robert

   Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie senkte den Kopf und wühlte in ihrer Handtasche herum.
   „Erzähl mir nichts über Verantwortung! Ich habe mehr davon auf meinen Schultern, als du dir vorstellen kannst. Was könnte denn noch schlimmer werden? Ihr teilt doch nur noch euer Haus und nicht das Bett – zumindest behauptest du das. Wie lange willst du dich noch quälen? Für seine Karriere braucht dich dein Mann nicht mehr, die kann niemand von uns mehr aufhalten und es ist das Einzige, was ihn interessiert. Du bist nur eine hübsche Staffage für ihn.“
   „Du scheinst meinen Mann ja sehr gut zu kennen.“
   „Ja.“
   Auf Kerstins Stirn erschien eine Falte. „Woher? Du bist ihm doch nie begegnet.“
   Er winkte ab. „Ich war in der Armee.“
   Für einen Moment fixierte sie sein Gesicht mit ihren Augen und er fürchtete schon, sie würde da nachhaken. Er wollte sie nicht anlügen müssen.
   Doch sie sagte nur: „Dann weißt du sicher auch, wie rachsüchtig er sein kann. Er würde damit leben können, dass ich einen Geliebten habe. Vielleicht ahnt er das sogar. Aber wenn ich ihn deinetwegen verlasse, stelle ich ihn vor allen Leuten bloß; ich mache ihn zum Hahnrei. Es ist mir egal, ob ich in einem Berliner oder in einem Schweriner Krankenhaus arbeite, aber ich habe Angst davor, was dann mit dir passieren wird. Ich will nicht jedes Mal zusammenzucken müssen, wenn es klingelt, weil da zwei Männer vor unserer Tür stehen könnten, um dich mitzunehmen!“
   Die Antwort hatte sachlich klingen sollen, aber ihre Hände, die sich so fest um den Stiel des Weinglases krampften, dass die Adern auf den Handrücken hervortraten, erzählten ihm etwas anderes. Sie hatten so oft darüber gesprochen, dass er sich sehr gut selbst schützen konnte, doch da er immer geschickt umging, weshalb, endete die Diskussion jedes Mal hier. Er zwang sich zur Ruhe. „Du wirst dir wehtun, wenn du das Weinglas noch heftiger drückst.“
   Sie senkte den Blick auf ihre Hände. „Dir entgeht auch nichts.“
   „Nein, mir entgeht nichts. Ich sehe alles, außer vielleicht mein Leben mit dir.“
   Ein Ausflugsdampfer tutete auf der Spree und legte an. Die Menschen gingen von Bord und winkten. Sie hatten den Sonntag und den Blick auf die Sehenswürdigkeiten der Museumsinsel genossen; strömten jetzt den Steg hinauf und stauten sich an dem schmalen Durchgang vor dem Kaffee. Wie auch alle anderen Besucher zuvor musterte Robert sie aus den Augenwinkeln. Natürlich war es mehr als unwahrscheinlich, dass jemand von ihrem Treffen hier wusste, doch er würde niemals den Fehler begehen und Generalleutnant Wiesen unterschätzen. Ein Foto genügte.
   Er räusperte sich. „Ich verstehe, dass Schwerin ein Provinznest gegen die Weltstadt Berlin ist und du bei mir sicher vieles vermissen würdest.“
   Kerstin fasste nach seiner Hand auf dem Tisch. „Bitte, Robert. Du weißt, dass das nicht der Grund ist. Ich liebe dich und darum ist es mir egal, dass Schwerin nur ein Theater hat und dass ich dort keine Freunde habe.“
   „Warum glaubst du mir dann nicht, dass uns nichts passieren kann? Willst du dein ganzes Leben in Angst neben deinem General verbringen?“
   „Er ist nicht mein General! Ich rede hier von Gefühlen wie verletztem Stolz, von betrogen werden, von Gesichtsverlust und von allem, was aus einem Mann einen Berserker macht. Stell dir vor, jemand würde ihm ein Foto von uns auf den Schreibtisch legen – keine vierundzwanzig Stunden später würdest du abgeholt werden. Und das ist die Antwort auf deine Frage – wenn es sein muss, würde ich bei ihm bleiben. Ich kann keine Uniformen mehr sehen und selbst bei meiner Arbeit im Lazarett packt mich der Brechreiz, wenn ich jeden Tag die Folgen dessen, was beim Militär passiert, auf dem OP-Tisch sehe. Ohne Uniformen, egal ob in Ost oder West, wäre die Welt eine bessere. Ich will nicht jeden Tag Angst um dich haben müssen. Hast du auch einmal an deinen Sohn gedacht?“
   Natürlich hatte er das. „Sven ist alt genug, auf sich selbst aufzupassen und die fast anderthalb Jahre, in denen er seinen Grundwehrdienst leistet, haben ihn endgültig erwachsen werden lassen. Außerdem leben wir nicht mehr im Mittelalter, sondern im Sozialismus. Niemand von uns bestraft die Sünden der Eltern bis in die dritte Generation.“
   „Bist du dir da ganz sicher? Ich erinnere mich an eine Freundin, die nicht Medizin studieren durfte, weil ihre Eltern Akademiker waren und damit nicht aus der Arbeiterklasse kamen.
   „Das ist doch etwas ganz anderes. Jeder Staat, egal ob in Ost oder West, schützt seine Machtstruktur und wir tun das auch. Aber niemand kann unseren Apparat für persönliche Rachefeldzüge benutzen. Jetzt hör auf, dir solche Schauermärchen einzureden!“
   Vorgebeugt, mit einem Mund, der plötzlich gerade wie ein Strich war, fragte sie so leise, dass er es fast überhört hätte: „Wen meinst du mit ‚uns‘?“
   „Was?“
   Sie verengte die Augen zu Schlitzen und ein Eishauch schien plötzlich zu ihm herüberzuwehen. Jedes Wort betonend, wiederholte sie: „Ich will wissen, warum du von der Regierung und dem, was sie tut, als ‚uns‘ sprichst.“
   Er öffnete den Mund, doch sie hob die Hand. „Du hast mir gesagt, dass du an einem Schreibtisch arbeitest. Du hast mir jedoch nie gesagt an welchem und anrufen darf ich dich da schon gar nicht. Du sagst, dass du uns vor der Rache eines der mächtigsten Militärs hier schützen kannst? Ist das deine männliche Selbstüberschätzung, Beruhigung für eine dumme Pute wie mich oder kannst du es wirklich? Wenn ja – wieso? Wir haben uns in Bad Saarow das erste Mal getroffen, das ist ein Militärlazarett. Wieso bist du da behandelt worden, wenn du ein Zivilist bist? Deine Akte war so geheim, dass ich nicht in deine Vorgeschichte hineinblicken konnte und ich habe eine GVS – Einstufung! Vielleicht erinnerst du dich ja noch, dass ich deine behandelnde Ärztin war. Aber ich bin auch eine Frau, die von dem Mann, den sie liebt, ein paar Antworten haben will. Doch wo immer ich auch hinschaue, sehe ich nur Fragezeichen und weiße Flecken. Ich bin kein Backfisch mehr, der über den Schmetterlingen im Bauch die Realität vergisst!“
   „Kerstin …“
   „Ich muss zur Toilette!“
   Mit einer ruckartigen Bewegung setzte sie ihre Sonnenbrille auf, sprang aus dem Korbsessel und rannte dabei fast die Kellnerin um. Ihre Schultern zuckten, als würde sie von einem Hustenanfall geschüttelt. Robert winkte der Kellnerin. Wie es aussah, würde Kerstin wohl ein wenig länger auf der Toilette brauchen.