Gaucho

   Als hätte ein Riese mit einer gewaltigen Axt eine Kerbe in den Fels geschlagen, wand sich der Pfad an der Flanke des Berges entlang. Links, nur einen halben Meter neben ihnen, ging es über einhundert Meter fast senkrecht in die Tiefe und rechts von ihnen rückte eine Felswand bei jedem Schritt immer näher. Manchmal streifte Hartwigs Stiefel bereits das Gestein, doch er war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er Angst gehabt hätte.
   Der Pfad machte eine Biegung. Eine Felsnase versperrte ihm den Blick nach vorn und Gaucho blieb stehen. Hartwig schaute über die Schulter zurück und überlegte. In den letzten fünf Minuten war der Weg immer schmaler geworden und Gaucho jetzt zu wenden, hätte einem ungeübten Reiter wie ihm Probleme bereitet. Zwar wusste er nicht, was ihn hinter dem Knick erwartete, doch schließlich hatten Menschen den Pfad in den Fels gehauen und irgendwann mussten sie wieder auf eine Straße treffen. Es konnte gar nicht anders sein. Wieder trat er Gaucho in die Seite und zwang ihn langsam und vorsichtig um die Biegung.
   Die Falle war perfekt. Hinter dem Knick ritten sie auf einem Weg, der so schmal wurde, dass selbst ein Mensch Schwierigkeiten gehabt hätte, hier sicher zu gehen, und Hartwig musste sich blind auf die Trittsicherheit seines Pferdes verlassen. Er ließ sich vorsichtig nach vorne sinken, legte beide Arme um den Hals Gauchos und hoffte, dass der wusste, was er tat.
   Sie schafften noch zwanzig Meter, dann endete der Pfad wie abgeschnitten vor einem Abgrund. Vor ihnen und links ging es senkrecht in die Tiefe und rechts erhob sich mehr als dreißig Meter hoch eine mit dürrem Gesträuch bewachsene, schräge Felswand, die Hartwig selbst auf allen Vieren nur schwer hätte erklimmen können. Der Pfad, auf dem sie standen, war so schmal, dass er nicht einmal hätte absteigen können, ohne Gefahr zu laufen, in die Tiefe zu stürzen. Es dauerte eine geraume Weile, bis er begriff, dass sie so gut wie tot waren.