robert

   Benedict Mayer schnaufte und das Blut rauschte in seinen Ohren. Hastig griff er nach der Packung in seiner Jackentasche und nahm eine Tablette. Sein Blutdruck war nicht der beste und Aufregung war Gift für ihn. Aber wie hätte er auch ahnen sollen, dass er ausgerechnet hier in diesem kleinen Kaffee an einem so schönen Oktobersonntag dem geflohenen Bundeswehrmajor Manfred Retjen begegnen würden?
   Mit tiefen, langsamen Atemzügen versuchte Benedict Mayer, sich zu beruhigen. Er erinnerte sich noch sehr gut an den politischen Erdrutsch, den es vor sieben Jahren beim BND und auch bei der CIA gegeben hatte. Überall, bis hin zum Bundestag waren Köpfe gerollt. Und das, weil ein gewisser Major Manfred Retjen nach seinem Türkeiurlaub, den er zusammen mit seinem Sohn angetreten hatte, an einem Montagmorgen nicht zu einer Dienstbesprechung im NATO-Hauptquartier in Brüssel erschienen war.
   Das hätte man ihm vielleicht nachgesehen, nicht jedoch, dass noch im Laufe des gleichen Tages in Ostberlin sechs Männer und eine Frau von der Stasi verhaftet worden waren und damit das komplette Netz der CIA in Ostberlin praktisch aufgehört hatte, zu existieren.
   Zwei Tage später hatte man ihn in Edirne, einem kleinen Ort an der türkisch-bulgarischen Grenze, lokalisiert. Drei Männer hatte man auf ihn angesetzt, zwei von ihnen waren spurlos verschwunden, den Dritten hatte man in der Kanalisation der Stadt entdeckt. Jemand hatte ihm, wahrscheinlich mit nur einem einzigen Schlag mit großer Brutalität, die linksseitigen Rippen so zertrümmert, dass die dahinterliegende Milz zerfetzt und das Zwerchfell auch noch perforiert worden war. Der Agent war innerlich verblutet, bevor man ihn gefunden hatte.
   Man hatte den Fall durch die weltweite Presse gejagt, Retjen war auf dem gesamten Erdball gesucht worden, zumindest in dem Teil, der nicht hinter dem Eisernen Vorhang lag; auf jedem Polizeirevier hatte sein Foto gehangen, doch er war verschwunden geblieben, ebenso wie sein Sohn. Und jetzt tauchte er hier wieder auf, in aller Öffentlichkeit und mit einer Frau an seiner Seite. Offenbar hatte der Mann nichts von seiner Kaltschnäuzigkeit und dann wahrscheinlich auch nichts von seiner Gefährlichkeit verloren.
   Benedict Mayer schnaufte und überlegte, was er tun sollte. Er war kein Profi, der einem durchtrainierten ehemaligen Elitesoldaten durch Berlin folgen konnte, ohne das der ihn bemerkte und vielleicht sogar ausschaltete. Er war ein Pensionär mit Bauch und Bluthochdruck, besaß ein kleines Häuschen und wollte nichts weiter, als seinen Ruhestand genießen und den Code Gottes entschlüsseln. Er konnte drüben die Fotos zeigen, doch dann würden sie ihn wieder mit hineinziehen. Lange genug war er ein Rädchen im Getriebe des Kalten Krieges gewesen, um zu wissen, wie schnell der einen fressen konnte und das er Glück gehabt hatte, dass eben das nicht geschehen war. Sollte er damit wieder anfangen?
   Die Entscheidung fiel ihm nicht schwer. Er öffnete die Rückwand der Kamera und ließ den Film mit den Bildern der beiden unauffällig ins Wasser der Spree fallen. Dann legte er einen Neuen ein. Der Kalte Krieg fand heute ohne ihn statt.