robert

   Unauffällig musterte er sie. Rabenschwarze Locken umrahmten ihr schmales Gesicht. Doch dort, wo sie aus der Kopfhaut wuchsen, zeigte sich Grau, und die Fältchen um ihren Mund, die sie bei ihrem letzten Treffen noch geschickt weggeschminkt hatte, gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas Herbes. Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal eine Armbanduhr und etwas sagte ihm, dass das alles Anzeichen waren – aber wofür?
   Der Sonnenschirm über ihrem Tisch spendete ausreichend Schatten, trotzdem nahm sie die Sonnenbrille mit den übergroßen Gläsern nicht ab. Es war der gleiche Grund, aus dem sie sich in einer anonymen Menschenmenge trafen. Stundenhotels gab es nur im Westen, ein richtiges Hotel oder eine Pension kamen nicht in Frage, denn dazu hätte jeder von ihnen seinen Personalausweis vorzeigen und sich registrieren lassen müssen. Er wusste besser als die meisten anderen Menschen in der DDR, wo solche Nachweise aufbewahrt wurden und wer sie bei Bedarf benutzte. Für Knutschen in dunklen Ecken waren sie zu alt und so blieb ihnen nur die Öffentlichkeit oder das Auto, wie immer.
   Er hasste diese Heimlichtuerei. Außer Ehebruch hatten sie kein Verbrechen begangen und der war nicht strafbar, zumindest nicht vor dem Gesetz. Sie waren nur ein Mann und eine Frau, die sich liebten und dass Kerstin nicht mit ihm, sondern mit Generalleutnant Wiesen verheiratet war, machte alles so kompliziert. Aus diesem Grund nahm sie nie die Sonnenbrille in der Öffentlichkeit ab, wenn sie mit ihm zusammen war.
   Langsam ließ sie das Rotweinglas sinken und umklammerte es mit den Händen, als müsste sie sich daran festhalten. „Also, warum hast du gefragt?“
   Er hätte gerne ihre Augen gesehen, hätte gerne gewusst, ob noch immer dieses Funkeln in ihnen blitzte, wenn sie ihn anschaute. „Ich mache mir Sorgen um dich.“
   Sie nahm die Sonnenbrille ab und er sog scharf die Luft ein. Die Fröhlichkeit und der Schalk, die ihm immer daraus entgegengeleuchtet hatten, waren dem gewichen, das er gespürt hatte in dem Moment, in dem Sie an seinen Tisch gekommen war und für das er keinen Namen hatte.
   Er griff nach ihrer Hand. „Warum verlässt du ihn nicht und kommst endlich zu mir nach Schwerin?“
   „Das haben wir schon x-mal durchgekaut. Warum fängst du wieder davon an?“
   „Weil du irgendwann einmal eine Entscheidung treffen musst!“