robert

   Er schaute ihr fest in die Augen, und als sie nur nickte, seufzte er. „Und was machen wir nun?“
   „Falls du unsere Lebensplanung meinst – nichts. Außerdem muss ich das, was du mir eben gesagt hast und auch das, was du nicht gesagt hast, in Ruhe überdenken. Im Moment lassen wir alles so, wie es ist.“
   Er senkte den Kopf, blickte kurz auf seine Sandalen und dann wieder in Kerstins Gesicht. „Das kann ich verstehen. Aber ich meinte eigentlich den Rest des Nachmittags. Wann musst du wieder zu Hause sein?“
   Sie lachte leise. „Ich habe in einer Stunde einen Termin.“
   „Ich weiß nicht, was du daran so lustig findest. Ich hatte gehofft, wir hätten etwas mehr Zeit füreinander.“
   „Naja, weißt du, mein Mann kommt erst morgen früh zurück nach Hause und ich dachte, du könntest mich zu dem Termin fahren?“
   „Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“
   Plötzlich kicherte sie wie ein kleines Mädchen. „Um genau zu sein, geht es bei dem Termin darum, dass meine Freundin für drei Tage verreist und ich auf ihre Wohnung aufpassen soll. Ich dachte mir, du würdest dir vielleicht ganz gerne mal eine Berliner Altbauwohnung von innen anschauen wollen, so für ein paar Stunden, ganz ungestört mit mir …“
   Es dauerte einen Moment, bis er verstand, was sie ihm da sagte, dann verschwand die Enttäuschung wie weggefegt aus seinem Gesicht.
   Sie drängelten sich zwischen den voll besetzten Tischen hindurch und wären dabei fast gegen den Mann mit dem Tirolerhut gelaufen, der den Ausgang der Terrasse blockierte.
   Robert fragte: „Lassen Sie uns vorbei?“
   Der ältere Herr nahm ruhig die Spiegelreflexkamera mit dem Achthunderter Carl-Zeiss-Teleobjektiv herunter und die Augen halb zugekniffen, als blendete ihn die Sonne, fixierte er Roberts Gesicht. Sein Blick blieb einen Moment an dessen Narbe hängen, dann lächelte er freundlich und machte einen Schritt zur Seite. Mit breitem bayrischen Akzent sagte er: „Söbstvaständli, tuad ma lad, dass i sie aufghoitn hob.“
   Robert registrierte genau diesen Blick. Auf der Liebknechtbrücke blickte er sich noch einmal um. Der Mann hatte sich in den Schatten eines Baumes gestellt, fotografierte die Museumsinsel und jeder, der ihn sah, würde das Bild eines Fotografen aus dem Westen im Kopf haben.
   Nur Robert nicht, denn er hatte die kalten Augen des Mannes gesehen. Er ging in Gedanken die Szene noch einmal durch. Sie waren auf ihn zugegangen und erst da hatte er die Kamera an die Augen gehoben. Er hatte sie kommen sehen und hätte von allein aus dem Weg gehen können. Er war auch nicht einfach so zur Seite gegangen, sondern hatte bewusst darauf gewartet, dass Robert ihn ansprach und ihm dann scharf in die Augen gesehen, vor allem aber auf die Narbe. Erst dann hatte er einen Schritt zur Seite gemacht. Der Mann hatte diese Begegnung gewollt!
   Robert konnte nicht verhindern, dass seine Muskeln sich anspannten und Kerstin blickte zu ihm hoch. „Was ist?“
   „Nichts.“
   Seine Instinkte ließen ihn ihre Hand loslassen und stattdessen den Arm schützend um sie legen. Sorgsam achtete er darauf, mit seiner Hand nicht ihre Haut zu berühren. Sie hätte den kalten Schweiß auf seiner Handfläche gefühlt.
   Er musste sich anstrengen, nicht schneller zu gehen. Er wusste ein Teleobjektiv auf seinen Rücken gerichtet und seine Erfahrungen aus dem Westen sagten ihm, dass als Nächstes ein Gewehrlauf kommen würde.