Sternenherz

   Tikaani wollte ohne seine Frau nicht leben, und da er seine Tochter Mauja bei seinem Volk in Sicherheit wusste, wanderte er wieder auf das gefrorene Meer hinaus. Stunde um Stunde, bis ihn seine Füße nicht mehr tragen wollten. In einer windgeschützten Höhle, die aufragende Eisschollen gebildet hatten, ließ er sich schließlich niedersinken, um zu sterben.
   Die Kälte hatte sich bereits zuvor in seinen Körper gefressen, und so dauerte es nicht lange, bis das Fieber und die Erschöpfung ihm die Augen schlossen. In seinem Delirium hörte er, wie Ahala, nach ihm rief; so deutlich, als stünde sie neben ihm. Dann ließen Schritte den Schnee knirschen, nicht die kräftigen Tritte von Stiefeln, sondern so, als liefe ein Mensch barfuß durch den Schnee und Tikaani erinnerte sich an den Moment, als er Ahala das erste Mal gesehen hatte. Barfuß war sie gewesen, hatte nur ein dünnes Robbenfell getragen und trotzdem hatte die Kälte ihr nichts anhaben können. Er begann zu weinen.
   Da fühlte er, wie ihn nackte Arme umschlangen, ein warmer Körper sich an ihn drängte und eine Stimme, die er kannte, fragte: „Warum bist du hier?“
   „Ich kann ohne meine Frau nicht leben“, antwortete er in seinem Fiebertraum.
   Ahala widersprach in seinem Kopf: „Dein Leben gehört nicht dir. Es gehört unserer Tochter, und wenn du es wegwirfst, habe ich den falschen Mann geliebt.“
   „Aber ohne dich ist die Welt so dunkel“, sagte er.
   „Dann mache ich sie dir wieder hell“, lächelte Ahala und hängte ihm eine Kette um den Hals. „Es ist ein Sternenherz. Es wird dir dein Leben erhellen, und wenn du dereinst für immer gehen musst, dann wird sie unsere Tochter tragen und nach ihr ihre Tochter. Sie alle werden den Menschen wiedersehen, der sie am meisten lieben, wann immer sie auch von ihm getrennt werden. Genau, wie auch du mich wiedersehen wirst.“
   Tikaani fühlte ihre innige, letzte Umarmung, dann ging sie wieder hinaus ins silberne Mondlicht. Barfuß, nur mit ihrem dünnen Robbenfellkleid bekleidet, hinein in die tödliche Kälte. Er schlief ein, und als er am nächsten Morgen aus seinem Fiebertraum erwachte, ging er nach Hause und wurde seiner Tochter ein guter Vater.“
   Christian brummte: „Er hätte entweder erfroren oder total entkräftet sein müssen.“