robert

   Am Montag war er dann wieder nach Westberlin geflogen und hatte an dem ersten Funkspruch, den man ihm zum Dechiffrieren auf seinen Tisch gelegt hatte, erkannt, mit welchem Team der Russen er und seine Kollegen es in dieser Woche zu tun bekommen würden. Er war nichts weiter gewesen als ein kleines Rädchen in einer gigantischen Kriegsmaschinerie. So winzig, dass sein Name nicht einmal auf den Listen auftauchte, die das Ministerium für Staatssicherheit der DDR über die Mitarbeiter der CIA in Westberlin führte.
   Doch die Abende hatten ihm gehört und er hatte sie an den neuen großen IBM-Maschinen verbracht, die unter seinem Büro ihre Arbeit verrichteten und mit unglaublicher Geschwindigkeit rechneten. Auf jede Sekunde Rechenzeit hatte er gelauert, die ihm die Bediener zugestanden hatten. Dreißig Jahre lang hatte er in langen Nächten an den Großrechnern im Keller der CIA-Zentrale in Westberlin gesucht, besessen von der Idee, den Code Gottes in der Zahl Pi zu entschlüsseln.
   Denn statt darüber nachzudenken, warum der Herr diese göttliche Zahl geschaffen hatte, onanierten die Menschen eine Tausender Stelle nach der anderen; vor einem Jahr hatte Yoshino Kanada die einhundertmillionste Stelle hinter dem Komma geknackt und sie alle begriffen nicht, was sie da taten. Weil Pi eben nicht nur einfach nur eine unendliche Zahl und der Schlüssel zur perfekten Kugel war.
   Das war zu simpel, doch Gott war nicht einfach. Er war vorausschauend, er war weise und er war ein Lehrer. Er hatte sich offenbart, doch nicht in der Bibel, sondern in der Zahl Pi. Sie war das Buch des Lebens, in ihr hatte Gott all sein Wissen von der Schöpfung des Universums versteckt. Jede Nachkommastelle stand für Buchstaben, für Zeichen, für Wellenlängen vielleicht oder für was auch immer, und wenn es gelang, sie zu übersetzen, so wären die Menschen endlich im Besitz der Bibliothek des Universums und der wahren Geschichte der Schöpfung, der Gegenwart und selbst der Zukunft.   Benedict Mayer lächelte. Das tat er bei jeder sich bietenden Gelegenheit und er hatte auch allen Grund dazu, schließlich ging es ihm gut. Er war ein kleiner Mann mit einem Wohlstandsbäuchlein, gezwirbeltem Schnauzbart, Bluthochdruck und einer Glatze, die er am liebsten unter einem schmucken grünen Tirolerhut verbarg. Er genoss seine Pension, die er sich auch redlich verdient hatte, und flanierte schon eine geraume Weile mit dem Fotoapparat durch die Prachtstraße Ostberlins „Unter den Linden“. Er erfreute sich des strahlenden Sonnenscheins an diesem letzten Oktobersonntag des Jahres 1988. Seiner kränkelnden Frau hatte er versprochen, so viele Fotos wie nur irgend möglich von seinem Tagesausflug mitzubringen und er hatte nicht vor, sie zu enttäuschen.