robert

   Robert tastete in seiner Jackentasche, dann blieb er stehen und sagte: „Ich muss noch einmal zurück. Meine Zigaretten liegen noch auf dem Tisch.“
   Kerstin setzte wieder ihre Sonnenbrille auf. „Ich warte hier. Beeil dich.“
   Er gab ihr seinen Autoschlüssel. „Brauchst du nicht. Der Wartburg steht dort vorn in der Oberwallstraße, du kennst ihn ja. Mach es dir bequem, du fährst doch gerne.“
   „Robert?“
   „Ja?“
   „Ist etwas?“
   Lachend winkte er ab. „Nein, wieso? Cabinet gibt es in Schwerin nur unter dem Ladentisch und sie war noch halbvoll. Ich bin gleich wieder da. Vergiss nicht, dir die Spiegel einzustellen.“
   Einen Moment blickte sie ihn noch an, dann ging sie und Robert atmete auf. Für das, was er jetzt tun musste, konnte er Kerstin nicht gebrauchen.
   Es gab drei Möglichkeiten. Der Mann mit dem Tirolerhut konnte nichts weiter als ein Tourist sein, dem widersprachen jedoch alle seine Instinkte. Dann konnte er von Wiesen geschickt worden sein, immerhin war es möglich, dass er einen Verdacht gegen seine Frau hegte. Doch der General hatte andere Möglichkeiten, als einen auffälligen Bayer dafür einzusetzen. Damit blieb nur noch die dritte Möglichkeit – sie waren ihm nach so langer Zeit doch noch auf die Spur gekommen. Mischa hatte ihn gewarnt, und plötzlich waren seine Worte wieder in Roberts Kopf: „Viele Menschen treffen richtige Entscheidungen. Einige auch zum richtigen Zeitpunkt. Aber nur wenige setzen sie auch bis zum Letzten mit allen Konsequenzen um. Das sind die von uns, die noch leben.“ Ich hätte auf ihn hören und in Moskau bleiben sollen, da war ich sicher, dachte Robert.
   Ein Anruf hätte genügt, und die Genossen würden den Mann an der Grenze abfangen, doch dann würden sie auch die Fotos von ihm und Kerstin sehen. Robert machte sich nichts vor – mit der Macht kam auch die Versuchung, sie zu missbrauchen und die Gier nach mehr Macht. Das hatte der Westen nicht für sich gepachtet, die Menschen hier im Osten waren keine Heiligen und auch in der DDR wurde man nicht General ohne ein weitgespanntes Netzwerk von Kontakten. Die Gefahr würde bestehen, dass die Fotos von ihm und Kerstin auf dem Tisch von Wiesen landeten und das musste er unter allen Umständen verhindern. Kerstin sollte sich aus Liebe für ihn entscheiden, nicht unter dem Druck von Umständen.
   Außerdem würden jede Menge Komplikationen auf ihn zukommen, denn im Westen wurde er als Mörder gesucht und tauchte er jetzt hier wieder auf, würde man das mit Sicherheit propagandistisch ausschlachten und gegen seine Heimat verwenden. Dass er nur sich und seinen Sohn verteidigt hatte und ihm gar nichts anderes übriggeblieben war, als die drei Agenten umzubringen, die ihnen den Weg in die Freiheit versperrt hatten, würde dann niemanden mehr interessieren.
   Nein! Es durfte alles nicht wieder von vorne beginnen.
   Der Mann stand noch immer an der gleichen Stelle. Robert nickte ihm freundlich zu, als wären sie alte Bekannte, sagte im Vorbeigehen: „Tja, was man nicht im Kopf hat …“, und schlenderte zu ihrem Tisch von vorhin.
   Zwei ältere Damen hatten ihn mit Beschlag belegt, er grüßte sie freundlich und fragte sie, ob sie seine Zigaretten gefunden hatten. Sie verneinten und er blickte sich suchend um. Wieder legte ein Ausflugsdampfer an, gleich würden sich seine Passagiere auf den Steg ergießen. Aus den Augenwinkeln registrierte er, dass ihn der Mann mit dem Tirolerhut beobachtete.
   Die Kellnerin mit den hübschen Beinen rauschte vorbei und auch sie fragte er nach seinen Zigaretten, doch auch sie verneinte. Schließlich zuckte er scheinbar enttäuscht die Schultern und drehte sich zum Ausgang der Terrasse.
   Der wurde gerade durch die vom Schiff strömenden Passagiere blockiert. Er drängelte sich in den Strom hinein und ließ sich zu dem Mann mit dem Tirolerhut treiben. Der hatte beide Arme mit der teuren Kamera nach oben gereckt, um sie vor dem Menschenansturm zu schützen und schaute erstaunt auf den plötzlich vor ihm auftauchenden Robert. Der verbarg all seine Wut darüber, dass man ihn nicht in Ruhe ließ, hinter einem Lächeln.
   Dann schlug er zu.
   Mit der Gewalt eines Vorschlaghammers und nahezu mathematischer Präzision, wie sie nur jahrelanges hartes Training verleiht, traf seine geballte Faust den linken Rippenbogen von Benedict Mayer. Der Mann mit dem Wohlstandsbäuchlein, dem Tirolerhut und dem immer freundlichen Lächeln konnte nicht einmal mehr schreien.