Gaucho

   Wieder rollte die Panik von damals über ihn hinweg. Sein Atem raste, der Schweiß brach ihm erneut aus und wie auf einem Schwarzweißfoto sah er wieder die Felsen des Mijas vor sich. Der Mond hatte im letzten Viertel gestanden und in seinem kalten Licht hatte er begriffen, dass Gaucho sterben musste, damit er, Hartwig, weiterleben konnte.
   Er holte tief Luft, hob das Glas zum Himmel, sagte laut in die Stille der Nacht: „Salute Gaucho!“, und fast augenblicklich verschwand das Zittern seiner Hände. Gaucho hatte ihn verstanden. Wie damals …
Weder der Herausforderung noch der Verführung hatte Hartwig widerstehen können – ein Internetprojekt hatte ihn gerufen. Eine Finca in Fuengirola unter Andalusiens brennender Sonne zu Füßen des Mijas, nur fünf Autominuten entfernt vom Mittelmeer und Alfred und seine Frau, hatten auf ihn gewartet.
   Sie besaßen zwei Pferde, eine sanfte weiße Ara-berstute und einen kleinen grauen, widerspenstigen Cartujano namens Gaucho, der immer den Schalk im Nacken hatte. Wenn er Lust darauf hatte, konnte ihn eine weiße Plastetüte auf dem Weg so sehr erschrecken, dass er auf die Hinterbeine stieg und seinen überraschten Reiter in hohem Bogen in die Luft katapultierte. Allerdings verriet er sich hinterher immer selbst, wenn er sich seinen Hals nach dem im Staub gelandeten Reiter verrenkte und wieherte, als hätte er einen richtig guten Witz gemacht.
   Hartwig fand es weniger lustig, sich fast den Arm zu brechen beim Sturz und dafür von dem blöden Gaul auch noch ausgelacht zu werden. Damals fiel ihm nicht auf, dass Gaucho solche Anfälle nur bekam, wenn der Weg weich war, auf dem sie unterwegs waren. Trabten sie durch die gepflasterten Straßen Fuengirolas oder über die steinigen Gebirgspfade des Mijas, wurde Gaucho das trittsicherste Pferd der Welt und war durch nichts aus der Ruhe zu bringen.
   Damals verstand Hartwig das nicht und hielt sich nach seinem zweiten unrühmlichen Abgang lieber an die sanftäugige Stute. Ohnehin war er kein besonders guter Reiter. Er hatte es nie gelernt und hielt sich mehr schlecht als recht auf dem Rücken der Tiere.
Dann kam der Abend, an dem er sich mit Alfred überwarf. Das Projekt lief nicht gut, die Verkäufe brachen ein und nicht nur der Haussegen, sondern auch ihre Freundschaft hing an einem seidenen Faden. Mitten in dem heftigen Disput zwischen ihm und Alfred sprang Hartwig auf und rannte aus dem Haus. Er wollte nur noch weg, nichts mehr sehen, nichts mehr hören und so führte ihn seine Wut zu den Ställen. Ausgerechnet Gaucho, den er seit Wochen nicht mehr geritten hatte, warf er den Sattel und das Zaumzeug über und ritt mit ihm in die Abenddämmerung, hinein in die Berge.