin es tat, nur das der dabei eine Uniform trug. Die Offiziere des MfS mussten viele Dinge tun, die das Licht der Öffentlichkeit scheuten, aber sie waren notwendig, um diesen jungen Staat zu schützen. Und sie würden sich tatsächlich niemals für persönliche Fehden missbrauchen lassen. Er musste es wissen, denn schließlich war er einer von ihnen.
   Sie kehrte zurück. Ruhig setzte sie sich an den Tisch, nahm ihre Sonnenbrille ab und verstaute sie in ihrer Handtasche. Offenbar hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen, so sehr, dass er aus ihrem Gesicht nicht schlau wurde. Es war, als hätte sie plötzlich eine Maske aufgelegt, die jede Emotion vor ihm verbarg.
   Leise sagte er: „Es ist gut, dass du da bist.“
   „Findest du?“
   „Ja! Ich will dich weder verletzen noch anlügen.“
   Er schwenkte den Arm mit einer umfassenden Geste: „Ich bin hier in der Nähe aufgewachsen, hier zur Schule gegangen und hatte alle meine Freunde hier. Meine Eltern gehörten zu den führenden Kernphysikern in der DDR. Ich war siebzehn, da erhielten sie eine Einladung zu einem Kongress nach Belgrad. Sie nahmen mich mit. Zwei Tage später waren wir im Westen.“
   Nichts rührte sich in ihrem Gesicht und er setzte hinzu: „Sie sind den Dollars gefolgt, wie zu viele andere hier auch. Vor sieben Jahren bin ich wieder hierher, nach Hause, gekommen.“
   „Magst du den Westen nicht?“
   Er schaute an ihr vorbei: „Mögen? Meine Eltern wurden gezielt abgeworben, im Rahmen eines Programms, das bis heute gegen uns angewendet wird. Man sucht sich führende Köpfe, bietet ihnen viel Geld oder erpresst sie und schleust sie dann nach drüben. Unsere Schul- und Hochschulausbildung ist eine der Besten in der ganzen Welt, aber sie kostet Unsummen. Du solltest das am Besten wissen. Es ist, als würden wir unser Geld direkt Bayer oder Mercedes in den Rachen schmeißen, wenn einer von unseren Wissenschaftlern rübergeht. Doch der Schaden ist noch viel größer. Unsere Intelligenz, die wir so dringend benötigen, wird ausgeblutet. Also wird sie bewacht. Das spricht sich herum, dadurch wird für die klugen Leute die Motivation noch größer, in den Westen zu gehen, weil sie angeblich hier keine Luft zum Atmen haben.“
   Seine Stimme wurde leise: „Sie nahmen mir damals alles, woran ich geglaubt habe, den Glauben an meine Eltern eingeschlossen. Und meine erste Liebe. Für Dollars!“
   Er schaute ihr direkt ins Gesicht. „Ob ich den Westen mag, willst du wissen? Ich habe einmal die Uniform eines Majors der Bundeswehr getragen und im NATO-Hauptquartier gearbeitet und ich kenne seine Fratze genau. Sie morden, vergewaltigen, lügen, betrügen und zerstören mit Bomben und Raketen unsere Welt. Und wofür? Im Namen ihrer Freiheit, die sie bei jedem zweiten Satz im Munde führen? Nein, für Dollars! Und wo sie mit ihren Waffen nichts ausrichten, da vergiften sie unser Leben damit. Ich hasse sie wie nichts sonst auf der Welt!“
   Er lehnte sich zurück. Was er ihr erzählen durfte, hatte er eben gesagt, und wenn sie eins und eins zusammenzählte, wusste sie jetzt in etwa, wer er war und konnte sich ausrechnen, was er tat.
   Eine Falte furchte ihre Stirn, als dächte sie intensiv nach und für einen Moment blitze etwas in ihren Augen auf. Dann, ihm schien es eine schweigende Ewigkeit gewesen zu sein, sagte sie leise: „Bitte entschuldige. Vielleicht arbeite ich zu viel. Manchmal scheint mir, dass die ganze Atmosphäre um uns voller Gift ist und es nach und nach in unsere Köpfe sickert. Wir haben so wenig Zeit für uns und dann streiten wir uns auch noch.“
   Sie griff nach seiner Hand. „Ich erinner mich noch an den ersten Kaffee, den wir gemeinsam in der Nachtkantine getrunken haben. Und wie scheußlich er geschmeckt hat. Ganz im Gegensatz zu deinen Lippen.“
   Er erinnerte sich sehr wohl an diese Szene. Eigentlich hatte er sich nur von dieser faszinierenden Frau verabschieden wollen, aber irgendwie war sie in seinem Arm gelandet – und dann war es zu spät gewesen. Keiner hatte es gewollt oder darauf hin gearbeitet. Sie fühlten sich nur unglaublich wohl in der Nähe des anderen und daran hatte sich in den folgenden Monaten nichts geändert. Aus „Wohlfühlen“ war brennende Sehnsucht geworden und bei ihm der Wunsch, Kerstin jeden Tag um sich zu haben, koste es, was es wolle.
   Vielleicht hatte sie tatsächlich recht. Wenn es um sie ging, war er bereit, jede Verantwortung über den Haufen zu werfen. „Kerstin, ich liebe dich. Was soll ich denn tun? Ich kann mir nicht vorstellen, ohne dich zu leben – verstehst du das?“