Gaucho

   Hartwig fiel nach vorn und musste sich an Gauchos Hals festklammern, wollte er nicht in die Tiefe stürzen. Im nächsten Moment bäumte Gaucho sich vorne auf, machte eine wilde Vierteldrehung nach rechts und beide schwebten für einen Moment nur auf Gauchos Hinterbeinen über dem bodenlosen Abgrund. Und genau in dem Moment, als die Schwerkraft sie hinabreißen wollte, sprang Gaucho mit einem Panthersatz in die schräge Felswand.
   Mit den Hufen krallte er sich in das Geröll der Steigung, mit wilden Muskelkontraktionen gewann er Meter um Meter, sogar mit den Zähnen biss er nach den dürren Sträuchern und nutzte ihren Halt, um sich und den Menschen auf seinem Rücken hinaufzuziehen.
   Noch heute kann Hartwig an den Innenseiten seiner Schenkel die Kontraktionen von Gauchos mächtigen Muskeln unter sich spüren und die ungeheure Kraft, mit der sich das Pferd den Berg hinaufkämpfte. Für einen winzigen Moment sah er dabei wieder eines seiner Augen, und in ihm brannte nicht die irre Wut eines um sein Leben kämpfenden Tieres, sondern etwas ganz anderes. Es war der Augenblick, in dem Hartwig verstand, dass ihm nichts geschehen konnte. Weil dieses Pferd es nicht zulassen würde.
   Es war nichts weiter als ein Gefühl. Fünfzehn Jahre, in denen er so manches Mal aus dem Schlaf geschreckt war, wenn der Mond im letzten Viertel gestanden hatte, mussten ins Land ziehen und er musste ein drittes Mal heiraten, um diesem Gefühl einen Namen geben zu können: Geborgenheit.
   Die letzten Meter kämpfte Gaucho sich auf Knien den Felshang hinauf. Er blutete aus vielen Schürfwunden und seine Beine und der Bauch sahen übel aus. Hartwig fiel entkräftet von seinem Rücken und schloss die Augen.
   Doch nicht lange. Gaucho erholte sich schnell wieder, senkte seinen Kopf, und schnaubte Hartwig seinen heißen Atem ins Gesicht. Hartwig schlug die Augen wieder auf. Direkt vor ihm bleckte Gaucho sein Gebiss und in seinen Augen blitzte bereits wieder der Schalk. Dann warf er seinen Kopf in den Nacken, schüttelte seine graue Mähne und wieherte in die Nacht. Noch heute wäre Hartwig bereit zu schwören, dass es ein Lachen gewesen war.
   Hartwig hob wieder das Glas zum Himmel. „Salute Gaucho, wo immer du auch jetzt bist!“