robert

   Eine löwenfarbene Promenadenmischung auf krummen, für den tonnenförmigen Körper viel zu kurzen Beinen dackelte an Benedict Mayer vorbei. Eine Leinenlänge später folgte seine Besitzerin. Ihr offener Sommermantel gestattete Benedict Mayer den Blick auf ein engsitzendes Kleid in der gleichen safranen Farbe ihres Vierbeiners und einer Figur, die der des Köters nicht unähnlich war.
   Mit pittoresker Grandezza lüftete Benedict Mayer seinen Tirolerhut vor den beiden. Vor Erstaunen wölbte die Dame unter ihrem weißen Strohhut die strichdünnen Augenbrauen, bis sie den Bögen einer gotischen Kathedrale glichen, und stockte. Ihre Reaktion quittierte er mit seinem freundlichsten Lächeln, nickte ihr zu und setzte seinen Weg fort.
   Er wich einem Baustellenschild auf dem Gehsteig aus, nicht dem Ersten, seitdem er seinen Spaziergang begonnen hatte. Honecker ließ bauen, was das Zeug hielt, weil Ostberlin nach seinem Willen eine internationale Metropole werden sollte; Zeugnis der Leistungsfähigkeit des Sozialismus vor aller Welt. Und sie kamen zügig voran hier, obwohl sie mit Maschinen und gutem Werkzeug nicht gerade reichlich gesegnet waren. „In Scheiße wird Scheiße“ hatte der Großvater von Benedict Mayer seinen Enkel gelehrt, der hatte es in seinem Leben bestätigt gefunden und genau deshalb war Benedict Mayer sich gewiss, dass Gott Moses nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte.
   Eben spazierte ein junges Pärchen an ihm vorbei. Das kunstseidene Kleid der jungen Frau leuchtete hell im Licht der Augustsonne und ihre schönen, wohlgerundeten Brüste zogen seinen Blick auf sich. Sie hielten sich an den Händen, warfen sich verliebte Blicke zu und er hob vor der Schönheit des Mädchens wieder seinen Hut. Verblüfft schauten beide ihn an, dann lachten sie, nickten ihm zu und setzten ihren Spaziergang fort.
   Er flanierte weiter über die Liebknechtbrücke und steuerte ein kleines Kaffee an. Hier wollte er sich ein ruhiges Plätzchen suchen und konnte auch noch ein paar wunderbare Fotos über die Spree hinweg von der herrlichen Kuppel des Berliner Doms machen. Für sein Denken war das wie ein Stichwort und es sprang wieder in die Spur seiner Besessenheit.
   Wohin er auch blickte, überall leuchtete der göttliche Funken; in der Kuppel des Berliner Doms; in der Wölbung der Augenbrauen der Dame mit dem hundefarbenen Kleid; in der Form der Brüste des jungen Mädchens eben; ja sogar in den Radkappen der vorbeirollenden Trabis, Wartburgs und Ladas. Sie alle besaßen Kurven, Kreissegmente, Kugelelemente oder zumindest die derzeit technisch machbare Annäherung an dieselben. Aber weil Gott den Menschen den Schlüssel dazu vorenthielt, würden sie niemals in der Lage sein, einen perfekten Kreis und weniger noch, eine absolut perfekte Kugel zu formen. Weil ihnen immer die letzte Stelle der Zahl „Pi“ nach dem Komma fehlen würde.
   Benedict Mayer war besessen von der Idee, ihr Geheimnis zu lüften und mehr als einmal hatte er sich in schlaflosen Nächten gewünscht, den Herrn danach fragen zu können.
   Er suchte sich ein schönes Plätzchen zwischen der Terrasse des Kaffees und dem Geländer am Spreeufer, von dem aus er einen freien Blick auf die Museumsinsel hatte. Ihm kam nicht in den Sinn, dass ausgerechnet heute der Tag sein könnte, an dem Gott ihm seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen würde.