Gaucho

   Zu Anfang fiel ihm nicht auf, dass Gaucho viel ruhiger dahinschritt, als er es bisher mit ihm erlebt hatte. Zu sehr wütete der Zorn in ihm und seine Gedanken waren noch bei dem Disput mit Alfred. Meistens hatte Gaucho schon Sperenzchen gemacht, wenn Hartwig ihm die Decke übergelegt hatte. Nicht so diesmal. Im Gegenteil, ruhig hatte er sich satteln lassen und trabte sittsam unter Hartwig dahin. Nur manchmal drehte er halb seinen Kopf und sah Hartwig mit dem linken Auge an, so, als wollte er sich vergewissern, dass alles mit seinem Reiter in Ordnung war.
Nichts war in Ordnung, ganz im Gegenteil. Nicht das Projekt zwang Hartwig in die Knie, sondern das Heimweh und das wollte er sich nicht eingestehen. Andalusien ist ein traumhaft schönes Land und er wäre gerne für alle Zeiten hier geblieben. Aber etwas in ihm rief ihn immer mehr zurück in die Heimat und das zerriss ihn innerlich.
   Pferde sind keine Menschen, die so etwas fühlen und daraus Schlussfolgerungen ableiten könnten. Wie also hätte ein Pferd darauf reagieren können?
   Mittlerweile war es dunkel geworden. Die Sterne leuchteten kristallklar am Nachthimmel, der Mond stand in seinem letzten Viertel und spendete genug Helligkeit, dass man bei seinem Licht noch hätte ein Buch lesen können.
   Hartwig lenkte Gaucho in eine Gegend, in der er noch nie geritten war. Hauptsache, sie war weit genug weg von irgendwelchen Menschen und so erreichten sie irgendwann einen schmalen Bergpfad. Nach einigen hundert Metern verengte sich der Pfad, links begann eine Schlucht und rechts reckte sich eine Felswand in die Höhe. Gaucho wurde unruhig, blieb nach wenigen Schritten stehen und drehte seinen Kopf, als wollte er seinen Reiter fragen, ob er sich sicher war.
   Hartwig wachte für einen Moment aus seiner Lethargie auf und sprach mit dem Pferd, als sei es ein Mensch: „Was ist? Hast du Angst vor einem Bergpfad, du blöder Gaul?“
   Gaucho schnaubte und Hartwig stieß ihm wütend die Fersen in die Flanken. Spürbar widerwillig setzte Gaucho sich in Bewegung und trabte den gewundenen Weg hinauf.