robert

Nirgendwo war es einfacher, andere ungestört zu beobachten und selbst nicht aufzufallen als in einer möglichst großen Ansammlung von Menschen. Wenn du unerkannt bleiben willst, wenn du in Gefahr bist oder dich unsichtbar machen musst – geh da hin, wo viele Menschen auf engem Raum sind. Robert Oldenburg erinnerte sich nur zu gut an dieses Prinzip seiner Ausbildung. Nicht nur einmal hatte es ihm das Leben gerettet und genau darum hatte er dieses Kaffee am Spreeufer gegenüber dem Berliner Dom für ihr Treffen gewählt.
   Die Sonntagsspaziergänger und die Tagesbesucher nicht nur aus Westberlin drängelten sich auf den Fußgängerwegen der Liebknechtbrücke. Die Fotoapparate schussbereit, als seien es die Läufe von Waffen, zielten sie auf alles, was ein brauchbares Motiv für die Kinder und Enkel abgeben konnte. Sie wimmelten dabei durcheinander wie Ameisen und wahrscheinlich dachte niemand von ihnen an eine Gefahr, aber Robert wusste nur zu gut, dass Raubameisen überall auf vom Wege Abgekommene lauerten. Und dass sie immer aus dem Westen kamen.
   Er drehte seinen gelben Korbstuhl ein wenig mehr zur Seite, damit ihm die Nachmittagssonne nicht direkt ins Gesicht brannte. Ohne auffällig seinen Kopf dabei zu drehen, musterte er durch die dunklen Gläser seiner Brille unauffällig die Gäste an den anderen Tischen. Doch niemand schien von ihm mehr als nötig Notiz zu nehmen und das er mit seinen breiten Schultern, der grauen Kurzhaarfrisur und seinem wie gemeißelt wirkenden Gesicht mit den harten Kanten des Öfteren vor allem von Frauen mit Blicken gestreift wurde, war er gewohnt. Seine kerzengerade Haltung, auch wenn er saß, verriet noch immer den ehemaligen Militär und sein kantiges Gesicht mit der Kirk Douglas Grube in der Kinnspitze verlieh ihm trotz der Falten darin einen verbeulten Charme, der auf manche Frauen sehr anziehend wirkte. Er war nie eitel genug gewesen, daraus Kapital zu schlagen; um die Anzahl der Frauen zu zählen, mit denen er in seinem Leben geschlafen hatte, hätten die Finger seiner Hände genügt. Es hatte wichtigere Dinge in seinem Leben gegeben.
   Auf schlanken, wunderbar braunen Beinen und mit schwingenden Hüften schlängelte sich die junge Bedienung zwischen den Tischen hindurch und fragte ihn nach seinen Wünschen. Er bestellte einen Kaffee mit extra Zucker und lächelte ihr mit um eine Winzigkeit nach oben gezogenen Mundwinkeln zu. Sie hatte wirklich schöne Beine. Ein Hauch von Kamille wehte Robert in die Nase. Eine Sekunde später schlangen sich zwei Arme von hinten um seinen Hals und weiche Lippen flüsterten an seinem Ohr: „Du schaust also anderen Frauen auf den Hintern, wenn ich nicht da bin. Findest du das in Ordnung?“
   Er hatte Kerstins Schritte längst gehört. Niemand kam von hinten an ihn heran, ohne dass er es bemerkte und eine Frau in High Heels schon gar nicht. Sein Lächeln erreichte auch den zweiten Mundwinkel und regungslos genoss er mit geschlossenen Augen die Berührung ihrer Hände. „Die Beine, meine Liebe; die Beine. Und warum nicht? Sie sind doch schön. Fast so schön wie deine!“
   „Schmeichler!“ Lachend küsste sie ihn auf die Wange. Für einen Moment war er versucht, aufzuspringen und sie in die Arme zu nehmen. Rechtzeitig genug erinnerte er sich, dass sie das nicht mochte in der Öffentlichkeit.