9 April 2022

Die Mauer

Wer 1988 mit dem Auto von Schwerin nach Ludwigsust unterwegs war, fuhr bereits nach wenigen Kilometern durch militärisches Sperrgebiet. Er durchquerte erst den Bereich einer sowjetischen Division, links die Garnison, rechts der Schießplatz, und passierte danach einen Bahnübergang. Tat er das in der Nacht, konnte es durchaus sein, dass er wegen eines Eisenbahnzuges warten musste, auf dessen Plattformwagen Panzer und andere militärische Gefechtstechnik festgezurrt waren. Wenn sich die Schranken hoben und er weiterfahren konnte, passierte er nach wenigen Kilometern eine halb im Wald versteckte Bushaltestelle und, wenn er nicht zu schnell unterwegs war, erhaschte er noch einen Blick auf eine Laterne, die am Ende einer nur wenige hundert Meter langen Zufahrt ein eisernes Tor beleuchtete. Er passierte Stern Buchholz, oder, wie die Eingeweihten sagten: »Stern 1«. Hier lebten und arbeiteten tausende Soldaten und Offiziere der NVA und der Name des Truppenteils lautete »Mot-Schützenregiment 27«

Würde er hier einbiegen, so hätte er außer fünf Wohnblocks für Offiziere und ihre Familien, zwei versteckt dahinter liegenden Ledigenwohnheimen, zwei Kinderspielplätzen und einigen Garagen nichts Aufregendes gefunden. Hätte er jedoch die Erlaubnis und die nötigen Papiere besessen, das zu jeder Tages- und Nachtzeit streng bewachte Rolltor zu passieren, so hätte er dahinter Kampfeinheiten gefunden, die in der Lage waren, innerhalb von zwei Stunden auszurücken und eine Panzerdivision der Bundeswehr aufzuhalten: ein Panzerbataillon, drei Mot-Schützenbataillone und eine SFL-Artillerieabteilung nebst Unterstützungseinheiten. Sogar ohne Vorwarnung und ohne Vorbereitung. Hier wartete tausendfacher Tod darauf, von der Kette gelassen zu werden.

Es war das Jahr, in dem sich einige die Frage stellten, wann dieser Befehl kam und, noch viel wichtiger, wer ihn geben würde. Über die Frage, gegen wen die Panzer dann ausrücken würden, mochten nur wenige nachdenken. Vor drei Jahren war Michael Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU geworden und hatte dem Wort »sozialistische Demokratie« eine neue Bedeutung verliehen. Seine Denkweise und seine Reden verstießen so sehr gegen das politische Bild des realen Sozialismus, dass in der DDR der »Sputnik«, ein sowjetisches Publikationsorgan, verboten wurde. Polnische Gewerkschafter hatten ihre Regierung an den Verhandlungstisch gezwungen und in Ungarn musste der Regierungschef, Janos Kadar, abdanken. Selbst in der DDR gewann eine »Initiative Frieden und Menschenrechte« an Bedeutung und die Welt außerhalb des sozialistischen Lagers hielt den Atem an. Etwas lag in der Luft, und wer die politische Entwicklung verfolgte, wusste, dass sich der Sozialismus auf seinem Totenbett in den letzten Zuckungen wand. Niemand wagte vorauszusagen, wohin sich das Rad der Geschichte drehen würde. Nur eines war gewiss – es würde sich drehen.

All das wusste Christian Svensson, als ihn vor zwei Tagen ein Bus in das Objekt des Mot.-Schützenregiments 27 nach Stern Buchholz brachte – schließlich las er Zeitung. Jetzt hatte er anderes zu lernen, und das Erste, was man ihm beibrachte, war des Wort »Objekt«. Man sagte nicht »Kaserne« im militärischen Sprachgebrauch. Niemand erklärte ihm, warum das so war und es interessierte ihn auch nicht, genauso wenig, wie ihn die weltpolitische Lage interessierte. Viel wichtiger war für ihn, dass er einer der wenigen Soldaten aus Schwerin war, die nicht irgendwo im Süden der DDR ihren Grundwehrdienst ableisten mussten, sondern nur zehn Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Er wusste, dass das eine absolute Ausnahme war und er wusste auch, wer da im Hintergrund die Fäden gezogen hatte.

Die Wirklichkeit der Grundausbildung eines neuen Rekruten in der NVA unterschied sich sehr von dem, was er sich darunter vorgestellt hatte. Statt des Metalls einer Maschinenpistole fühlte er die Nässe eines Wischlappens in seiner Hand und er kniete nicht auf der Erde des Schießplatzes, sondern auf den Fliesen in den Gängen des Regimentsstabes.

Feldwebel Weiner latschte über den Flur, und es störte ihn dabei nicht, dass die Sohlen seiner Stiefel auf den frisch gewischten Fliesen Abdrücke hinterließen. Dann würde der Soldat eben noch einmal wischen müssen. Die Grundlagen für die zukünftige Diszipliniertheit der Frischlinge legten die Unteroffiziere in den ersten vier Wochen der sogenannten Grundausbildung und Feldwebel Weiner betrachtete sich als Experten in dieser Tätigkeit. Die jungen Soldaten brauchten Hilfe, um sich in ihrer neuen Welt zurechtzufinden, in der nicht ihre Fähigkeiten und ihre Intelligenz, sondern die Anzahl der Streifen auf den Schulterstücken die Position in der Rangordnung bestimmte und das war für einige nur schwer zu akzeptieren.

Schon am ersten Tagen hatte er gewusst, dass dieser Svensson seine besondere Aufmerksamkeit verdiente. Zu jedem Befehl stellte er eine Frage oder musste einen Kommentar abgeben. Sein breites Kreuz und sein freches Auftreten machten ihn zum Sprecher der zusammen mit ihm einberufenen Soldaten. Außerdem schien sein Vater irgendein hohes Tier zu sein, denn der Kompaniechef hatte es für nötig befunden, ihn, den erfahrenen Feldwebel Weiner, gesondert darauf hinzuweisen. »Weiner, passen sie auf, dass sie mit Svensson auf dem Boden der Dienstvorschrift bleiben! Ich will keinen Ärger, nur weil sein Vater in Schwerin einiges zu sagen hat. Ist das klar?«
Weiner hatte »Jawoll, Genosse Hauptmann« gesagt und damit war für ihn klar gewesen, dass der Soldat Svensson und er in den nächsten achtzehn Monaten ein ganz besonders inniges Verhältnis entwickeln würden.
»Soldat Svensson, sie sollen hier nicht pennen, sondern den Fußboden schrubben! In einer halben Stunde will ich den so glänzen sehen, dass der Regimentskommandeur darin sehen kann, wie perfekt er rasiert ist!«

Christian Svensson senkte den Kopf und tauchte den Wischlappen in den Eimer. Als er ihn herauszog und auswrang, setzte er seine Körperkraft ein und das dreckige Wasser spritzte aus dem Lappen bis auf die Uniform von Feldwebel Weiner. »Was sind sie denn für ein Idiot? Sie sind ja sogar zu dämlich, einen Wischlappen zu bedienen!« Weiner sprang einen Schritt zurück und ruderte mit den Armen, um auf den nassen Fliesen sein Gleichgewicht zu halten.
Svensson hob den Kopf. »Es tut mir sehr leid, Genosse Feldwebel. Es wird nicht wieder vorkommen.«
Weiner starrte ihn an und sein Gesicht wurde rot, als er Luft holte. »Sie sind eine miese Ratte, Svensson! Warum grinsen sie, wenn sie sich entschuldigen? Ich mache sie hier zur Sau, ich werde ihnen ihre Aufsässigkeit …« Irgendwo wurde eine Tür zugeschlagen und Feldwebel Weiner unterbrach sein Gebrüll. Es war kurz nach einundzwanzig Uhr und um diese Zeit sollte im Regimentsstab keine Tür mehr klappen.
Weiner reduzierte die Lautstärke einer Stimme. »Soldat Svensson, sie werden den Soldaten Matzek in der obersten Etage ablösen und den Flur der Regimentsführung reinigen.«
Das vertrieb nicht das Grinsen aus Svenssons Gesicht. Ihm war es egal, wo er saubermachen musste. Dann machte Matzek eben hier in der zweiten Etage weiter. Christian stand auf, griff nach Eimer und Wischlappen und wollte an Weiner vorbei zur Treppe gehen.
»Habe ich gesagt, dass sie hier aufhören sollen, zu wischen?« Weiner bemühte sich, kein Grinsen auf seinem Gesicht zu zeigen.
»Aber …«
»Natürlich werden sie ihre Aufgabe hier erst erfüllen, bevor sie die nächste in Angriff nehmen. Und sehen sie zu, dass sie es schaffen, sonst melde ich sie als faul und aufsässig dem Kompaniechef.«
Christian sah den Feldwebel an und wusste, dass sie wirklich keine Freunde werden würden. Dann ging er wieder in die Knie und ließ mit gesenktem Kopf seinen Frust an den Fliesen aus, während der Feldwebel wieder durch den bereits gereinigten Bereich davonstolzierte, um den nächsten Soldaten zu kontrollieren.

Zehn Minuten später hatte Christian den Soldaten Matzek in der obersten Etage des Gebäudes abgelöst und schrubbte den Fußboden vor den Zimmern der Regimentsführung. Er hatte gewusst, dass Weiner ihn mehrmals nerven würde und deswegen an der Stahltür ganz hinten begonnen. So konnte der Feldwebel nicht wieder über den frisch gewischten Boden latschen, ohne sich an ihm vorbei zu drängen, denn es gab nur eine Treppe und die lag am anderen Ende des Flurs. Es dauerte tatsächlich nur fünf Minuten, bis er Weiner die Treppe hinauf trampeln hörte.
»Beeilen sie sich, Svensson. Hier brauchen sie nicht so gründlich machen. Hier sitzt die Verwaltung 2000 und die interessieren sich zwar auch für Ordnung und Sauberkeit, aber vor allem in den Köpfen von Leuten wie Ihnen. Bringen sie lieber den Boden vor dem Zimmer des Stabschefs zum Glänzen!«
Verwaltung 2000? Das sagte Christian nichts, aber er war auch erst zwei Tage hier. »Was ist dahinter? Eine Waffenkammer?« Er schaute den Feldwebel an, während er sich aufrichtete. Der stemmte die Hände in die Hüften.
»Ministerium für Staatssicherheit für die bewaffneten Organe, Svensson. Und bevor sie weiter fragen – mein Dienstgrad ist Feldwebel und den will ich in jeder Antwort und jeder Frage von ihnen hören! Und jetzt sehen sie zu das sie fertig werden, ich will irgendwann noch nach Hause!«
Ja und meiner ist Soldat, dachte Christian, bevor er den Kopf senkte und weiter die Fliesen bearbeitete.

Zwanzig Minuten später lief ihm der Schweiß in die Augen. Der Wischlappen wirbelte nur so in seinen Händen und er musste noch die Treppe von der dritten zur zweiten Etage wischen. Hinter sich hörte er das Geräusch einer sich schließenden Tür und es war nicht der Klang, mit dem eine Holztür in den Rahmen fällt. Er wunderte sich. Das hatte sich eher nach einer Tresortür angehört, Stahl hatte auf Stahl geklungen und er zog die Stirn kraus. Dann kamen Schritte auf ihn zu und er richtete sich auf. Feldwebel Weiner brüllte auf der zweiten Etage und nach seinen Worten war der Regimentsstab um diese Zeit leer.

Ein junger Mann kam mit gesenktem Kopf auf Christian zu und hob ihn auch nicht, während er an ihm vorbeiging. Er schaute dem jungen Mann hinterher. Der ging die Treppen hinunter, als würde er sie jeden Tag benutzen und Svensson tunkte den Lappen wieder in den Wischeimer. Es würde schon seine Richtigkeit haben. Der Mann musste unten am Unteroffizier des Regimentsstabes vorbei und der würde ihn kontrollieren. Es war nicht sein Bier, wer aus einer Stahltür kam oder wer dahinter verschwand. Er hatte hier nur sauber zu machen und nicht über Dinge nachzudenken, die ihn nichts angingen. Nicht zu widersprechen und nur das zu denken, was er denken sollte, hatte er von seinem Vater gelernt und der musste es wissen.
Christian schrubbte weiter. Er wusste nicht, dass er sich mit dieser Art zu denken nicht sehr von Milliarden anderer Menschen unterschied in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diesseits und jenseits einer Mauer, die nicht aus Beton besteht.

 

Geschrieben 2012. Es ist, als wäre die Zeit stehengeblieben. Oder kommt es mir nur so vor, weil wir nicht aus ihr lernen?

Bild von Alexsandr31 auf Pixabay

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Verfasst 9. April 2022 von rsonnberg in category "Erzählungen

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