Sternenherz

   Er streckte den Arm aus, doch sie schlug ihm spielerisch auf die Finger und lachte leise. „Erst musst du ihre Geschichte hören, du neugieriger Teddybär.“
   „Warum?“
   „Weil ich es so will.“
   Das war keine Antwort auf seine Frage und die Schärfe in diesen fünf Worten überraschte ihn. Doch Malgorzata kuschelte sich sofort wieder in seinen Arm, schloss die Augen und mit jedem ihrer Worte entfernte sich die Welt vor dem Schlafzimmerfenster immer weiter von ihm.
   „Es ist wirklich wichtig, dass du verstehst. Ich stamme aus dem Volk der Yupik, das vor langer Zeit am Kap Deschnjow siedelte und bei dem diese Geschichte schon seit Urzeiten von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben wird. Es sind Verwandte der Eskimos und sie kennen viele wunderbare Legenden. In der vom Sternenherz spielt sogar einer meiner Vorfahren eine Rolle. Er hieß Tikaani, war ein junger Jäger, und als er eines Tages auszog, um Wild zu erbeuten, traf er in den verschneiten Wäldern ein wunderschönes junges Mädchen mit roten Haaren und grünen Augen, das sich verirrt hatte. Obwohl es bitter kalt war, trug sie nur ein dünnes Kleid aus Robbenfell und lief barfuß durch den Schnee. Sein Herz entbrannte in tiefer Liebe zu ihr und er nahm sie mit sich. Ihr Name war Ahala, und als er in der Nacht mit ihr in sein Dorf zurückkehrte, erleuchtete ein mächtiges Feuer den Himmel über ihnen, wie es auch die ältesten Dorfbewohner noch nie gesehen hatten.“
   „Es wird ein Polarlicht gewesen sein. Vielleicht nach einem besonders heftigen Sonnensturm“, brummte Christian.
   Malgorzata verschloss ihm den Mund mit einem Kuss. „Psst! Es ist doch eine Legende und da heißen Sonnenstürme immer Himmelsfeuer. Es ist hart dort in der Kälte der Polarregion und die Yupik lebten nur von dem, was die Natur ihnen gab. Mein Ururgroßvater Tikaani liebte meine Ururgroßmutter Ahala über alles, und jedes Mal, wenn er zum Fischen aufs Meer hinausfuhr, dachte er nur an die Heimkehr zu seiner geliebten Frau. Dann kam ein böser Winter, in dem unser Volk großen Hunger litt. Die Natur war knauserig gewesen mit ihren Gaben und darunter hatten nicht nur meine Vorfahren zu leiden, sondern auch die wilden Tiere.
   In der Nacht, in der Ahala meine Urgroßmutter Mauja zur Welt brachte, brannte wieder der Himmel über Kap Deschnjow mit der gleichen Heftigkeit wie an dem Tag, als Tikaani Ahala im Wald gefunden hatte. Die Ältesten traten zusammen und beratschlagten. Am nächsten Morgen verboten sie allen, auf das Meer zum Fischfang hinaus zu fahren. Sie sagten, ein Stern sei vom Himmel auf die Erde gefallen, hätte böse Geister ausgespien und diese würden den Verstand der Menschen und der Tiere verwirren.
   Wie alle anderen Bewohner des Dorfes auch hatten meine Ururgroßeltern schon vor der Geburt Maujas hungern müssen und das Verbot traf sie hart. Zwei Tage später war Ahala, die schon bei der Geburt ihrer Tochter nur knapp dem Tode entronnen war, so geschwächt, dass sie keine Milch mehr für Mauja hatte. Tikaani war verzweifelt und beschloss, auf Fischfang zu gehen, obwohl er wusste, dass er dafür aus dem Dorf verjagt werden konnte. Er küsste seine Frau zum Abschied und ging über das Eis auf das Meer hinaus, um an einer freien Stelle Fische zu fangen. Viele Stunden musste er laufen, bis er einen geeigneten Platz fand und es wurde später Abend, bis er mit seinem Fang heimkehrte.
   Doch Ahala war tot. Eine hungrige Bärin war in das Dorf eingedrungen und hatte Ahala getötet, als sie ihre Notdurft verrichtete.